Die letzte Fahrt

Mutter lag im Sterben. Der Anruf war mitten in der Nacht gekommen und Isa hatte schon länger darauf gewartet. Sofort hatte sie Panik überfallen, hastig hatte Isa ihre Sachen gepackt, den Kindern leise Adieu gesagt und ein paar Scheine auf der Anrichte im Flur hinterlegt. Ben und Juli wussten, wie es um ihre Oma stand, und Isa hatte schon mehrmals mit ihnen besprochen, dass, wenn es soweit war, sie eine Weile allein sein würden. Sie waren 14 und 16, also alt genug, um die Wohnung aus den Angeln zu heben. Aber Isa wusste, sie würden es nicht tun, jedenfalls nicht dieses Mal.

Isa nahm ein Taxi zum Hauptbahnhof. Dort gab es um diese Uhrzeit zwar keine Züge, aber eine Autovermietung, die 24 Stunden am Tag geöffnet hatte. Isa hasste Autofahren, aber sie konnte nicht bis zum Morgen warten, vielleicht war sie dann schon tot. Dieses eine Mal wollte sie so schnell es ging über die Autobahnen brettern, sie konnte es kaum aushalten, wie langsam der Mann am Schalter ihre Daten aufnahm, nervös schaute sie immer wieder zur Uhr. Ein Servicemitarbeiter begleitete Isa in die Tiefgarage wo die Wagen standen und sie stieg in einen BMW der 1er Klasse. Geld spielte in diesem Augenblick keine Rolle. Isa hatte dem jungen Mann erklärt, weshalb sie mitten in der Nacht eine Auto brauchte und er hatte mitfühlend geschaut und geantwortet, auch er hätte seine Mutter erst jüngst verloren. Das tat ihr leid, was sie ihm auch sagte, vor allem deshalb, weil er noch so jung war. Isa hatte ihre Mutter immerhin fast 50 Jahre gehabt und das Sterben in ihrem Alter war nichts Ungewöhnliches. Dennoch war sie verzweifelt. Schon seit Wochen konnte sie nicht mehr gut schlafen, Herzrasen wechselte sich mit Müdigkeit ab, das viele Kaffeetrinken machte alles nur schlimmer. Vor Jahren hatte Isa sich das Rauchen abgewöhnt, wenn Mutter tot war, würde sie endlich auch mit dem Kaffee Schluss machen, dachte sie, als sie den Wagen aus der Bahnhofsgarage lenkte. Wenn sie tot war. Daran gute Vorsätze zu knüpfen hatte etwas von Silvester und Neujahr. Vorher – nachher. Aber so war es. Bei den Geburten von Ben und Juli hatte sich ihr Leben auch geteilt in ein Davor und Danach. Danach war es anders, ein neuer Lebensabschnitt. Ohne Mutter. Eine Träne rollte ihre Wange hinab wie ein einsamer Schneeball einen Steilhang, daraus konnte schnell eine Lawine entstehen. Isa fing sie mit der Zunge auf und schmeckte das Salz.

