Alte Freundinnen

Teresa packte ihre Sachen. Sie fühlte sich alt und schmutzig und freute sich auf die willkommene Abwechslung. Nach dem Tag im Büro war sie zuhause erschöpft auf das Sofa geplumpst und hatte sich eine Weile nicht mehr gerührt. Nebenan hatten die Nachbarskinder gestritten, irgendwo lief ein Fernseher. Nur bei ihr war es still gewesen. Sie hatte eine Praline gegessen, die noch vom Vorabend übrig geblieben war und dabei war ihr unwohl gewesen. Nur nicht wieder einen Abend vor der Glotze hatte sie gedacht und da war ihr die Idee mit der Sauna gekommen. Wann war sie das letzte Mal dort gewesen? Es musste etliche Jahre her sein, denn da hatte Asta noch bei ihr gewohnt. Sie hatte einen Stich in der Herzgegend gespürt und eilig war sie ins Bad geeilt. Dass Asta ausgezogen war, tat ihr immer noch weh, dabei war es schon vier Jahre her. Im Spiegel hatte sie sich nicht angesehen, zu frustrierend waren die hängenden Wangen und das Doppelkinn. Sie stopfte Handtücher und Shampoo in ihren Freizeitrucksack und suchte dann die Badelatschen, ohne Erfolg. Sicherlich hatte Asta sie sich irgendwann ausgeliehen und nicht wieder zurückgebracht, wie so vieles. Teresa seufzte und zog ihren Mantel an. Sie schlüpfte in ein Paar Slipper, es war zwar Winter, aber die Sauna befand sich im Nachbarhaus. Sie zog die Tür zu und drehte den Schlüssel zweimal um. Seit sie allein lebte, hatte sie Angst vor Einbrechern.
In der Sauna war wenig los. Es duftete nach Aroma-Öl und die Angestellte kassierte im Flüsterton. Sie trug eine Art Fitnessdress und Teresa beneidete sie um ihre sportliche Figur. Beim Ausziehen bemerkte sie einen wachsenden Unwillen, sich mit Speckröllchen in der Öffentlichkeit zu zeigen. Zum Glück war Frauentag und die Sauna recht leer. Früher hatte sie Tennis gespielt und war regelmäßig joggen gegangen, doch seit der Bandscheiben-OP war sie vorsichtig geworden. Außerdem ließ ihr der Job im Büro kaum Zeit für Sport und im Winter war es dunkel, wenn sie nach Hause kam.
Teresa duschte und zog den Bademantel über. Zum Glück waren mehrere Liegen frei und sie besetzte eine mit ihrem Buch und dem kleineren Handtuch. Dann schlappte sie durch den Duschraum zur Finnsauna und legte den Frotteemantel ab. Sie freute sich auf die Wärme und als sie die Tür öffnete, hätte sie am liebsten gejuchzt. Es waren noch zwei weitere Frauen im mittleren Alter da, und Teresa suchte sich einen Platz auf der mittleren Bank. Sie schloss die Augen und spürte wie die Wärme in ihre Poren einfiel. Sie erinnerte sich an einen Urlaub auf der Sinai-Halbinsel mit Asta und Jan, wie sie gestöhnt hatten wegen der Hitze und wieder froh gewesen waren zuhause im Winter. Alleine verreiste sie nicht gern, und seit Jans Tod war sie nicht mehr weit fort gewesen. Sie öffnete die Augen und rieb sich einen Schweißtropfen von der Wange. Die beiden Frauen unterhielten sich im Flüsterton, und die dämmrige Beleuchtung machte Teresa müde. Sie legte sich lang hin, aber plötzlich wurde es ihr zu heiß und sie eilte ins Freie. Ein wenig graute ihr vor dem kalten Schauer, der sie nun erwartete. Langsam legte sie ihr Handtuch auf eine Bank. Ihr Blick streifte eine Frau, die dort saß und las. Irgendwie kam sie ihr bekannt vor. Aber das passierte ihr andauernd und sie dachte nicht länger darüber nach. Je älter sie wurde, desto ähnlicher waren sich viele Menschen, denen sie begegnete. Teresa ging zur Dusche und brauste sich mehrere Minuten eiskalt ab. Ihr war nicht wohl dabei, aber es gehörte nun mal dazu.
