Besetzt

Am Tag als Mo das Kalenderblatt abriss, war es ihr plötzlich klar. Oktober. Nur noch ein Monat, dann waren sie draußen. Mo warf den September in den Müll und räumte das Frühstück ab. Sie brauchte dringend einen Plan, also kehrte sie die Brotkrümel zusammen und setzte sich an den Küchentisch, der aus einer alten Tür bestand mit vier Abflussrohren als Beinen. „Der Plan“ schrieb sie auf eine Seite des Collegeblocks, den Jim liegen gelassen hatte. Mo dachte nach und sah sich um – 200 Quadratmeter Fabriketage, davon der größte Teil Wohnküche und Büro. Nur die Schlafzimmer und das Bad waren abgeteilt. Das konnte und wollte sie nicht aufgeben. Es gab also nur einen Weg – sie würden bleiben und das musste gut vorbereitet werden. Mo erinnerte sich an ihre Zeit als Hausbesetzerin und drehte sich eine Zigarette. So schwer war es nicht, man musste es nur klug anstellen. Sie schrieb: „Vorräte anlegen, Wasser bunkern, keiner verlässt das Haus.“ Der letzte Punkt würde schwierig werden, Jim musste ja zur Schule. Nein, er wollte zu Schule, unbedingt. Er war der fleißigste Schüler der Stadt, so schien es Mo jedenfalls. Wie würde er sich überzeugen lassen? Sie seufzte und strich sich eine Strähne ihre langsam grau werdenden Lockenkopfs aus dem Gesicht. Sie stand auf und schrieb weiter: „Dosenfutter“, keine TK-Ware, falls man ihnen den Strom abstellte. Dann rechnete sie aus, wie viel sie für ein paar Wochen brauchen würden. Ravioli, Sauerkraut, Mais, Bohnen – bei jedem Posten schrieb sie die Menge dahinter. Auf einem weiteren Blatt listete sie die Getränke auf, danach kamen die Angaben zu Hygieneartikeln, Süßigkeiten und Medikamenten. Als sie fertig war, ging es ihr besser. Sie überschlug, was das alles kosten würde und kam auf rund 800 Euro. Soviel hatten sie, wenn der Verlag, für den sie gerade eine Übersetzung abgeschlossen hatte, das Honorar überwies.

Mo stand auf und legte die Blätter in eine Ablage auf ihrem Schreibtisch. Irgendwo lag dort auch die Räumungsklage, aber sie hatte keine Ahnung wo genau. Dann kochte sie Kaffee.

Jan kam am Nachmittag zurück. Er war auf Tournee gewesen und sah müde aus. Mo erzählte ihm sofort von dem Plan. Er raufte sich die Haare und starrte sie entgeistert an.

„Oh,“ sagte er, „ aber was kommt danach? Wir können uns ja nicht ewig verbarrikadieren.“

Mo zog eine Zigarette aus ihrer Jackentasche und öffnete ein Fenster.

„Weiß ich auch nicht,“ sagte sie leise. „Wir finden schon einen Lösung.“ Jan zog die Schuhe aus.

„Wir sollten uns vielleicht doch endlich mal einen Anwalt suchen,“ murmelte er. Mo schüttelte heftig den Kopf und steckte die Zigarette an. „Das bringt überhaupt nichts, das ist doch Paragraphenscheiße.“

„Ja, ja,“ sagte Jan genervt und warf seine Lederjacke über einen Küchenstuhl.

„Wir haben das bisher auch ohne geschafft,“ erwiderte Mo trotzig. „Seit drei Jahren. Mit Anwalt wäre das genauso gelaufen.“ Sie zog ein paarmal nervös an der Zigarette.

Jan begann seinen Koffer auszupacken. Er war Beleuchter in einem kleinen Theater für das Mo manchmal Stücke schrieb. Viel Geld verdienten sie beide nicht, aber bislang hatte es immer gerade so gereicht. Bis der Eigentümer gewechselt hatte – er wollte das Haus modernisieren und die Miete erhöhen. Als Mo und Jan sich geweigert hatten, die Handwerker herein zu lassen, hatte er schließlich auf Eigenbedarf geklagt. Mit Erfolg. Aber wie konnten sie gehen? Hier war Jim zur Welt gekommen, es war ihr Zuhause. Mo konnte sich keinen besseren Ort vorstellen. Direkt am Fluss, viele Freunde in der Nähe, und als Nachbarn Gewerbemieter, die keinen Krach machten. So eine Wohnung würden sie nie mehr finden, jedenfalls nicht in dieser Stadt. Jan hängte den leeren Koffer an einen Haken an der Wand.

