Die Jäger

Als Rio sie auf der Straße sah, wusste er, die isses. Er folgte ihr unauffällig in den Supermarkt, zur Post, und als sie in einen Hauseingang schwenkte, schoss er vor. „Kann ich helfen?“, fragte er und lächelte. „Hmm, und wat soll dit kosten?“ fragte sie und kramte in ihrer Handtasche nach dem Schlüssel. Natürlich nüschte,“ protestierte Rio. Helga musterte ihn. „Na, weil Weihnachten is,“ sagte sie und ihr Mund verzog sich kurz zu einem Lächeln. Sie schloss die Tür auf. Rio nahm die schweren Einkaufstaschen, die sie auf dem Boden abgestellt hatte und tänzelte die Treppe nach oben. „Welche Etage?“ … Die Jäger weiterlesen

Die Wohnung

  Sie war von Anfang an eine Nummer zu groß, zu mondän, zu neu, zu einfach alles. Die Wohnung in dem 90er-Jahre-Bau hatte ein Bad mit Marmorfliesen, die ich hässlich fand. Der Teppich war aschgrau in allen Zimmern, sogar im Flur, und in der Küche dominierte eine weiße Einbauküche, auf grauen Fliesen – leer hatte die Wohnung eher wie ein Büro ausgesehen. Und sie war eigentlich zu teuer. Dennoch zogen wir ein. Die Lage neben der schönsten Schwimmhalle der Stadt unweit der Museumsinsel hatte uns überzeugt, und da sie sich in der obersten Etage befand, konnten wir weit über die … Die Wohnung weiterlesen

Welten

Am Wochenende war ich in Sachsen-Anhalt, kleines Städtchen, die Bäckerei macht am Samstag um 11 zu, das einzige Café serviert Kännchen Kaffee. W-LAN? Never. Es war wie ein Ausflug in die 70er , wenn nicht die schwallweise einfallenden jungen Leute gewesen wären, die den Altersdurchschnitt des Städtchens mit ihrer Anwesenheit bei Lidl, Penny  und Aldi (wg. Wein im TetraPak, Bier)  erheblich senkten. Das Gewummer in der Nacht und am Tag wies den Weg. Ein Festival ganz in der Nähe sorgte für das Aufeinanderprallen von Welten. Hier die junge Crowd in bunten Kleidern und Glitzer im Gesicht, dort die beigefarbene Bürgerschaft … Welten weiterlesen

En Passant

Öffentliche Verkehrsmittel sind Spitze, wenn man mal in anderer Leute Leben schauen will. Da tun sich Abgründe auf und man sitzt seelenruhig daneben. So laut wie dieser junge Mann, vielleicht Student oder Start-Up-Gründer oder beides, im ICE drei Reihen vor mir telefoniert, muss seine „Ma“, mit der er spricht, sehr weit weg sein. Also vielleicht in Arizona. Während sie dort auf einer hölzernen Veranda im Schaukelstuhl sitzt und irgendwo in der Nähe eine Schlange klappert in der heißen Sonnenglut, starrt ihr Sohn zwischen Bielefeld und Hannover missmutig auf sein Notebook. „Das ist immer wieder dieselbe Leier, ich kann es nicht … En Passant weiterlesen