Plattenbau–Country

Das Auto kommt von links. Was für ein hässliches Grün, denke ich noch, dann fliege ich durch die Luft. Als ich wieder wach werde, liege ich im Unfallkrankenhaus Marzahn. Wenn ich aus dem Fenster schaue, glänzen die Hochhäuser in der Abendsonne. Eigentlich sollte es Marszahn heißen – die Zähne des Mars. Ein Meer aus Stumpen, Zacken, größte Trabantensiedlung Europas. Wenn ich wieder gesund werde, will ich den Häuserdschungel erkunden. Nehme ein Pfefferspray mit statt einer Machete, und einen Stadtplan. Marzahn, Moloch.

Ronny kennt sich aus. Er hat mich angefahren und er will mir alles zeigen, ist in Marzahn geboren und spielt mit seiner Band »Platten–Country«. Er besucht mich fast jeden Tag. Bringt mir eine CD mit von seiner Band, aber ich darf noch nicht Musik hören. Man, fast hätte mich Ronny ausgepustet! Vom Auto überfahren zu werden ist echt peinlich. Ich gucke aus dem Fenster – Mann, sind die Häuser hoch. Ich zähle Fenster, aber davon werde ich müde, und nie schaffe ich es bis zum letzten Stockwerk.

 

Dann ist es endlich so weit, ich darf raus. Ronny hat sich nicht die letzten Tage mehr blicken lassen, also gehe ich alleine los, fahre ein paar Stationen mit der Tram, bis ich mitten im Hochhausgewühl stehe. Es zieht gewaltig zwischen den Häusern, und ich schiebe meine Mütze tief ins Gesicht. So sehe ich nur noch die ersten vier Etagen. Ich reiße die Mütze wieder runter und binde mir meinen Schal um den Kopf. Elf Geschosse, oben ein bisschen Himmel. Ich wandere durch Häuserschluchten, Mann, sehe ich bescheuert aus mit dem Schal, die Leute gucken schon. Und: Scheiße, ist das groß alles. Und bunt. Überall Balkone mit Bonbonfarben, Wände in Orange.

 

Ich brauche etwas zu trinken. Da ist eine Dartbude. Ich bestelle ein Bier, kommt fix, Berliner Bürgerbräu, wusste gar nicht, dass es das noch gibt.

„Was soll ich mir anschauen hier?“ frage ich die Bedienung, eine Blondine mit teigigem Gesicht und einem Arschgeweih, dass über den Hosenbund quillt. Sie glotzt, als hätte ich gefragt, ob ich mir ihren Benz leihen kann.

„Russen, vielleicht“, sagt sie mit starkem Akzent und lacht. Ich grinse und schaue mich um, ob ein paar in der Nähe sind. Hinten prostet mir jemand zu, ich proste zurück und trinke einen großen Schluck. Mir wird schlecht. Ist wohl noch ein bisschen früh für einen längeren Aufenthalt hier. Bin noch nicht wieder ganz auf den Boden. Ich schwanke zur Toilette und kotze ins Waschbecken. Das Frühstück vom Krankenhaus, schade drum. Das Essen war spitze da. Immer Suppe, Salat und Hauptgericht, morgens ein Ei. Ich mache alles sauber und gehe wieder.

Draußen setze ich mich auf eine Bank, meine Beine sind ganz weich. Eine übergewichtige Mutti schiebt sich vorüber, höchstens zwanzig, mit einem kleinen Mädchen. Das Kleine ist komplett in rosa eingekleidet, wie ein Allien. Sieht blass aus, irgendwie ungesund und ziemlich mager. Ich lächelte ihr zu, aber es kommt nichts zurück. Als hätte jemand die Lichter in ihrem kleinen Kopf ausgeknipst. Ich friere und schaue Beiden hinterher. Eigentlich schöne Gegend hier, Bäume überall, frisch gestrichene Häuser, aber das ist eben nicht alles.