„Wie willst du das Jim erklären?“ fragte er und goss sich Kaffee ein. Mo seufzte. Das war das Schwierigste. „Wir sagen ihm, wie es ist,“ sagte sie.

„Dass er nicht mehr zur Schule geht, keine Freunde besuchen kann, kein Hockey spielen, kein Kino und dafür zuhause versauert? Der wird sagen, dass wir spinnen.“

„Tun wir ja auch,“ antwortete Mo. „Wir besetzen unsere Wohnung, die wir seit zwölf Jahren bewohnen, damit wir nicht geräumt werden.

„Die Bullen werden kommen, weil Jim die Schule schwänzt,“ überlegte Jan. Beide schwiegen. Plötzlich klarte sich Mos Blick auf. „Natürlich,“ rief sie. „ Er kann übers Dach raus.“ Jan schaute irritiert.

„Wir stemmen ein Loch in die Decke, so kann Jan über den Dachboden rausklettern und bei den Rummels wieder auf die Straße.“ Rummels war der Name einer Wohngemeinschaft, in der Jan früher gelebt hatte. Ab und zu besuchten sie sich und schon oft hatten sie dafür den Weg über die Dächer benutzt. Jan nickte bedächtig. „Unser Notausgang.“

„Ja, genau,“ sagte Mo und drückte die Kippe im Ascher, der draußen auf dem Fensterbrett stand, aus. Sie sah an die Decke der Wohnküche. „Hier müsste es gehen.“

„Und ich dokumentiere das mit der Kamera,“ sagte Jan und seine Stimme klang jetzt zuversichtlicher. „So als Anleitung für andere.“

„Gute Idee“, meinte Mo und grinste. „Das ist der Anfang.“

Jan holte seine Digicam aus dem Schlafzimmer und begann zu filmen. „Hallo, heute erklären wir Euch, wie man ganz pragmatisch sein Recht auf Wohnen verteidigen kann,“ begann Mo, während Jan durch die Wohnküche schwenkte und Mos Schreibtisch fixierte. „Das ist das Basislager,“ sagte er und Mo hielt die Listen mit den Vorräten in die Kamera. Sie zählte auf, was sie alles brauchen würden. Als es klingelte, stellte Jan die Kamera aus, Mo ging zur Tür. Es war Jim, er hatte zwei Freunde im Schlepptau. „Was gibt´s zu essen?“ fragte er. Mo überlegte schnell. „Eierkuchen?“

„Yeah“, rief Jim und Mo machte sich am Herd zu schaffen.

 

Jan hatte bis zum Wochenende frei, und sie machten sich beide an die Arbeit. Sie hatten sich den Stemmbohrer vom Hausprojekt gegenüber geliehen und der Staub legte sich wie eine Haut über ihre Sachen. Nach zwei Tagen hatten sie es geschafft. Das Loch in der Decke war groß genug, um auf den Dachboden zu gelangen. Jan baute aus Brettern eine Luke und verschloss sie von unten mit einem Vorhängeschloss, das einen Haken an der Decke mit der Falltür verband. Jim hatte sich nicht weiter für die Bauarbeiten interessiert. Er fand es zwar komisch, dass seinen Eltern einen Zugang zum Dachboden bauten, wo doch die Haustreppe ebenfalls dorthin führte. Aber da er es gewohnt war, dass sie ab und zu merkwürdige Dinge taten, fragte er nicht weiter nach. In den nächsten Wochen lagerten sie die Vorräte ein, und als der Räumungstermin vor der Tür stand, hatten sie alles geschafft.

„Ab morgen gehst du übers Dach in die Schule,“ sagte Jan als sie zu Abend aßen. Er hatte Reis mit Hühnchen und Ananas gekocht, Jims Lieblingsessen.

„Hä?“ Jim starrte sie an und wartete darauf, dass einer der beiden den Witz auflöste.

„Ja, kein Witz,“ sagte Mo und lächelte. „Ab morgen gehen wir nur noch übers Dach auf die Straße. Morgen sollen wir nämlich hier ausziehen, und das werden wir nicht tun. Also, machen wir die Tür nicht mehr auf und mauern den Eingang zu.“

Jim schluckte. „ Ist das erlaubt?“, fragte er mit zitternder Stimme.