Sie genoss die Fahrt durch die leeren Straßen, die Uhr zeigte halb drei und schneller als erwartet kam die Autobahn in Sicht. Isa hatte völlig vergessen, wie grell der Stadtring im orange-gelben Licht der Neonröhren strahlte, fast hatte sie das Gefühl zu träumen. Auf dem Weg zu sein in eine neue Galaxie. Isa hatte Mühe die Geschwindigkeit bei 80 km/h zu halten, denn der Wagen hatte Energie und ließ sich nur schwer zügeln. Wie ein Rennpferd, das man zum Dressurreiten verdammt hatte. Sie fuhr am ICC vorbei, dessen kolossale Hülle aus Stahl in tiefer Nacht noch gespenstischer wirkte, ein gestrandetes Raumschiff ohne Crew. Dann war sie auf der Avus und beschleunigte auf 100. Die Lichter der Stadt verschwanden und wieder einmal wurde ihr klar, wie klein Berlin eigentlich war. Kaum 20 Minuten hatte Isa gebraucht, um den Grunewald zu erreichen, der eine Art Vorgarten der Stadt bildete. Hier waren sie zu Mauerzeiten manchmal mitten in der Nacht gewesen, um auf dem Teufelsberg den Sonnenaufgang zu begrüßen. Nach durchtanzten Nächten im Abraxas oder im Café Wiener. Isa dachte an die Freunde damals, mit denen sie um die Häuser gezogen war. Was aus ihnen geworden war? Martin, der Architekt und Klavierspieler mit Hang zu schnellen Motorrädern oder Pit, der Koch. Oder Hans, ebenfalls Student der Architektur, auf dem Papier. Mit ihm hatte sie eine Weile zusammengewohnt, und es war eine sehr schöne Zeit gewesen. Er hatte ihr die Stadt gezeigt, auch die Straßen jenseits der Mauer, wo die besten Holunderbeeren wuchsen. Was er wohl gerade machte. Irgendwann hatten sie sich aus den Augen verloren, er war nach Charlottenburg gezogen, sie hatte eine Familie gegründet. Die Treffen waren immer seltener geworden, irgendwann hatten sie aufgehört. Ausgelaufen wie eine Welle, die sich am Strand im Sand verliert. Obwohl es eine Zeit ihr bester Freund gewesen war. Vielleicht der beste Freund, den sie überhaupt je gehabt hatte. Isa seufzte, gerade kam Dreilinden in Sicht, hier waren früher die Passkontrollen gewesen. Heute war davon nichts mehr zu sehen. Oft war sie von hier zu den Eltern getrampt, Dutzende hatten ihre Schilder den Autofahrern entgegengehalten und manche Fahrer hatten gleich vier Tramper auf einmal mitgenommen. Es war immer ein Abenteuer gewesen, zum Glück meistens mit gutem Ausgang. Nur einmal hatte sie Angst gehabt, danach war sie nie mehr in ein fremdes Auto gestiegen. Ein junger Mann in Jogginghose und Badelatschen hatte sie an einer Autobahnaufffahrt in Oldenburg mitgenommen und gab an zur Arbeit fahren zu wollen, er hatte während der Fahrt nervös gewirkt und ständig auf seine Uhr geschaut. Isa hatte gespürt, dass es gefährlich werden könnte und hatte angefangen von ihrer todkranken Mutter zu erzählen. Was nicht mal gelogen war, denn damals hatte sie wegen eines Krebsgeschwürs im Krankenhaus gelegen. Sie hatte geredet und geredet, und vielleicht hatte ihr das Plappern das Leben gerettet. Gleich hinter der Stadtgrenze Wilhelmshavens hatte er sie rausgelassen und Isa war schweißgebadet gewesen. Künftig hatte sie das Fahrgeld der Eltern lieber für Zugtickets ausgegeben.

Die Lichter waren jetzt endgültig verschwunden und die Dunkelheit lag wie eine Decke über der Autobahn. Isa schaltete das Radio an, sie war lange nicht im Dunkeln gefahren, und wenn ein Auto auf der Gegenfahrbahn aufblendete, sah sie einen Moment nur noch Licht. Gleißend und unheimlich. So musste es Babys gehen, wenn sie zur Welt kamen. Sie ging dann jedes Mal aufs Bremspedal und hoffte, dass alles gut ging. Ob Juli deshalb nicht hatte zur Welt kommen wollen? Sie war schon fast mit dem Köpfchen draußen gewesen und hatte plötzlich einen Rückzieher gemacht. Die Hebamme hatte daraufhin einen Notkaiserschnitt veranlasst, das Heulen des Alarms hatte Isa erschreckt und sie hatte gedacht, dass sie sterben würde. Jan hatte das auch gedacht, und sie hatten sich angeschaut als wäre es das letzte Mal. Das letzte Mal. Wie schaute man beim letzten Mal? Was sagte einem das? Und was hatte ein solcher Blick für einen Wert, wenn man plötzlich doch weiterlebte? Wie viele letzte Male gab es? Bei ihrer Mutter hat sie irgendwann aufgehört zu zählen. Sie war so oft krank gewesen und oft hatte es geheißen, jetzt, also jetzt sei es endgültig bald aus. Und dann war es doch weitergegangen mit ihr. War es diesmal wieder so ein falscher Alarm? War die Eile, das nächtliche Aufbrechen mit dem Auto völlig unnötig? Isa war sich sicher, dass es diesmal anders war. Aber woher nahm sie diese Sicherheit? Sie spürte, wie in ihr das Verlangen aufstieg zu rauchen. Wenigstens einen Kaffee. An der nächsten Raststätte fuhr sie ab und hielt direkt vor dem hell erleuchteten Imbissrestaurant. Sie stieg aus und holte tief Luft. Eiskalt wehte ein Wind, der nach Schnee roch, aber das war besser, als Benzingeruch von der benachbarten Tankstelle. Sie reckte und streckte sich, verschloss den Wagen und ging hinein. Außer ihr war niemand zu sehen, sie holte sich am Selbstbedienungstresen einen Cappuccino und zahlte am Automaten. Dann ging sie wieder hinaus und stellte sich neben das Auto. Als ein LKW vorbeifuhr und laut hupte, setzte sie sich lieber wieder in den Wagen. Sie genoss die Wärme des Kaffees im Bauch. Vielleicht war es mit dem Sterben wie mit dem zur Welt kommen. Es brauchte ein paar Anläufe. Als Ben sich ankündigte, waren sie dreimal ins Krankenhaus gefahren und jedes Mal gleich wieder nach Hause zurückgekehrt, weil die Wehen den Muttermund noch nicht weit genug geöffnet hatten. Als es dann endlich soweit war, hatten sie sich fast zu viel Zeit gelassen, und in der Klinik hatte die Geburt sofort begonnen. Vielleicht starb Mutter schon eine ganze Weile, überlegte Isa während sie am Radio drehte, um einen Sender mit klassischer Musik zu finden. Und vielleicht ging auch bei ihr am Ende plötzlich alles ganz schnell, so schnell, dass keiner rechtzeitig kommen würde, um ihr noch einmal die Hand zu halten. Isa stellte den halbleeren Kaffeebecher in die Halterung neben dem Sitz und machte den Motor an. Sie zögerte. Mit jedem Gedanken, jedem Handgriff kam sie Mutters Tod ein Stück näher.

