Das Meer in uns

Mutter wollte nach Afrika auf den Kilimansharo. Sie wollte außerdem mal wieder ins Berliner Bode-Museum, in die Nationalgalerie und in den Berliner Dom. Mutter hatte viele Wünsche und ich versuchte ihr möglichst viel davon zu erfüllen. An den Wochenenden machten wir dauernd Kulturprogramm, wir gingen in diese und jene Ausstellung, besichtigten neue Gebäude, fuhren auf die Kuppel des Reichstags und spazierten Unter den Linden. Ich kam kaum zur Ruhe, aber andererseits freute ich mich auch über ihren Unternehmensgeist. Nur die Sache mit dem Kilimandscharo machte mich nervös. Es war teuer und außerdem waghalsig. Wann war ich das letzte Mal wandern gewesen? Ich konnte mich kaum noch daran erinnern, irgendwo in den Alpen war es gewesen, lange her und mit vielen Pausen.

Ich buchte schließlich trotzdem. An einem grauen Novembermorgen ging es los. Der Flug war lang und je näher wir dem riesigen Berg kamen, desto unwohler war mir. Warum musste ich immer nachgeben und was hätte ich mit dem Geld, was dieses Abenteuer kostete, alles anstellen können? Ich trank einen Orangensaft nach dem anderen und verschwand viele Male auf der Bordtoilette, ehe der Flieger in Tansania landete. Nun ging es also los. Ich seufzte und erhob mich von meinem Sitz, nass vor Angstschweiß und übellaunig.

Auf dem Flugplatz schlug mir ein heißer Wind entgegen, ich taumelte auf der Treppe und fast wäre ich gestürzt, wenn mich Mutter nicht gerade noch gehalten hätte. „Das schaffst du schon,“ raunte sie mir ins Ohr. Ich schüttelte den Kopf und versuchte Halt am Geländer zu finden. „Weißt du Mutter, stöhnte ich, „warum fahren wir nicht erst einmal ans Meer? Da ist die Luft besser, und das gefällt dir doch immer so gut, der frische Wind und die Wellen.

„Erst auf den Berg,“ antwortete sie und schob mich vorwärts zum Ausgang.

Es gab kein Zurück.

Die nächsten Tage litt ich unter dem Klimawechsel und verbrachte die meiste Zeit im Bett. Da der Aufstieg erst in einer Woche beginnen sollte, war das nicht weiter schlimm. Ich fraß Baldrianpillen, wie immer, wenn mich etwas nervös machte, und sah einen Film nach dem anderen. Mutter machte sich rar, wo sie sich aufhielt, interessierte mich nicht. Ich war froh, eine Weile allein zu sein. Das Zimmermädchen brachte das Essen ans Bett, aber ich hatte keinen großen Appetit. Sobald ich die Fenster öffnete, kam ein gewaltiger Föhnwind ins Zimmer geweht und im Nu war mir schwindelig. Also öffnete ich sie so selten wie möglich und stellte die Klimaanlage auf Kühlschranktemperatur. Mehrmals am Tag fiel der Strom aus, und die Kälte hielt sich so wenigstens eine Weile, bis das Gerät wieder ansprang. So dämmerte ich vor mich hin bis zum Tag der Abfahrt.

Als es soweit war, stieg ich morgens erholt aus dem Bett, duschte kalt und ertappte mich dabei, wie sich so etwas wie freudige Erregung in mir breit machte. So schlimm fand ich es auf einmal gar nicht mehr, den Berg hinaufzusteigen. Ich strich mir die letzten verbliebenen Haare über meine Glatze und rasierte mich.

„Siehst du Mutter, ich mache mich fein für den Berg,“ rief ich. Mutter sah mich prüfend von der Seite an, sagte aber nichts. Dann lächelte sie. Vielleicht hatte sie gedacht, dass ich sie auf den Arm nehmen will, dachte ich und zog eines dieser neumodischen Chemiefaser-T-Shirts über, die angeblich den Schweiß aufsogen und in Luft auflösten. Ich packte das Nötigste in einen Rucksack, zog die neuen Trekkingsandalen an und öffnete die Zimmertür. „So, Mutter, auf geht´s,“ rief ich mit bester Laune. Mutter folgte mir wortlos. Vielleicht hatte sie Angst? Sie hatte es so gewollt, also war es besser, nicht darauf einzugehen.