„Nicht ganz, aber das ist jetzt nicht wichtig,“ antwortete Jan und griff nach Jims Hand, Jim zog sie weg. „Wir bleiben hier wohnen, und dafür müssen wir den Stress in Kauf nehmen, vorerst über das Dach nach unten zu kommen.“

„Wieso müssen wir denn ausziehen?“, fragte Jim. Er hatte Tränen in den Augen.

„Der Eigentümer will angeblich selber einziehen,“ sagte Mo und zog die Luft laut durch die Nasenlöcher ein. „In Wirklichkeit will er uns nur raushaben, damit er hier alles modernisieren kann.“

„Und was ist daran schlimm?“, rief Jim. „Immer ist es hier kalt im Winter, Ihr habt selbst gesagt, die Fenster sind der letzte Schrott.“

„Ja, ja,“ brummte Jan. „Aber willst du woanders hin?“

„Nee,“ sagte Jim und eine Träne rollte über seine Wange. Trotzig wischte er sie ab.

Mo zog Jim zu sich auf den Schoß. „Also, Vorräte habe wir erst mal genug und bis die merken, wie wir hier raus und reinkommen, haben wir bestimmt eine Lösung gefunden für unser Problem,“ sagte sie und kraulte ihm den Nacken. Jim kuschelte sich an sie.

 

Am nächsten Morgen weckte Mo ihn etwas früher. Sie frühstückten wie immer Müsli mit Sojamilch und Mo schmierte Brote für die Schule. Jan hatte in der Nacht den Eingang zugemauert, statt der Tür sah man jetzt auf eine graue Wand aus Ethernitsteinen. Jan hatte „Home sweet home“ drangesprüht. Er schlief noch, als sich Mo und Jim auf den Weg machten. Sie kletterten nacheinander die Leiter hoch und durch eine Luke auf das Dach, das wie die meisten Altbauten in der Stadt flach wie ein Backblech war. Die Aussicht über die Stadt war großartig und Mo überkam für einen Augenblick ein Glücksgefühl. Hier war ihre Heimat, das spürte sie tief in ihrem Inneren. Jim kannte den Weg, schließlich waren sie schon oft so zu ihren Freuden auf der anderen Seite des Blocks gegangen. Als Wind aufkam, zog er sein Basecap tiefer ins Gesicht. Mo ging hinter Jim her und keine fünf Minuten später waren sie angekommen. Sie öffnete die Dachluke des Nachbarhauses, die wie immer angelehnt war und stieg hinunter ins Dunkle des Dachbodens. Jim hinterher. Sie kramte ihren Schlüsselbund hervor, um die Tür zum Treppenhaus aufzuschließen. Vor einigen Jahren hatten sie mit der WG die Schlüssel ausgetauscht, um im Notfall immer noch einen Fluchtweg zu haben. Jetzt war der Notfall eingetreten und Mo hatte den Schlüssel nachmachen lassen. Sie übergab ihn Jim, als sie unten auf der Straße standen. „Soll ich dich von der Schule abholen?“ Jim schüttelte den Kopf. „Also dann, ruf an, ich warte auf dich. Du gehst nicht allein über die Dächer, verstanden?“ Jim nickte geistesabwesend. „Vielleicht gehe ich nach der Schule noch zu Luca.“

„Ok,“ sagte Mo, „aber sag bescheid.“ Sie drückte ihn an sich, aber Jim wehrte sie ab. Er drehte sich um und ging ohne sich zu verabschieden. Mo seufzte und kramte eine Zigarette aus der Jackentasche.

Auf dem Rückweg sah Mo, dass Jan auch den Eingang zum Dachboden zugemauert hatte. Sehr gut, dachte Mo und plötzlich wusste sie was zu tun war. Zuhause setzte sie sich sofort an ihren Rechner begann einen Blog zu bauen. „Besetzt. F16“ nannte sie die Seite, nach dem Anfangsbuchstaben ihrer Straße und der Hausnummer.

