Getreide

 

 

Es lag so ein Sirren in der Luft. Über den frisch geschorenen Feldern kreisten Kraniche, Adler und eine brütende Hitze nahm allem den Atem. Vier Störche folgten dem Mähdrescher in ruhigen, staksigen Schritten, die Wolke aus Getreidestaub, die wie dicker Rauch über dem Feld stand, störte sie nicht. Sie hatten nur Augen für das, was das Ungetüm preisgab. Käfer und Würmer ohne den Schutz der Halme.

Ich wollte ausspannen, Ferien machen, ziellos übers Land radeln und faul sein. Doch das geschäftige Treiben der Bauern ließ mich zweifeln. Dort die einen, die ab morgens um vier bis Mitternacht das Korn einfuhren und mit ihren Wagen die Straßen blockierten, und dort auch ich bereit zum süßen Nichtstun. Ich fühlte mich wie Donald Duck in der Hängematte. Kaum eingeschlummert, geweckt vom Großgrundbesitzer Dagobert und den lieben Neffen.

Eines Abends, als das Heulen der Motoren wieder nicht enden wollte, beschloss ich angeln zu gehen. In der Dämmerung setzte ich mich an den See mit der Rute meines Vermieters und spießte ein altes Brötchen auf den Haken. Ich warf den Köder aus und wartete, im Hintergrund das Sirren der Mähdrescher, die im Scheinwerferlicht das Korn einsammelten. Es passierte eine ganze Weile nichts und ich begann müde zu werden. Die Angel legte ich so neben mich, dass ich sie im Liegen mit dem Arm festhalten konnte. Ich hatte vom Fischen keine Ahnung, und vielleicht sollte es besser dabei bleiben, dachte ich mürrisch und starrte in den sternenklaren Himmel. So schlief ich ein.

Ein Ruck weckte mich. Etwas zog an der Angel und ich hatte sie im letzten Moment greifen können. Es war mondhell und ich sprang auf, um sie besser halten zu können. Mein erster Fisch! Er kämpfte und es dauerte eine Weile, bis ich begriffen hatte, wie man die Schnur wieder einrollen musste. Aber schließlich hatte ich ihn an Land. Ein mittelgroßes Irgendwas, ich haute einen Stein auf seinen Kopf und dann hörte das Zappeln auf. Ich zitterte. War ich das gerade gewesen? Ich ließ den Stein fallen und starrte den toten Gesellen an. „Verzeihung“, flüsterte ich.

Ich steckte den Fisch in eine Tüte, die ich mitgebracht hatte und eilte zum Ferienhaus. In der Morgendämmerung kam mir der erste Mähdrescher entgegen, ich nickte dem Fahrer zu, aber er beachtete mich nicht. In der Küche verstaute ich die Tüte im Kühlschrank. Ich roch an meinen Fingern und stürzte ins Bad. Ich schrubbte und seifte, bis nichts mehr übrig war von dem Fisch. Müde rollte ich mich unter die Bettdecke und stöpselte Oropax in meine Ohren. Plötzlich war der Geruch wieder da, und ich sah immer wieder den Stein auf den Fisch niedersausen.

Ich stand auf und packte meine Sachen.

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