Unten wartete schon das Taxi, dass uns zum Ausgangspunkt bringen sollte.

„Vielleicht sollten wir doch besser erst mal ans Meer fahren,“ sagte Mutter leise.

Ich schüttelte den Kopf. „Wir haben dafür viel Geld bezahlt,“ antwortete ich bestimmt und grüßte den Fahrer, der uns die Tür aufhielt. Ich stieg ein, Mutter folgte widerwillig. Ich zog die Luft mehrmals lautstark durch die Nase, das tat ich immer, wenn mir jemand auf die Nerven ging.

Diesmal war sie es.

Viele Stunden ging die Fahrt über Land durch Dschungel und Ebenen, von denen man den Fuß des Kilimandscharos sehen konnte. Ich deutete ständig auf irgendwelche Tiere am Wegesrand, die ich sonst nur aus dem Zoo kannte und freute mich wie ein Kind darüber, dass es sie wirklich noch in der Wildnis gab: Gazellen, Löwen, Elefanten, alles da. Mutter sagte auf der ganzen Fahrt kein Wort.

Als wir am Startpunkt ankamen, war es bereits Mittag und sehr heiß. Es wimmelte von Menschen aus aller Welt, und ein bisschen war es wie auf einem Musikfestival. Alle warteten auf das große Ereignis, nur, dass es hier kein Popstar, sondern der Beginn ihres Trips nach ganz oben war. Mutter und mir wurde ein Zelt zugewiesen, wo wir die restliche Zeit bis zum Start im nächsten Morgengrauen verbringen sollten. Dort waren Feldbetten aufgebaut, und ich stellte meinen Rucksack neben einem der wenigen freien Betten ab. Ich legte mich zur Probe darauf und fand es gar nicht mal so unbequem. Ich rollte mich auf die Seite, drei Betten weiter bemerkte ich einen Mann, der ebenfalls lag und an die Zeltdecke starrte.

„Hello,“ sagte ich und setzte mich halb auf.

„Hello,“ antwortete der Mann, es klang erschöpft.

Did you get it?“ fragte ich. „Oder sprechen Sie Deutsch?“ Mein Englisch war nicht besonders gut, und man musste sich ja nicht unnötig quälen.

„Right“, antwortete der Mann,

Also Deutsch? Woher denn?“

„Kassel.“

„Wie war´s denn da oben?“ fragte ich.

„Keine Ahnung,“ knurrte er und richtete sich ebenfalls auf, um mich zu mustern.

„Aha, dann fangen wir morgen vielleicht zusammen an,“ sagte ich, froh darüber, einen Leidensgenossen gefunden zu haben.

„Es gab da einen Problem mit meinem Ticket, und jetzt bin ich ganz umsonst hergefahren“ sagte er und hieb kraftlos mit seiner Faust aufs Bett. Ich fragte, welcher Art das Problem sei und erfuhr, dass das Organisationskomitee für das Buchungsdatum vertauscht hatte und so war er schon vor einem Monat für den Aufstieg vorgemerkt gewesen. Sie wollten ihm die Kosten für den Aufstieg erstatten, mehr aber nicht. Plötzlich kam Mutter in Fahrt, sie hatte sich alles angehört, und jetzt witterte sie ihre Chance.

„Sie können mein Ticket haben,“ sagte sie freundlich. Mir blieb die Spucke weg. Ja, gehen Sie für mich hinauf.“

Der Mann starrte mich an.

„Wirklich?“

Ich schüttelte leicht den Kopf.

„Wenn sie es sagt,“ antwortete ich.

„Wer sie?“ Der Mann ließ seinen Blick suchend durch das Zelt schweifen.

„Hier,“ sagte ich und reichte ihm das Ticket. Der Mann nahm es und studierte es genau. Dann blickte er hoch.

„Das ist wirklich unglaublich,“ rief er und strahlte über das ganze Gesicht. Noch niemals hatte ich einen Menschen so glücklich gemacht.

Kurze Zeit später saßen wir im Büro des Trekkingkomitees und regelten die Angelegenheit. Mutter saß still daneben, sie hatte es so gewollt. In mir regte sich ein leichter Unwillen wegen dem ständigen Hin und Her. Ich dachte an die Flugkosten, wenigstens bekamen wir die Trekkinggebühren in vollem Umfang zurück, und der Mann, der jetzt in unserem Namen den Berg erklimmen würde, bezahlte uns noch die Taxifahrten zum Camp und wieder zurück in die Hauptstadt.