Gegen 12 Uhr klingelt es. Jan war gerade aufgestanden und schlurfte zur Tür. „Ach ja“, murmelte er, als er die Mauer sah, und drehte wieder ab. Mo sah von ihrem Rechner auf. „Das müssen sie sein.“ Sie spürte wie ihr Herz klopfte. „Ich schau nachher nach der Post,“ sagte er und setzte sich an den Küchentisch. Es war kühl und er zog sich einen zweiten Pullover über. „Hoffentlich stellen die uns nicht die Heizung ab,“ meinte er.

„Dann müssten die Bürotussis hier im Haus auch frieren, das machen die bestimmt nicht,“ sagte Mo. „Aber den Strom können sie kappen,“ sagte Jan.

„Kerzen haben wir für Jahre,“ erwiderte Mo. „Und dann müssen wir eben öfter essen gehen.“, versuchte sie ihnen Mut zu machen. Die Arbeit am Rechner könnte sie dann natürlich vergessen. Jan wärmte sich die Finger an der heißen Kaffeetasse.

Am Abend waren sie wieder alle versammelt. Mo hatte Jim bei seinem Freund abgeholt, sie waren noch Milch und Gemüse einkaufen gegangen und hatten sich im Schein der Taschenlampe auf den Weg über die Dächer gemacht. Jan hatte Spaghetti mit frischem Petersilienpesto gemacht, dazu gab es Salat. In der Post war tatsächlich die letztmalige Aufforderung zur Räumung der Wohnung gewesen. Am nächsten Morgen um elf Uhr sollte die Zwangsräumung stattfinden. Mo zeigte Jan und Jim nach dem Essen ihren neuen Blog, sie hatte außerdem einen Presseverteiler angelegt und wollte am Abend noch eine Mitteilung rausschicken. „Familie mauert sich ein, um Wohnung zu behalten“, sollte die Überschrift lauten. Das würde die Medien hoffentlich interessieren. Außerdem wollte sie über Facebook und die anderen sozialen Netze möglichst viele Leute mobilisieren bei dem Räumungstermin dabei zu sein. Jan bekam glänzende Augen, als er sah, was Mo vorhatte. „Wie früher,“ rief er, nahm sie in den Arm und küsste sie. Das hatte er schon länger nicht mehr getan.

Jim stand daneben und verstand nichts. „An mich denkt ihr wohl gar nicht,“ rief er zornig und stampfte mit dem Fuß auf.

„Natürlich, wir machen das für dich, für uns alle,“ erklärte Mo und versuchte ihn zu Jan und sich zu ziehen. Aber Jim wollte davon nichts wissen. „Und wenn Ihr ins Gefängnis kommt? Was wird dann aus mir?“, schrie er.

„Das passiert doch nicht, Ehrenwort,“ versucht Jan ihn zu beruhigen. „Morgen gehst du zur Schule, alles ist wie immer.“

„Scheiß Eltern,“ schrie Jim und knallte die Tür zu seinem Zimmer zu.

 

Am nächsten Tag fühlte sich Jim krank, er hatte leichtes Fieber und Mo und Jan entschieden, dass es besser war, wenn er zuhause blieb. Mo war froh, denn sie hatte Angst gehabt, dass er in der Schule etwas von der Räumung erzählen würde und vielleicht hätte ihn sein Lehrer nicht wieder nach Hause gelassen. Nervös wartete sie ab, sie hatte schlecht geschlafen und als der Zeiger der alten Bahnhofuhr an der Wand elf zeigte, ging Mo ans Fenster. Tatsächlich hatte sich vor der Haustür ein kleiner Menschenauflauf gebildet. Sie hatte viele Rückmeldungen erhalten von Freunden und auch von der Presse. Es klingelte. Mo zuckte zusammen, Jan kam zu ihr ans Fenster, er hatte ein heißes Bad genommen und roch nach Lavendel. Im Treppenhaus waren Schritte und Stimmen zu hören. Wieder klingelte es, dann hörten sie stumpfe Geräusche, wahrscheinlich brachen sie das Schloss auf. „Die haben die Tür verbarrikadiert, Polizei, aufmachen,“ rief jemand. Jim kam aus seinem Zimmer. Jan zog ihn wieder zurück. „Ich hab´Angst,“ jaulte Jim. „Schsch,“ zischte Jan und machte schnell die Tür zu. Mos Handy vibrierte. Sie hatte es auf lautlos gestellt. Es war der Lokalredakteur einer Zeitung. Mo gab ihm leise Auskunft und schilderte ihre Lage. Der Redakteur sagte, dass das eine große Sache geben würde, wahrscheinlich auf Seite 1. Mos Hand zitterte, als sie das Handy wieder auf den Schreibtisch legte.