Nachdem sie ein wenig am offenen Fenster auf und abgegangen war, hüllte sie sich in ihren Bademantel und öffnete die Tür zum Ruheraum. Jemand hatte das Buch und Handtuch zur Seite geräumt und die Liege besetzt. Sie wunderte sich, denn es waren noch eine Menge anderer Liegen frei, aber da die Frau die jetzt dort lag, die Augen geschlossen hielt, sagte sie nichts weiter und zog mit ihren Sachen an die andere Seite des Raumes. Dort machte sie es sich bequem.
Sie las gerade ein Buch über Kafkas letztes Lebensjahr und schon nach den ersten Sätzen war sie eingenickt. Als jemand die Liege neben ihr in Beschlag nahm, wachte sie wieder auf und stellte fest, dass sie höchstens fünf Minuten geschlafen haben konnte. Die Frau neben ihr hatte einige Zeitschriften lautstark auf dem Tisch zwischen ihnen deponiert, und als sie jetzt zu lesen begann, blätterte sie so energisch die Seiten um, dass Teresa sich wunderte, dass nichts zerriss. Sie stand auf und sah, dass es die Frau war, die sie zuvor auf der Bank neben dem Tauchbecken hatte sitzen sehen. Woher kannten sie sich bloß? Machte sie vielleicht deshalb so einen Lärm, weil sie beleidigt war, dass Teresa sie nicht gegrüßt hatte? Sie schlang den Bademantel enger um sich und legte ihr Buch auf das kleine Tischchen. Dann ging sie Richtung Sauna, um sich wieder aufwärmen zu lassen. Als sie die Holztür aufzog, kam ihr die Hitze wieder paradiesisch vor. Sie setzte sich diesmal auf die oberste Bank und genoss es, alleine zu sein. Doch es verging keine Minute, als die Tür wieder aufgezogen wurde und die zwei Frauen hereinkamen, mit denen sie das letzte Mal Gesellschaft genossen hatte. Wieder ging das Flüstern los und wieder wurde Teresa schläfrig. Vielleicht eine Mutter aus Astas Kinderladen, dachte sie. Immerhin 30 Jahre her, aber manche Menschen hatten ein Elefantengedächtnis. Oder jemand aus dem Tennisclub. Sie forstete die Jahre in Schule, Vereinen und Jobs durch. Schließlich war sie sich sicher. Ja, das musste sie sein, eine alte Freundin aus Kindertagen, zuletzt hatten sie sich bei einem Klassentreffen wiedergesehen. Nackt sehen Menschen anders aus, dachte Teresa und eilte zur Tür. Sie brauste sich kurz ab und ging in den Ruheraum, doch da war niemand. Enttäuscht legte sie sich wieder auf ihre Liege. Sie wird wiederkommen, dachte Teresa und griff nach ihrem Buch. Sie las, aber sie konnte sich nicht richtig konzentrieren. Wie viele Menschen sie in ihrem Leben schon getroffen und wieder aus den Augen verloren hatte. Gute Freunde, die sich mit den Jahren immer weiter entfernt hatten, bis die Freundschaft ganz erloschen war. Wie sie jetzt wohl aussahen, an wie vielen ging sie vorbei ohne sie zu erkennen? Teresa seufzte.
Als die Tür aufging, kam eine Frau mit dunklen Haaren herein. Auch sie kam ihr plötzlich bekannt vor. War das nicht die Effi, die Griechin? Teresa spürte ihr Herz klopfen. Sollte sie sie ansprechen? Und wenn sie es nicht war? Warum waren so viele Bekannte in dieser Sauna? Ihr wurde schwindelig. Hastig raffte sie Handtücher und Lektüre zusammen und eilte zur Umkleidekabine. Dort sah sie gerade noch wie ihre Freundin aus Kindertagen die Tür hinter sich zuzog. Teresa überlegte, ob sie ihr nacheilen sollte, aber dann fand sie es doch besser, sie in den nächsten Tagen anzurufen. Während sie sich anzog, überlegte sie, wie sie vorgehen sollte. Am besten wäre es zu sagen, da sei eine Frau in der Sauna gewesen, die ihr sehr ähnlich gesehen habe und das hätte sie veranlasst mal wieder bei ihr anzurufen. Ja, so würde sie argumentieren. Morgen. Oder übermorgen.
Teresa ging nach Hause und machte es sich auf dem Sofa bequem. Sie sah die Nachrichten im Fernsehen und aß dabei eine Tiefkühlpizza, dann rief sie Asta an.

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