Als sie Hannover passiert hatte, begann sich die Autobahn langsam zu beleben. Die ersten Berufspendler waren unterwegs und Isa begann die Fahrt zu ermüden. Gleichzeitig sprang ihr Herz in der Brust auf und ab wie auf einem Trampolin, ihre Finger zitterten, wenn sie eine Hand vom Lenkrad nahm. Sie umklammerte es daher mit beiden Händen und zählte die Kilometer. Noch zwei Stunden, wenn alles gut ging. Sie hörte Verkehrsnachrichten und wechselte den Sender, um sich von irgendwelchen Popsongs ablenken zu lassen. Bald hatte sie den richtigen Sender gefunden, den sie schon als Jugendliche gehört hatte, und sang mit als ein Lied kam, das sie kannte. „Sing Hallelujah“ passte gut zu ihrer Stimmung. Sie fragte sich, was Hallelujah eigentlich bedeutete und wunderte sich, dass sie sich die Frage erst jetzt stellte. Loben und preisen, irgendwas in der Art, schließlich kannte sie es auch aus der Kirche. Sie ärgerte sich, dass sie nicht nachschauen konnte. Ihr Magen begann zu knurren und sie trank den restlichen Kaffee, der mittlerweile kalt geworden war.

Kurz vor Allertal staute sich der Verkehr vor einer Baustelle, aber Isa störte das nicht. Der Drang jetzt sofort bei ihrer Mutter sein zu wollen war plötzlich verschwunden. Die ganze Fahrt kam ihr auf einmal absurd vor, das teure Auto, der überstürzte nächtliche Aufbruch. Sie dachte an die Arbeit, die heute liegen bleiben würde und an das Geld was dadurch wegfiel. Eine Verdoppelung ihrer Ausgaben wie sie schnell ausrechnete. Nach einer Weile normalisierte sich der Verkehr wieder und Isa gab Gas. Jetzt war es auch egal, sie hatte sich entschieden zu fahren, und wenigstens wollte sie es schnell hinter sich bringen. Sie wunderte sich, wie souverän sie das Fahren noch beherrschte, schließlich hatte sie über zehn Jahre lang nicht mehr hinter dem Steuer gesessen. Aber so war es auch mit dem Skifahren gewesen, nach 20 Jahren hatte sie im letzten Winter das erste Mal wieder eine Abfahrt genommen und sie hatte Bogen in den Schnee geschlagen, als hätte sie nie etwas anderes getan. Sogar der Bügellift war kein Problem gewesen, und davor hatte sie immer am meisten Angst gehabt. Sie war froh, dass nicht alles, was sie in der Vergangenheit gelernt hatte, umsonst gewesen war.