Kurze Zeit später war es wieder ruhig im Treppenhaus. Auf der Straße kam es zu Rangeleien, weil ein paar Demonstranten mit Plakaten die Straße versperrten. Jims Fieber war gestiegen und Mo kochte für ihn eine Brühe mit Nudeln. Sie hatte das Bedürfnis nach frischer Luft und als Jim gegessen hatte und schlief, zog sie sich die Joggingschuhe an. Jan hatte am Abend einen Auftritt und hatte sich mit Jim hingelegt. Mo hörte noch schnell die Nachrichten im Radio, aber von der versuchten Räumung brachten sie nichts. Sie stieg die Leiter hinauf und sah auf ihr kleines Reich hinunter. Wie eine idyllische Insel schien es ihr, bedroht von Investoren, die darauf teure Hotels bauen wollten. Sie öffnete die Luke und kletterte hinauf.

Am Nachmittag rief das Fernsehen an, sie wollten etwas über die Sache bringen. Jan versprach sein Filmmaterial von der Wohnung zu schicken, Mo gab ein Telefoninterview.

Da sie keinen Fernseher hatten, schauten Jim und Mo die Fernsehnachrichten am Abend auf Mos Rechner. Das Fernsehteam berichtete von der Demo vor ihrem Haus. „Bonzen raus,“ stand auf einem Plakat, darunter war eine Bombe mit Lunte abgebildet.

„Was ist ein Bonze?“ fragte Jim. Mo erklärte es ihm. Dann kam das Interview mit Mo.„Das bist du,“ rief Jim stolz. Sie knuffte ihn in die Seite. Es ging ihm wieder besser, und darüber war sie sehr froh. Sollte morgen wieder die Polizei vor der Tür stehen, wäre es besser, wenn er in der Schule war. In den Nachrichten brachten sie noch, dass noch niemals Bewohner einer Wohnung auf diese Art gewehrt hätten, und dass man abwarten müsse, wie weiter verfahren werde. „Wir haben genug Vorräte für ein paar Wochen und sicherlich werden wir nicht die einzigen bleiben, die um ihr Zuhause kämpfen“, hatte Mo in dem Interview zum Schluss gesagt. Es hatte sich angehört wie eine Warnung.

Nach den Nachrichten lief ihr E-Mail-Fach über, weil sich so viele Freunde und Bekannte meldeten. Mo staunte, wer abends alles die Nachrichten im Fernsehen schaute. Sie hatte gedacht, dass würden nur noch alte Leute tun. Am Abend kam die Besetzung auch in mehreren Radiosendern und Mo war sehr zufrieden.

Als der Morgen graute, kuschelte sich Jim zu ihnen ins Bett. Er hatte kein Fieber mehr, aber in die Schule wollte er nicht. Mo und Jan war es recht, sie schliefen alle noch mal ein und Mo träumte davon, dass sie auf einer Verkehrsinsel lebten. Autos und Laster fuhren im Kreis um sie herum und sie hatten keine Chance auf die andere Seite zu kommen. Jan versuchte unter der Straße einen Tunnel zu graben, doch er kam nicht weit, denn überall versperrten Rohre den Weg. Als ihr ein mitleidiger Autofahrer eine Schachtel Kekse zuwarf, wachte sie auf. Es hatte an der Tür geklingelt, Jan und Jim hatten nichts gehört und schliefen noch, Mo stand auf. Sie öffnete das Fenster zur Straße und sah unten einen Pulk Leute mit Plakaten. Als sie Mo sahen, pfiffen und johlten sie. „Mo, halt durch,“ rief eine Frau mit grünen Haaren und winkte. Mo kannte sie nicht, aber sie winkte freundlich zurück. Schnell schloss sie das Fenster. Es war ihr unangenehm, plötzlich so im Rampenlicht zu stehen. Sie kochte Kaffee und setzte sich an ihren Rechner. Ihr E-Mail-Postfach war wieder randvoll, der Blog hatte viele Neugierige angezogen und allein über 2000 Leute hatten sich für den Newsletter angemeldet. Bei Facebook war es ähnlich. Sie scannte die Zeitungen im Internet und überall war ihre Story auf den vorderen Seiten. Eine Lokalredaktion hatte den Besitzer des Hauses ausfindig gemacht, aber der ätzte nur etwas von Sozialschmarotzern und fehlenden Steuereinnahmen. Unter den E-Mails waren auch mehrere Anwälte, die ihre Dienste anboten. Darunter ein stadtbekannter Anwalt, der in der linksautonomen Szene einen guten Ruf hatte. Mo überlegte, ob sie antworten sollte und fühlte sich fast ein bisschen geehrt. Obwohl sie von diesen Paragrafenreitern bekanntermaßen nicht viel hielt, hatte sie für ihn immer Sympathien gehegt, schließlich hatte er so manchen ihrer Bekannten vor dem Knast bewahrt. Gerade als sie die Mail löschen wollte, stand Jan plötzlich hinter ihr. Er überflog die Nachricht und rief: „Sofort antworten!“

