Der erste Tag

 

Mowe hatte den Job. Ausgewählt aus hunderten von Bewerbern trat sie an einem grauen Montagmorgen vor den Fahrstuhl eines hässlichen Bürohauses. Überall Neonlicht, obwohl der Herbst noch gar nicht richtig angefangen hatte. Die Fahrstuhltür öffnete sich, aber die Kabine war bereits so voll, dass sie sich entschied zu laufen. Die Tiefgarage, fiel Mowe ein, daher kamen die anderen. Sie seufzte, als sie die Tür zum Treppenhaus aufstieß. Das waren jetzt also die neuen Kollegen, ein Verlag, der Sportbücher veröffentlichte, aber keiner bewegte sich auch nur einen Schritt mehr als nötig – vom Auto in den Fahrstuhl – das war´s. Mowe war mit dem Fahrrad gekommen, und sie hatte zwei Topfpflanzen im Arm. Das Büro hatte ihr bei der ersten Besichtigung nicht besonders zugesagt. Ein Raum zu einem Innenhof, zudem mit braunem Teppich, das alles in einem Gebäude, das schon bessere Jahre gesehen hatte. Langsam stieg Mowe die Treppe hinauf. Ihre Schritte hallten von den Wänden wider, ihr war kalt. Bei dem Gedanken, wie viel Zeit sie jetzt hier verbringen würde, fröstelte sie noch mehr. Ein bisschen wie Knast, dachte sie. Aber was hätte sie tun sollen? Es hatte keine Alternative gegeben, oder sie hätte umziehen müssen, raus aus der schönen Vier-Zimmer-Wohnung irgendwohin an den Stadtrand, wo keiner freiwillig wohnte. Sie musste Geld verdienen, darum führte kein Weg herum. Und die Bücher, die von hier ihren Weg in die weite Welt fanden, waren gar nicht so schlecht. Das war immerhin ein Trost.

Als sie im vierten Stock ankam, hatte sich ihre Laune schon ein bisschen gebessert. Vielleicht gab es eine Espressomaschine, dachte sie und zog die Tür zum Flur auf. Der Anblick des dunkelbraunen Teppichs ließ sie gleich wieder schaudern. Sie ging den endlosen Gang entlang, bis sie ihr Zimmer gefunden hatte. An der Tür stand noch der Name ihrer Vorgängerin und der ihres Kollegen. Phillip Meyer. Auch das war kein gutes Omen gewesen, denn Phillip war der Name eines ehemaligen guten Freundes und Meyer der Name seines Anwalts, der sie wegen einer Nichtigkeit verklagt hatte. Woran dann auch die Freundschaft hatte glauben müssen. Als sie eintrat, war Meyer noch nicht da, und Mowe war froh darüber. Sie stellte die Pflanzen auf ihrem Schreibtisch ab und schaute sich um. Keine Bilder an den Wänden, nur ein Monatskalender mit Schieberegler für den jeweiligen Tag. Mowe schob ihn auf die 1.

„Erster September, Mowe tritt an“, murmelte sie und öffnete das Fenster. Viel sah man nicht, nur die Büros auf der anderen Seite des Innenhofes. Sie lehnte sich hinaus und sah ein Stück Himmel. Mowe seufzte wieder und einen Augenblick lang überkam sie ein Gefühl von Panik. Sie atmete tief ein und aus und schaltete den Rechner an.

„Moin“, kam es von der Tür.

„Hallo,“ antwortete Mowe. Ihr Kollege, ein junger, leicht übergewichtiger Mann mit Nerdbrille und gebügeltem Stehkragenhemd knallte seine Kalbsledertasche auf den Schreibtisch ihr gegenüber und rieb sich die Hände. „Ordentlich kalt hier, kann ich das Fenster wieder zu machen?“

„Klar,“ sagte Mowe und dachte das Gegenteil. Frische Luft war ihr so wichtig wie das Atmen selber, und in dieser Umgebung bekam sie Beklemmungen, wenn das Fenster zu war.

Sie starrte ihre Pflanzen an und überlegte, wo sie am besten stehen würden.