Ich gehe weiter. Ein Junge mit Hund kommt mir entgegen. Ich frage, wo das Dorf ist, Ronny hat mir erzählt, dass es eins gibt. Der Junge zeigt mit dem Finger zwischen den Häusern durch. „Die Richtung“, sagt er. Ich nicke. „Warum bist du nicht in der Schule“, denke ich.

Also weiter. Plötzlich ist niemand mehr zu sehen, nicht mal ein Auto, totale Stille. Ich klatsche in die Hände und ha: Die Wände schicken ein Echo zurück. Wie in den Bergen. Irgendwie unheimlich, wo die alle sind? Ist ja noch früh am Tag, elf Uhr. Über hunderttausend Bewohner sollen hier wohnen, hat Ronny erzählt. Früher noch mehr, aber viele sind weg gezogen.

Am Ende der Schlucht sehe ich endlich das Dorf. Hoffentlich hat die Fleischerei auf, Ronny hat gemeint, da gebe es die besten Buletten weit und breit. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen, bei dem Gedanken daran. Ich finde sie gleich, immer dem Geruch nach. Die Theke ist voll beladen mit gebratenen Schnitzeln, Buletten und Krustenbraten. Marzahn gefällt mir immer besser. Ich bestelle Schnitzel mit Bratkartoffeln, schade, dass man sich drinnen nicht hinsetzen kann. Bin immer noch wacklig auf den Beinen. Ich setze mich draußen in die Kälte an einen alten Gartentisch, mein Teller dampft und duftet, dass mir wieder schwindelig wird. Dann haue ich rein, uh. Im Nu ist alles weggeputzt. Ich trinke noch Kaffee hinterher, schwarz, hier gibt’s nur widerliche Dosensahne. Dann bin ich fertig. Beschließe noch ein bisschen mit der Tram rum zu fahren. Schön wäre, wenn jetzt jemand bei mir wäre.

Als hätte ich´s geahnt, kommt plötzlich Ronny um die Ecke. Als er mich sieht, will er erst wieder umdrehen, aber dann überlegt es sich´s anders.

»Na, Kleene, wieder fit?« Ronny klopft mir auf die Schulter, ich huste.

»Geht so«.

»Ick hatt echt keene Zeit, weeßte«, sagt er und guckt wie ein Hund, der weiß, dass er gerade Mist gebaut hat.

»Kein Problem«, antworte ich und wünsche ihn zum Teufel.

»Bin grade uf´m Sprung zum Proben, willste mal die Band kennen lernen?«

Ich nicke, hab´eh nichts zu tun. Ronny holt sich noch ein Würstchen auf die Hand, und dann laufen wir los.

Unterwegs kommen wir an einem halb abgerissenen Haus vorbei. Nur noch die untersten drei Stockwerke sind übrig. »Da hat mal mein Pa gewohnt«, sagt er und zeigt in die Luft wo nichts mehr ist. »5000 Wohnungen hamse hier schon abgerissen, Teufel«. Ich bin beeindruckt, weil ja immer noch soviel Häuser rum stehen. Wie voll muss das vorher erst gewesen sein.

 

Gerade als mir die Beine wacklig werden, sind wir da.

»Dit is det berühmte Orwo–Haus«, sagt er stolz. Früher hamse hier Filmmaterial hergestellt, jetzt proben so um die 140 Bands. Dit größte Musikerhaus Europas«. Ronny streicht mit den Fingern an der nackten Betonwand lang, als wir durch den Hausflur marschieren. »Hab ick selba mit verputzt«. Ich sage »boah«.

Wir fahren mit dem Fahrstuhl in den zehnten Stock. Als wir aussteigen, kommen uns fünf Jungs mit Nietenjacken entgegen. Ronny grüßt mit Handschlag. »Dit is die Band von Mia« flüstert er ehrfurchtsvoll, als wir ein paar Schritte weg sind. Ich nicke, keine Ahnung wer das sein soll. Am Ende des Gangs steht eine Tür auf. Es riecht total verraucht.