Mo drehte sich erstaunt um. „Wieso?“

„Weil wir Hilfe bleiben, kapier´ das doch endlich,“ sagte Jan und ging zum Herd, um sich Kaffee einzuschenken.

Mo sagte nichts, also gut, dachte sie und schrieb eine kurze Nachricht an den Anwalt.

„Und?“ Jan stellte sich wieder hinter sie.

„Wer ist denn jetzt hier der Chef, du oder ich?“, knurrte Mo und klappte das Notebook zu.

„Ich,“ rief Jim aus dem Schlafzimmer. Dann kam er angelaufen und kletterte auf Mos Schoß.

„Und ich bin der Oberchef,“ brummte Jan und massierte Mo die Schultern.

 

Nach dem Frühstück bemalten sie ein weißes Laken mit Jims Fingerfarben. „Diese Wohnung gehört uns“ stand darauf und rundherum flogen Schmetterlinge, wuchsen Blumen und eine Sonne strahlte über allem. Mo und Jan hängten es zwischen das Schlaf- und Kinderzimmer außen an die Häuserwand. Die Leute, die das unten sahen, jubelten und pfiffen. Dann pusteten die drei Luftballons auf und füllten sie mit Helium, das sie noch von Jims Geburtstagsparty übrig hatten. Jim war jetzt Feuer und Flamme, er bemalte Postkarten mit dem Spruch, der auch an der Hauswand hing, und schrieb die Adresse ihres Blogs darunter. Dann banden sie die Karten an die Ballons und ließen sie vom Fenster aus in den Himmel fliegen. Jan filmte sie dabei, draußen waren die Leute völlig aus dem Häuschen. Kameras waren auf sie gerichtet und ein Fernsehteam hatte sich mit einer Drehleiter bis in ihre Höhe vorgearbeitet. Mo gab am Fenster wieder ein kurzes Interview. Jan hatte sich mit Jim ins Bad verzogen, schließlich war er offiziell krank und durfte keinesfalls in den Abendnachrichten putzmunter Kommentare abgeben.

Am Nachmittag telefonierte Jan mit dem Anwalt. Es gab wenig Spielraum, aber im Laufe des Gesprächs sah der Anwalt einen kleinen Hoffnungsschimmer am Horizont. Der alte Eigentümer hätte Jan und Mo ein Vorkaufsrecht einräumen müssen, was er nicht getan hatte. Das konnte ihnen jetzt nützlich sein. Jan versprach sämtliche Unterlagen und Anschreiben bzgl. der Kündigung vorbeizubringen und starrte dabei missmutig auf Mos chaotischen Schreibtisch. Da er vor dem Gespräch die Freisprechtaste gedrückte hatte, hatte Mo alles mitgehört und sie machte sich gleich an die Arbeit. Irgendwo würden die Papiere ja noch sein, sie hatte jedenfalls nichts weggeworfen.

Es dauerte drei Stunden, dann hatte sie auf ihrem Schreibtisch Ordnung geschaffen. Jan hatte einen Ordner beschriftet und die Unterlagen nach Datum sortiert. Dann musste er ins Theater und er verstaute den Ordner in seinem Rucksack, weil er ihn auf dem Weg bei der Kanzlei vorbeibringen wollte. Mo spielte mit Jim „Mensch ärger dich nicht“, und obwohl sie sich anstrengte, gewann sie kein einziges Mal. Er war wieder völlig gesund und ärgerte sich, dass er sein Hockeytraining hatte ausfallen lassen müssen.