„Den gebe ich zwei Wochen, dann sind sie hin,“ sagte der Kollege und setzte sich. „Ist zu dunkel hier.“

„Stimmt,“ sagte Mowe und schwieg resigniert. Sie rückte die Pflanzen erstmal so neben ihren Bildschirm, dass sie einen Sichtschutz ergaben. In einigen Vorgesprächen hatte sie diesen Meyer bereits kennengelernt, und es war ihr klar geworden, dass sie ihn auf Dauer nicht ertragen würde. Besserwisser, großspurig, mit Hang zum Schwitzen. Aber ein Jahr musste sie durchhalten, dann gab es Arbeitslosengeld und irgendwie würde es danach schon weitergehen. So hatte sie bei ihrem letzten Job auch gedacht, und genau ein halbes Jahr hatte sie nach der Kündigung Zeit gehabt, um sich zu erholen und die Kindern zu beglucken.

Sie las die ersten E-Mails, ihre Chefin hatte zum Gespräch geladen. Mowe schaute auf die Uhr, das war in 20 Minuten. Einige Bücher, die sie lektorieren sollte, lagen auf einem Stapel. Vielleicht gab es eine Dachterrasse, fiel Mowe plötzlich ein. Dann konnte sie vielleicht auch dort ab und zu arbeiten. Natürlich kam jetzt bald der Herbst und vor allem der Winter, aber das würde sie nicht abschrecken. Sie hatte schon bei Minustemperaturen mit Handschuhen auf ihr Notebook eingetippt. Ihr Handy brummte. Sie schaute, es war Raoul, er hatte seinen Turnbeutel vergessen. Sie tippte „ L“ und schrieb danach Till an, um ihn zu fragen, ob er den Beutel an der Schule vorbeibringen könne. Sie musste die Kinder wieder dahin kriegen, dass sie sich an Till wandten und nicht an sie. Sie hatte jetzt keine Zeit mehr für so was. Für so was, nicht vor 17 Uhr. Sie stützte ihren Kopf auf ihre Hände und starrte auf den Bildschirm. Vielleicht hilft Kunstlicht, überlegte sie und setzte sich wieder aufrecht. Sie googelte nach Pflanzenlampen, und tatsächlich war das eine Möglichkeit, die gar nicht so teuer war. Phillip schaltete seine Schreibtischlampe an und Mowe sah ein, dass auch sie die Lampe tagsüber brauchen würde, wollte sie in den Büchern einigermaßen etwas erkennen.

Sie öffnete ihre Tasche und nahm die Brote heraus, die sie sich zuhause geschmiert hatte. Käse, Tomaten, Gurke. Sie wickelte eines aus und biss hinein.

„Wo ist hier eigentlich die Küche?“, fragte sie mit vollem Mund.

„Rechts den Gang runter, letzte Tür links,“ murmelte Phillip und sog die Luft mehrmals hintereinander lautstark durch die Nase ein. Vielleicht mochte er den Geruch von Käse nicht? Mowe packte das Brot wieder ein.

„Soll ich einen Kaffee mitbringen?“

„Bloß nicht, Koffein ist der Tod.“

„Aha,“ sagte Mowe. Sie hatte keine Lust, die Hintergründe dieser Erkenntnis zu erfahren.

Vielleicht war das eine Anspielung auf die Qualität des Kaffees in diesem Laden? Leise schloss sie die Tür hinter sich.

In der Küche sah es aus wie in allen Büros dieser Welt. Kaffeemaschine, Mikrowelle, Geschirrspüler und natürlich Teller und Tassen sowie Besteck der Marke „ zu billig, um es zu klauen“. Die Kaffeemaschine blubberte in letzten Zügen vor sich hin. Keine Espressomaschine, wäre ja auch zu schön gewesen. Sie suchte sich einen Kaffeebecher ohne Werbe-Aufdruck aus und nahm die Kaffeekanne, die bereits fast voll war. Sie füllte den Becher und schnupperte. Roch eigentlich ganz gut. Dann fiel ihr die Milch ein. Sie stellte die Kanne zurück auf die Wärmeplatte und öffnete den Kühlschrank. H-Magermilch. Sie stöhnte. Warum gab es in allen Büros dieser Welt dieses Elendsgesöff? Morgen würde sie frische Vollmilch mitbringen, sie schloss den Kühlschrank wieder und nahm einen Schluck Kaffee. Sie verzog das Gesicht. Er war bitter und hatte diesen typischen Filterkaffeegeschmack, eine Mischung aus Suppenbrühe und Voller-Aschenbecher-Aroma. Sie goss den Becher in die Spüle. Es war alles genauso, wie sie es erwartet hatte. Ihr war schlecht.