Als am späten Nachmittag ein Taxi weitere Wanderer brachte, fuhren wir zurück. Mutter sah nicht ein einziges Mal hinaus, während ich mich ständig umdrehte, um den riesigen Berg mit einem letzten Blick zu erhaschen.

„Wir hätten es sowieso nicht geschafft,“ murmelte ich nach einer Weile und lehnte den Kopf an die Seitenscheibe. Dann schlief ich ein.

Als wir wieder in der Hauptstadt ankamen, war es bereits mitten in der Nacht. Wir logierten wieder im selben Hotel wie bei der Ankunft und da ich die halbe Strecke geschlafen hatte, war ich hellwach. Ich setzte mich an die Hotelbar und studierte meinen Reiseführer. Bis zum Meer waren es einige hundert Kilometer, Mutter würde mitkommen, doch es war nicht mehr dasselbe. Sie hatte mich enttäuscht und ich beschloss sie diesmal im Hotel zu lassen. Vielleicht sollte ich sie gar nicht mehr mitnehmen, dachte ich nach dem dritten Gin Tonic. Vielleicht sollte ich herausfinden, was ich will, und nicht immer nur noch tun was sie will, dachte ich nach dem vierten. Morgen würden wir fahren, lallte ich nach dem fünften.

Als ich am nächsten Tag gegen Mittag aufwachte, hatte ich einen üblen Brummschädel. Mutter war nicht da, sie hatte auch keine Nachricht hinterlassen. Wahrscheinlich beleidigt, dachte ich und stöhnte. Ich kramte aus meiner Waschtasche zwei Schmerztabletten und spülte sie mit dem Tee hinunter, den das Zimmermädchen vor Stunden gebracht hatte und der kalt auf dem Nachttisch stand.

„Mutter, du kannst mich mal,“ rief ich laut und im selben Augenblick tat es mir wieder leid. Was sollte ich ohne sie anfangen, was fing ich ohne sie an, seit sie weg war? Die Gedanken kreisten wie irre, und ich kam zu keinem Ergebnis. In meiner Verzweiflung rief ich den Pfarrer an, der sie beerdigt hatte, aber er ging nicht ran. Es war ja auch mitten in der Nacht, dort, wo er jetzt war. Aber hatten Pfarrer nicht Notdienst und mussten sie nicht auch mitten in der Nacht Bereitschaft haben? Ich fluchte und hielt mir den Kopf, der jeden Augenblick zu zerplatzen schien. Ich musste endlich ohne sie auskommen, musste dieses riesige Meer aus Erinnerungen und Sehnsucht durchschwimmen. Ich fühlte mich wie ein Schiffbrüchiger, dem nur noch eine Tonne als Halt diente und der jeden Augenblick zu ertrinken drohte. Die Tonne war Mutter, doch darin war nichts außer Erinnerungen und Wünschen, die sie sich nicht hatte erfüllen können. Davon ernährte ich mich nun schon seit Wochen, aber ich wurde nicht satt davon. Warum war ich nicht den Kilimandscharo hinaufgegangen? Warum hatte Mutter mich plötzlich zurückgehalten? Ich schluchzte und vergrub mein Gesicht in den Kissen. Dann vibrierte mein Handy. Zoe hatte eine Nachricht geschickt.

„Warst du schon oben?“ fragte sie.

Ich antwortete mit einem Traurig-Smiley. „Fahre lieber ans Meer“, tippte ich.

„Ist vielleicht besser so,“ antwortete sie.

Das richtete mich auf.

Zoe, meine Tochter, vielleicht hätte ich lieber sie mitnehmen sollen. Ein Stück weit hatte ich das auch, dachte ich und vielleicht hatte ich deshalb die Chance ergriffen wieder umzukehren. So sehr ich mich auch verlassen fühlte, das Meer bestand nicht nur aus Mutter und mir, es war voller Inseln, ich musste nur die Augen aufmachen. Große, schöne Inseln mit wunderbaren Stränden und netten Menschen! Und bald würde sicherlich auch wieder Festland in Sicht kommen. Ich zitterte und wischte mir mit der Bettdecke den Schweiß von der Stirn. Festland, was sollte das sein und wo? Ich sprang aus dem Bett und duschte eiskalt. In der Lobby buchte ich meinen Rückflug um. Ich wollte sofort nach Hause.

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