„Wie lange geht das jetzt noch?“, wollte er wissen.

„Was?“, fragte Mo, um Zeit zu gewinnen.

„Na, was wohl,“ sagte Jim genervt.

„Wir bleiben in der Wohnung, das ist doch das Wichtigste. Wie lange wir nicht durch die Tür gehen können, weiß ich nicht. Aber so ist es doch auch ok.,“ antwortete Mo und würfelte zweimal hintereinander eine sechs.

„Und wenn die die Mauer kaputt machen?“

Mo zögerte. „Das dürfen sie nicht,“ sagte sie schnell.

Jim fragte zum Glück nicht weiter und Mo ließ ihn ausnahmsweise an ihren Rechner, um zu spielen.

Was, wenn sie Gewalt anwendeten? Mo drehte sich eine Zigarette. Sie musste die Bewegung am Laufen halten, das war ihre einzige Chance. Sie stellte sich ans Fenster und schaute in die Dämmerung. Unten auf der Straße waren nur noch die üblichen Passanten unterwegs, niemand der ein Plakat hielt. Sie rauchte und tippte gleichzeitig auf ihrem Handy eine Twitternachricht. „Alpenglühen an der Besetzerfront. Es gibt immer eine Lösung“. Mo dachte nach, vielleicht könnten Sie das Geld über eine Crowdfunding-Plattform zusammenbekommen. Wenn der Anwalt Recht hatte und sie tatsächlich hätten gefragt werden müssen, bevor die Etage an jemand anderes verkauft worden war, hatten sie eine Chance. Und sie brauchten Geld. Mo kannte einige ehemalige besetzte Häuser, die von ihren Bewohnern im Laufe der Jahre gekauft worden waren. Und sie hatten alle irgendwie das Geld zusammen bekommen. Aber in ihrem Fall? Was hatten Geldgeber davon, wenn sie einer Kleinfamilie das Geld in den Rachen warfen? Mo seufzte. Es gab keinen reichen Onkel und dieses Loft war sicherlich ein paar hunderttausend Euro wert. Sie drückte die Zigarette im Aschenbecher aus und schloss das Fenster.

 

Die nächsten Wochen fütterte Mo regelmäßig ihren Blog und hielt die Medien auf dem Laufenden. Der Anwalt hatte ihre Unterlagen studiert und bei Gericht eine Aussetzung der Räumungsklage beantragt, um die Abwicklung des Loftverkaufs zu untersuchen. Tatsächlich hatte der alte Eigentümer Fehler gemacht, und der Anwalt forderte eine Überprüfung des Kaufvertrags. Das dauerte einige Zeit, also gab es keinen Grund mehr Angst vor einer Räumung zu haben. Anfang November trugen Mo und Jan die Mauern ab und alles ging wieder seinen gewohnten Gang. Mo hatte ihren Blog mit einer Crowdfunding-Plattform verlinkt und versprach Geldgebern „eine solide Wertanlage in einem aufstrebenden Bezirk“. Geld floss schließlich auch von einer Genossenschaftsbank, und einige Monate später entschied das Gericht, dass der Kaufvertrag über ihre Wohnung rückabgewickelt werden müsse. Mo und Jan kamen zum Zug und lieferten mithilfe der Bank und der Crowdfunding-Spenden einen Eigenanteil, den Rest übernahm eine Genossenschaft, der sie fortan Miete zahlen sollten. Das war zwar mehr als vorher, aber immer noch im Rahmen ihrer Möglichkeiten.

Als der Frühling kam, war ihr Zuhause wieder sicher und Jan, Jim und Mo konnten aufatmen. Ihr Fall hatte weltweit für Schlagzeilen gesorgt, und für einen japanischen Fernsehsender hatten sie sogar (gegen Bezahlung) die Mauer vor der Tür wieder aufgebaut, um vor Augen zu führen, wie ernst es ihnen gewesen war. Das alles hatte soviel Geld eingebracht, dass sie sogar den Crowdfundern nach und nach das Geld zurückzahlen konnten. Doch nun gab es ein anderes Problem – Jan und Mos Beziehung hatte unter dem Stress gelitten, und nach Silvester zog Jan in seine alte WG auf der anderen Seite des Blocks. Vorübergehend, wie Mo und Jan Jim gegenüber betonten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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