Ameisen

Auf dem Balkon haben sie eine Straße gebaut, zwischen Ackerveilchen und Margeritenbusch. Eilig wuseln die kleinen Viecher hin und her auf dem Weg zu den Blattläusen, die sie melken müssen, um ihre Brut zu versorgen. Morgens um acht auf der Gartenstraße in Berlin-Mitte ein ähnliches Bild. Alles hastet, eilt, eine Mutter hält in zweiter Reihe, um ihr Kind schnell in die Kita zu bringen. Wegen dem Kran auf der anderen Straßenseite kommt niemand vorbei. Wildes Hupen, genervte Gesichter. Das ist also aus der Stadt geworden. Gemütlich und gut gelaunt sind nur noch die Touristen, die in den Cafés lagern und in die Sonne blinzeln. Ansonsten: eine Stadt voller Ameisen, die die Angst vor zu wenig Rente am Lebensabend umtreibt. Den Senat freut´s, die Steuereinnahmen sprudeln. So kann man sagen, Berlin ist typisch deutsch geworden, jedenfalls in Berlin-Mitte, in Kreuzberg, Prenzlauer Berg, Friedrichshain, Schöneberg und Charlottenburg-Wilmersdorf. Im Wedding, 200 Meter weiter sprudelt vor allem der Durchgangsverkehr. Aber auch hier sieht man immer öfter, Menschen morgens aus den Hauseingängen stürzen auf dem Weg zur Arbeit. Die Mieten steigen selbst in den dortigen hässlichen 80er-Jahre Bauten rasant, Hartz4-Empfänger sind auf dem Rückzug.
Wer morgens um acht einfach nur spazieren geht, ganz gemütlich, fällt auf. Oder auch nicht, es guckt sowieso keiner hin. Aber komisch fühlt man sich doch. Die Ameisenstraße ist übrigens einer Schale voll gezuckertem Bier zum Opfer gefallen. Darin sind die Viecher ertrunken.

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