Als wir eintreten, ist kaum was zu sehen. Vier Kumpel stehen im Nebel und zupfen an Instrumenten. Ich huste und huste und renne wieder raus. »Bin noch nicht gesund« krächze ich. »Mensch mach doch mal eener dit Fensta uff, dit is dit Mädel, wat ick uffn Kühler jenomm hab«, schreit Ronny. Die anderen murren. »Wat sin n dit fuar neue Sitten?« mault einer. »Soll´n wa erfriern oder wat?«

Ronny reißt ein Fenster auf und ruft »Kanns wieda reinkomm´, Kleene« Ich schnaufe, »Nö, lass mal, ich geh lieber wieder«. Bin schon auf dem Weg zum Fahrstuhl, als mich Ronny einholt. »Na, wenigstens een Ständschen müssen wa dir aba bringn, bin dir wat schuldig«, sagt Ronny und setzt wieder seinen Hundeblick auf. »Ok., sage ich, aber nur eins. Muss mich wieder hinlegen«. Ronny lacht. »Kein Problem«. Er nimmt mich am Arm und wir gehen zum Probenraum zurück. »Ey, Atze, mach ma dit Sofa frei«, raunzt er. Atze steht auf und guckt finster. Ich setze mich hin. »Na, dann Jungs, macht mal«, sage ich. Ronny lacht, die anderen schauen genervt. Frauenbesuch gibt´s wohl nicht alle Tage in dieser Männerbude. Ich lege die Füße hoch und ziehe die frische Luft durch die Nase. Ronny gibt den Takt an und dann legen sie los. Tatatatatatata, zzzzzzt, bängbäng, paff. Hört sich nicht schlecht an. Ronny singt irgendwas von Love und Surrender, das übliche halt. Aber der Groove sitzt, ist tatsächlich Country, allerdings ein bisschen dünn auf der Brust, so wie die Betonplatten im Haus. Ronny schwitzt und schaut öfters rüber, als ob er für mich singt. Ich fühle mich geschmeichelt. Als das Lied vorbei ist, klatsche ich und rufe Zugabe. »Noch eens, aba denn is jut«, sagt Atze mit Blick auf Ronny. »He, man immer cool bleibn, biste nervös oder wat«, sagt Ronny gereizt. »Mit Frauen proben stand ja wohl nicht uffm Plan«, raunzt der Dicke hinterm Schlagzeug. Seine Haare sind so fettig, dass man damit eine Frittenbude füttern könnte. »Muss sowieso gleich los«, sage ich und setze mich auf. Ronny verdreht die Augen und nimmt Atze die Fluppe aus der Hand, die er sich gerade gedreht hat. Auf Ronnys Kommando hauen die Jungs noch mal rein. Keine Ahnung, wo die CD hingekommen ist, die Ronny mir geschenkt hat. Als sie fertig sind, mache ich schnell die Fliege. »Unten is n Café, da könn wa uns treffn späta«, ruft Ronny hinterher. Ich winke und rufe »Mal seh´n«. Als der Fahrstuhl endlich kommt, bin ich so müde, dass ich sofort einschlafen möchte. Mit letzter Kraft schleppe ich mich nach draußen und steige in die Tram, die gerade um die Ecke biegt. Bis zur Endstation in Mitte braucht sie mindestens eine Stunde, denke ich noch. Dann bin ich weg. Ich träume, dass ich mit Ronny eine Wohnung in Marzahn teile. Im 22. Stock, Blick auf den Fernsehturm. Aber Ronny muss immer singen, und das geht mir mächtig auf den Zeiger. Also gehe ich so oft es geht nach draußen. Sehe mir den japanischen Garten an und das Treibhaus mit der Hütte aus Bali. Steht alles in so einem Erholungspark ganz in der Nähe. Sogar ein chinesisches Teehaus gibt es da mit so Frauen in traditionellen Gewändern. Ich träume, dass ich mich in einem Irrgarten verirre aus lauter Hochhäusern und niemand weiß, wie man da wieder rauskommt. Ich schreie um Hilfe, aber niemand hört mich.

»Alles klar, bei Ihnen?“, fragt eine Frau und guckt besorgt. Ich nicke und reibe mir die Augen. Endstation.

 

 

 

 

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