Bei Bremen füllte sich die Autobahn mit dem morgendlichen Berufsverkehr und Isa hatte keine Zeit mehr für ihre Gedanken. Sie schlängelte sich geschickt durch die LKW-Konvois, die vom Hafen kamen und fuhr rechtzeitig ab auf die Autobahn nach Oldenburg. Dort wurde der Verkehr wieder ruhiger. Es war mittlerweile 6 Uhr, ob Mutter noch lebte? Würde sie gleich heute eine Beerdigung organisieren? Wie viel Zeit blieb ihr noch? Sie drehte das Radio leiser. Ein Schwindelgefühl überkam sie und plötzlich war sie sich nicht mehr sicher, ob sie es tatsächlich schaffte. Sie hielt auf einem Parkplatz und suchte nach den Rescue-Tropfen, die sie immer in ihrer Handtasche hatte. Die halfen gegen Schockzustände nach Unfällen oder Panikattacken. Früher hatte sie die Tropfen häufig genommen, in den letzten Jahren immer seltener. Vielleicht, weil sie nichts mehr so schnell aus der Fassung brachte, sie souveräner geworden war und nicht mehr Auto fuhr. Vielleicht war einfach nichts passiert, was den Einsatz von Rescue-Tropfen nötig gemacht hätte. Sie träufelte sich ein paar Tropfen unter die Zunge und wartete. Der Alkohol tat seine Wirkung und betäubte die Schleimhäute, Isa lies das Fenster runterfahren und atmete tief aus und ein. Sie traute sich nicht auszusteigen, der Parkplatz lag komplett im Dunkeln. Sie fuhr langsam wieder an und ließ das Fenster offen. Sie begann zu singen, das hatte auch früher schon oft geholfen, wenn sie vor Aufregung falsch zu atmen angefangen hatte und dann der Schwindel gekommen war. Sie sang ein Lied aus dem Sängerkrieg der Heidehasen, ihrem Lieblingshörspiel. Lange hatte sie es nicht mehr gehört, die Kinder waren jetzt zu groß dafür und alleine war sie nie auf die Idee gekommen, sich die Kassette anzuhören. Überhaupt hatte sie bei vielen Kinderbüchern und –liedern das Gefühl gehabt, dass sie ihr besser gefielen als Ben und Juli. Vielleicht erkannte man den Schatz der Phantasie erst später. Vielleicht waren Kinder aber auch mehr interessiert an Geschichten aus dem echten Leben. Pipi Langstrumpf etwa, alle Kinder liebten das, vielleicht, weil es in einer Welt spielte, die jeder kannte, nur mit einem besonderen Mädchen, dass mehr konnte als die anderen. Wie konnte sie sich solche Gedanken machen und gleichzeitig singen, dachte Isa und schloss das Fenster. Sie sang weiter und so laut, dass es in ihren Ohren gellte. Sie wollte sich betäuben, an nichts denken und endlich da sein.

Langsam lichtete sich der Horizont und das Morgendämmern hüllte die öden Felder am Wegesrand in blasses Grau. Isa kaute Kaugummi und zählte die Kilometer. Bald hatte sie Varel erreicht und jetzt war es nicht mehr weit. Sie fühlte, wie ihr Herz klopfte, wäre Mutter tot, hätte sie schon längst einen Anruf bekommen, versuchte sie sich zu beruhigen. „Sie wird es wieder überleben“, sagte ihr eine innere Stimme.

„Bloß nicht“, schrie eine andere dagegen an. „Sie soll verdammt noch mal endlich sterben!“ Isa hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund. Was war los mit ihr?

„Der schnelle Ritt über die Autobahn mitten in der Nacht durfte nicht umsonst gewesen sein!,“ schrie es in ihr.

„Doch, hoffentlich!“, keifte es zurück.

„Halt die Klappe, die blöde Kuh, hält mich schon seit Jahren zum Narren“.

„Das tut sie doch nicht mit Absicht!“

„Doch!“

„Nein!“

„Doch!!!“

Isa lies ihr Fenster bis zum Anschlag herunterfahren. Der kalte Fahrtwind nahm ihr fast den Atem.

„Nichts ist umsonst,“ schrie sie wütend und trat das Gaspedal durch, die Tachonadel kletterte auf 200 Stundenkilometer. Die Windräder am Horizont schienen ihr wie Kreuze, mahnend.

Als sie an Sande vorbeisauste, verstummten die Stimmen endlich. Ihr war es egal, was sie erwartete, sie würde es aushalten und weiterleben. Es gab da kein Richtig und Falsch. Sie wäre jetzt gerne noch länger gefahren, immer so weiter, vielleicht bis nach England, am liebsten nach Norwegen oder Lappland. Immer geradeaus auf dieser weiten, menschenleeren Autobahn. Weiter, einfach nur weiter.

Auf dem Parkplatz der Klinik ging hinter den Wipfeln des benachbarten Stadtparks die Sonne auf. Sie stellte den Motor aus und starrte auf das Bettenhochhaus, in dem ihre Mutter lag. So viele Male war sie hier schon gewesen. Erschöpft ließ sie ihren Kopf auf das Steuerrad sinken und schlief ein.

Ein Gedanke zu “Die letzte Fahrt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s