Bomben

Ich hasse Fahrstühle. Und vielleicht war das der Grund für die scharfe Kurve, die mein Leben an einem düsteren Novembertag nahm. Ich hatte eingekauft, wie immer am Samstagmorgen, war über die Beine der Penner vor dem Penny (haha) gestiegen und wenig später mit zwei vollen Fahrradtaschen wieder nach Haus geradelt. Ich wohne in der Platte im achten Stock mit Blick über den Alexanderplatz. Hier oben ist die Luft frischer und eigentlich weht immer ein Wind. »Luftkurort« steht an meiner Wohnungstür. Mit Tipp Ex. Das gibt dem Ostschick auf dem ellenlangen Hausflur eine winzige individuelle Note, und ich finde meine Wohnung schneller wieder. Am Anfang, als ich frisch eingezogen war, hatte ich mich öfters verlaufen. Jetzt passiert das nur noch Freunden, die mich besuchen wollen. Aber das kommt selten vor, und wenn, hole ich sie lieber unten am Hauseingang ab. Ich hüpfe die Treppen hoch und runter wie ein junges Reh, und am liebsten hätte ich im 20. Stock gewohnt, so viel Spaß macht mir das.

Aber diesmal nahm ich den Fahrstuhl. Wegen der Einkäufe, vor allem aber, weil ich aus irgendeinem Grund keine Lust auf Treppensteigen hatte. Vielleicht werde ich krank, dachte ich, als sich die Fahrstuhltür öffnete. Ich machte zwei Schritte vor und stellte die Taschen ab. Die Tür schloss sich wieder und ich wartete. Aber nichts geschah. Da fiel mir ein, dass ich noch nicht den Knopf für den 8. Stock gedrückt hatte. Wann war ich das letzte Mal Fahrstuhl gefahren, überlegte ich und patschte auf die Zahl. Sofort begann sich die Kabine ächzend und rumpelnd in Bewegung zu setzen. Ich atmete tief durch und starrte die Wände an. „Aufwärts immer, abwärts nimmer“ hatte jemand mit Filzstift gekrakelt. War das eine platte Honecker-Attitüde oder eine Idee von der Ökofront, um Strom zu sparen? Ich starrte an die Decke. Plötzlich machte es einen Ruck und der Fahrstuhl hielt. Ich wartete darauf, dass die Tür aufging, aber nichts passierte. Ich drückte wieder die 8. Keine Reaktion, der Lift blieb wo er war. Ich begann alle Etagenknöpfe zu drücken, um zu sehen bei welchen die Tür vielleicht aufging, aber auch das brachte nichts. Mir brach der Schweiß aus. War ich etwa stecken geblieben? Ich drückte die Notruftaste, und sie machte einen Höllenlärm. Ich wartete, aber nichts passierte.

„Halloooo, Hilfe“, rief ich mehrmals. Ich drückte wieder und begann gleichzeitig gegen die Tür zu klopfen. Ich machte einen Mordskrach. Aber aus irgendeinem Grund schien mich niemand zu hören. Wohnte hier keiner mehr? Wo waren die Nachbarn? Vielleicht hätte ich nicht den Fahrstuhl am hinteren Ausgang des Hauses nehmen sollen, überlegte ich. Aber ich hatte ihn extra angesteuert, weil ihn nur wenige Hausbewohner benutzen, da er keinen Zugang zur Tiefgarage hatte. Ich nestelte mein Handy aus der Jackentasche und wählte die 110. Aber ich hatte keinen Empfang. Wieder begann ich wie wild zu klopfen und zu schreien. Keine Reaktion. Ich machte eine Flasche Wasser auf und trank einen großen Schluck. Irgendwann würde mich jemand hören. Aber wieso meldete sich niemand in der Notrufzentrale? Ich drückte den Knopf wieder und wieder. Vergeblich. Mein Blick ging zur Decke. Vielleicht sollte ich rausklettern? Ich sah die Luke, die mit Schrauben festgemacht war. Aber da fiel mir etwas besseres ein. Ich versuchte die Flügel der Tür auseinander zu drücken, und tatsächlich gelang das ein kleines Stück. Der Fahrstuhl war allerdings zwischen zwei Etagen hängen geblieben, weshalb sich die Außentür nicht öffnen ließ.