Sie ließ die Küchentür offen und marschierte den langen Gang zurück, bis sie vor dem Büro der Chefin stand. Sie hatte Schweißperlen an den Händen und wischte sie an der neuen Hose ab, die sie im Sale gekauft hatte. Eine Markenhose für den mexikanischen Markt, die aus unerfindlichen Gründen bei einem deutschen Online-Händler gelandet war. Was ihre Hose für eine Reise hinter sich hatte, darüber hätte sie gerne mal ein Buch geschrieben. Hätte, hätte – Fahrradkette. So ging ein Lied von Jan Delay und er hatte es ihr förmlich auf den Leib geschrieben. »Hätte ich für jedes hätte ich jedes Mal nur 50 Cent gekriegt.« Sie klopfte. Von drinnen kam ein »Herein«.

Mowe öffnete langsam die Tür. Plötzlich war ihr klar, was jetzt kam, kommen musste.

»Tag Frau Kreidler, tut mir leid, aber in dieser Scheißbude halte ich es keine acht Stunden pro Tag aus, so ohne Tageslicht mit diesem kackbraunen Teppich und der Magermilch im Kühlschrank.«

Frau Kreidler lächelte, Mowe grüßte und setzte sich.

»Na, schon Tuchfühlung aufgenommen?«, fragte die Chefin und rückte ihre Unterlagen zurecht.

»Ja, ein bisschen«, sagte Mowe und versuchte ein Lächeln.

»Wenn Sie Fragen haben oder ein Problem, kommen Sie einfach zu mir, wir klären hier alles immer am liebsten gleich.«

»Ja, gut«, murmelte Mowe.

»Wie?«, Frau Kreidler hielt eine Hand an ihr Ohr wie ein Verstärker.

Jetzt oder nie, dachte Mowe und krallte ihre Hände in die Hose, dass es weh tat.

»Ziemlich dunkel hier die Büros, da muss ich mich erstmal ganz schön umstellen,« sagte Mowe und räusperte sich.

»Ja, dieses Haus hat den Charme eines Finanzamts«, sagte Frau Kreidler und lachte.

»Wurde schon mal über einen Umzug nachgedacht?«, Mowe spürte, wie sie rot anlief.

»Äh, nein«. Frau Kreidler schaute erstaunt von ihren Unterlagen auf.

»Ich werde mir jedenfalls erstmal Pflanzenlampen besorgen.« , sagte sie.

»Und wofür?«

»Für die Pflanzen, die ich im Büro aufstellen werde. Vom Tageslicht kriegen die ja nicht viel mit.«

»Aha, ähh, das besprechen sie am besten mit dem Facility-Manager, ob es da Probleme geben könnte.«

Mowe nickte. Wahrscheinlich war der Hausmeister gemeint.

»Nun aber mal zum Wesentlichen«, sagte Frau Kreidler und raschelte mit ihren Papieren.

Dann besprachen sie die neuen Buchprojekte, die Mowe betreuen sollte.

Zwanzig Minuten später war Mowe wieder auf dem Flur. Sie fühlte sich elend. Sie lehnte sich an die Wand und spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Sie ballte die Fäuste.

Dann ging sie in ihr Zimmer. Zum Glück war der Kollege nicht da. Sie schrieb eine E-Mail an ihre Chefin, schnappte ihre Tasche und die beiden Topfblumen und eilte auf den Flur. Niemand war zu sehen, und als sie die Tür zum Treppenhaus aufstieß, überfiel sie eine unendliche Erleichterung. Sie würden nicht sterben, und sie hatte sich entschieden. Irgendwie würde es weitergehen.

 

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