Mir klopfte das Herz bis zum Hals und in meinen Händen begann sich der Schweiß zu sammeln. Ich patschte die Wasserflasche gegen die Tür. Ob hier genug Sauerstoff war für einen längeren Aufenthalt? Ich kramte nach meinem Taschenmesser und klappte den Schraubendreher aus. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und versuchte die erste Schraube aufzudrehen. Aber ich war zu klein. Erschöpft ließ ich mich zu Boden sinken. Wie oft hatte ich mir das vorgestellt. Eingesperrt, ohne Erlösung. Als Theaterstück oder Traum taugte das was, aber in Echt – puh! Mein Herz raste, die Ohren klirrten. „Hilfe“ schrie ich wieder und haute gegen die Tür. Nichts tat sich. Was Julia und Romy wohl denken würden, wenn ich tagelang nicht ans Telefon ging? Wie lange würden die Vorräte reichen? Meine Hände zitterten. Plötzlich donnerte es, dann ging das Licht aus. In weiter Ferne war Geschrei zu hören. Ich trommelte gegen die Fahrstuhltür. „Wieso hört mich denn keiner???“

Ich hämmerte und hämmerte, bis mir die Fäuste wehtaten. Ich versuchte mich zu beruhigen, tief atmen – ein – aus – ein – aus. Ich tastete nach der Wasserflasche. Irgendwo musste auch mein Feuerzeug sein. Ich wühlte in meiner Jackentasche, während ich trank. Endlich hatte ich es gefunden. Ich beleuchtete die Kabine, und gleich ging es mir besser. Draußen war Sirenengeheul zu hören. Ich könnte Musik hören, fiel mir ein. Ich suchte mein Handy und die Kopfhörer. Hastig steckte ich beides zusammen, was mit einer Hand schwerfiel, und schließlich ließ ich das Feuerzeug fallen. In meiner Panik hatte ich vergessen, dass mein Handy ebenfalls leuchtete. „Alles halb so schlimm,“ murmelte ich und stöpselte die Kopfhörer in meine Ohren. Ich hörte Ry Cooder, ganz leise, damit ich draußen nichts verpasste. Die Musik tat gut, und mein Puls beruhigte sich allmählich. Die Batterieanzeige leuchtete noch sattgrün, da fiel mir ein, dass Musik schnell den Akku leerte. Ich drückte sofort auf Stop. Lieber Licht als Musik, dachte ich und starrte in das Halbdunkel. Ich seufzte. Ein guter Freund war vor zwei Tagen gestorben und eigentlich hatte ich seiner Frau an diesem Tag einen Brief schreiben wollen. Ein Pfarrer, er hatte mir sehr geholfen, in der Zeit als Jan gegangen war. Jetzt war er selbst auf der anderen Seite. Eine Träne rollte über meine Wange. Ich sackte mit dem Gesicht auf die Knie und fing an zu heulen. Wie sehr mir Jan fehlte und jetzt noch der Fischer. Ich wischte mir Rotz und Tränen mit der Hand ab. Wie so oft in letzter Zeit fühlte ich mich verlassen von der Welt, vielleicht war der Fahrstuhl nur noch das Tüpfelchen auf dem I. Denn was hatte ich hier nicht, was es auch sonst nicht gab? Die Kinder über alle Berge in ihrem eigenen Leben verstrickt – Reisen, Beziehungen, Trennungen – der ganze Kladderadatsch. Und ich allein in meiner Einraumwohnung, nur die Fliegen leisteten mir Gesellschaft. Mehrmals hatte ich sogar schon über einen Hund nachgedacht. Ich ließ die Wasserflasche wieder gegen die Tür krachen.

„Hallo?“ , kam es plötzlich von draußen.

„Ja, hallo“, rief ich und sprang auf. „Hier, hier bin ich!“

„Der Strom ist ausgefallen,“ sagte jemand. Ich hörte, wie jemand auf und ab ging.

„Das merkt man,“ antwortete ich trocken. Ich fühlte mich gleich besser.

„In der ganzen Stadt kein Strom mehr“, murmelte der Mann.

„Können Sie jemanden holen, der mich hier rausholt?“ Ich rieb mir die wunden Fäuste.

„Atomarer Erstschlag,“ murmelte er weiter.

„Sehr witzig.“

„Wennses nich glauben wolln.“

„Und jetzt?“

„Viele tot.“

„Und warum wir nicht?“

„Keine Ahnung“

„Können Sie mir helfen, hier raus zu kommen?“

„Wie denn?“ Der Mann blieb stehen und schnaufte. Er stand vielleicht einen halben Meter entfernt, dachte ich. Und doch ewig weit weg.

„Vielleicht gibt’s einen Raum unterm Dach, wo man den Fahrstuhl runterkurbeln kann.“

Der Mann grunzte. „Und der Schlüssel? Bin doch keen Panzerknacker.“

„In welchen Stock sind Sie?“, fragte ich.

„Zweeter“, nuschelte er.

„Versuchen Sie im dritten die Außentüren vom Fahrstuhl zu öffnen. Ich klettere durch die Luke auf die Kabine und dann kann ich raus. Das muss klappen.“

„Mir is schlecht,“ knurrte der Mann, dann hörte ich, wie sich seine Schritte entfernten.

„Was ist denn nun?“ rief ich aufgeregt. Der Mann brabbelte vor sich hin, aber ich verstand nicht was er sagte.

„Schitte!“ Was blieb mir anderes übrig, als es zu versuchen?

Ich leuchtete mit dem Handy die Decke ab. Dann stellte ich meine vollen Fahrradtaschen so zusammen, dass sie eine Art Hocker ergaben und stieg drauf. Ich streckte mich zur Decke und versuchte mit dem Schraubendreher des Taschenmessers die Luke aufzuschrauben. Ich wackelte hin und her wie betrunken, meine Hände zitterten, aber schließlich hatte ich es geschafft. Eine Schraube fiel zu Boden. Ich stieg von den Taschen und wischte mir den Schweiß aus der Stirn. Dann rückte ich die Taschen weiter, stieg wieder hoch und nahm mir die nächste Schraube vor. Das Handy gab vom Boden einen matten Schein ab, aber es reichte, um zu sehen, was ich da machte. Bei der dritten Schraube piepte es wegen dem Akku, was hieß, das bald Sense war. Ich zitterte am ganzen Körper, und mehr als einmal fiel ich vom Taschenberg, aber dann war es geschafft, die Luke fiel scheppernd zu Boden. Ich keuchte und hielt mich am Rand fest. Von irgendwoher kam ein Lichtstrahl. Wie sollte ich mich hochziehen? Ich stieg wieder hinab und versuchte die Taschen noch höher zu stapeln. Mein Handy wurde matter, und ich beeilte mich wieder hoch zu kommen. Halb wahnsinnig vor Angst sprang ich von den Taschen ab und zog mich mit aller Kraft durch das Loch, bis ich die Arme aufstemmen konnte und mein Oberkörper draußen war.

„Geht doch,“ hörte ich von oben.

Die Tür im dritten Stock war offen und ein älterer Mann schaute nach unten.

„Gleich,“ keuchte ich, und wie durch ein Wunder gelang es mir, die Arme durchzudrücken und meinen Po durch die Luke zu hieven. Ich saß auf dem Fahrstuhl und japste. Der Mann reichte mir die Hand. Ich stand auf und griff danach. Dann machte ich einen großen Schritt hinauf zur Tür und stand neben ihm.

„Danke,“ keuchte ich.

„Dafür nicht,“ antwortete er und ging weiter.

„Meine Taschen sind noch da unten,“ sagte ich. Handy, Schlüssel und Geld hatte ich mir in die Jackentaschen gestopft. „Wird ja wohl bald einer kommen, oder?“

„Glaub ich nicht,“ rief der Mann, der sich schon ein Stück entfernt hatte.

„Warten Sie mal.“ Ich eilte hinter ihm her.

„Lesen Sie keine Zeitung? Is Krieg,“ sagte der Alte ungeduldig und tappte weiter.

„Was war das vorhin für ein Krach?“

„Die Bombe, sag ich doch“. Er lief langsamer.

„Wollen wir einen Kaffee trinken? Ich lade Sie ein.“, schlug ich vor.

„Nee, lassense mal.“ Mir fiel auf, dass der Mann Hausschuhe anhatte, Hemd und Hose waren fleckig. Bestimmt lebte er allein.

„Bitte, ich wohne im achten Stock.“

„Zu weit, kann die Treppen nicht mehr gut laufen.“

„Wo wohnen Sie denn?“

Er zuckte mit den Achseln.

Ich ging ans Fenster am Ende des Ganges. Es regnete, auf der Straße vor dem Haus waren Menschen mit Schirmen unterwegs. Alles sah soweit normal aus.

„Wie heißen Sie,“ fragte ich und drehte mich um. Aber der Mann war verschwunden.

Ich wählte die Nummer der Hausverwaltung. Wieder piepte der Akku.

Eine Frau meldete sich. Ich erzählte ihr was passiert war.

„Stromausfall?“. Sie sagte, ich wäre die erste, die sich deshalb melden würde. Sie versprach, gleich jemanden zu schicken, der sich um den Fahrstuhl kümmerte.

„Wahrscheinlich hat der Blitz eingeschlagen,“ meinte sie noch. Dann war das Handy tot.

 

 

 

 

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