Durst

Es lag eine brütende Hitze über dem Land. Das Gras auf den Weiden war von der Sonne versengt, Staub wirbelte auf, sobald der Mähdrescher über Land fuhr. Der Blick ging weit über die kahlgeschorenen Äcker und nur ab und an unterbrach ein einsamer Baum das Bild der landwirtschaftlichen Monotonie. Ich war vor nicht allzu langer Zeit aufgebrochen, und doch tropfte mir der Schweiß von der Stirn, als sei ich schon Stunden unterwegs und über Berg und Tal gewandert. Ein leichter Wind strich heran und kühlte meine feuchte Stirn. Ich rückte den Hut etwas zurück, um besser zu sehen und kniff die Augen zusammen. Am Horizont flimmerte ein Haus in der Sonne, vielleicht war es aber auch eine Fata Morgana. Ich führte meine Wasserflasche zum Mund und trank gierig einige Schlucke. Viel war nicht mehr übrig, und ich überlegte, wo ich die Flasche auffüllen konnte. Nicht weit von hier war ein Dorf, dort musste es einen Gasthof geben, wenn man der Landkarte Glauben schenkte. Aber sicher war das nicht, denn die Leute zogen fort und die Dörfer bestanden immer mehr aus verfallenen Häusern. Und natürlich schlossen dann auch die Gaststätten. Ich steckte die Flasche zurück in meine Umhängetasche und ging weiter den Feldweg entlang, der früher einmal eine Straße gewesen sein musste. Feldsteine ragten aus dem sandigen Boden, Fuhrwerke hatten zu früherer Zeit mit den Wagenrädern tiefe Rinnen gegraben, auf dem Buckel in der Mitte des Weges erstreckte sich meterhohes Gras, trocken und sandfarben, als sei Winter. Ein Adler flog dicht über meinen Kopf und ich erschrak. Hatte er mich für ein Tier gehalten? Gar eine Beute? Ich malte mir aus wie sich die Krallen des Raubvogels in meinen Nacken bohrten und schauderte. Schnellen Schrittes ging ich voran und schaute nach dem Adler. Doch er zeigte sich nicht mehr. Vielleicht hatte er im Gebüsch eine Maus erlegt und würgte sie gerade hinunter. Ich leckte das Salz von meinen Lippen und hatte schon wieder Durst. Doch den Rest in der Flasche durfte ich nicht zu schnell verbrauchen. Noch war das Dorf nicht in Sicht und ich war noch nicht mal sicher ob ich auf dem richtigen Weg dorthin war. Ich ärgerte mich, dass ich keinen Kompass mitgenommen hatte. Die Sonne knallte fast senkrecht vom Himmel und gab kaum Orientierung. Ich senkte den Blick zu Boden und schritt weiter. Längst war mir die Lust vergangen, bei dieser Mordshitze eine Wanderung zu unternehmen. Umkehren wollte ich aber auch nicht, schließlich hatte ich hoffentlich bald die Hälfte meines Tagesmarsches erreicht. Im Dorf gab es nicht nur Wasser, sondern vielleicht konnte ich dort auch ein Taxi rufen lassen, dass mich zurück zum Bahnhof brachte. In dieser Einöde hatte man fast nirgendwo Handy-Empfang, geschweige denn Internet. Es war wie ein Rückschritt in die 80er-Jahre. Leute um Hilfe bitten, hoffen, dass man sich nicht verlaufen hatte, Ruhe bewahren. Das Taxi war meine Hoffnung, und es war mir völlig egal was es kosten sollte.

So ging ich weiter und bald schien es mir wie ein Traum. Die Landschaft bliebt starr als träte ich auf der Stelle, keine Wolke am Himmel, Stille und über allem die Hitze. Mein Mund war bereits völlig ausgedörrt, als ich einen kleinen Schluck aus der Flasche nahm. Ich litt wie ein Hund, dabei war es mein freier Tag. Ein Tag in der Natur, so hatte ich mir das vorgestellt. Ja, und das war es auch. Nur, meine Vorstellung war falsch gewesen, dies war kein lieblicher Sommer, sondern eine menschenverachtende, alles verbrennende Jahreszeit. Unerbittlich, wie ich es bis gestern nur in den Wüsten und Steppen Afrikas oder Amerikas für möglich gehalten hatte. Vielleicht gab es das nur noch im Märchen, den deutschen Sommer mit prächtig grünen Bäumen und Blumen, die vom vielen Regen trunken waren. Die Uckermark sah aus wie die Sierra Nevada und sie schien genauso verlassen. Dabei war doch Brandenburg das Land der tausend Seen. Wo war einer dieser verdammten Teiche? Ich kramte meine Karte aus der Tasche. Bei dem Dorf, was sich eigentlich schon längst am Horizont irgendwie bemerkbar gemacht haben musste, musste ein Badesee sein. Das hellte meine Laune sogleich auf. Die Vorstellung in einen kühlen See zu springen war einfach zu köstlich. Ich stieg auf den untersten Ast eines Baumes am Wegesrand, um weiter sehen zu können. Aber das war nichts, nur diese kahlen Felder. Ich stöhnte und schaute auf die Uhr. Es war bereits halb zwölf. Ich holte meinen Proviantapfel aus der Tasche und biss hinein. Er schmeckte wie Kompott, so heiß war das Fruchtfleisch, aber saftig immerhin. Ich ging weiter und dachte an meine Arbeit und die Kollegen, die jetzt hübsch kühl im Kreuzberger Loft in die Tasten hauten und der fauchenden Espressomaschine zuhörten. Wie sehr hatte ich mich auf diesen Tag unter freiem Himmel gefreut, und wie sehr wäre ich jetzt gern dort gewesen. Tagelang hatte ich im Büro in düsterer Stimmung vor mich hin gebrütet, hatte ernsthaft überlegt, eine Jagdausbildung zu machen und den ganzen Schreibtischscheißkrempel hinzuschmeißen. Wie im Knast hatte ich mich gefühlt und das Viereck Himmel hinter dem Fenster sehnsüchtig betrachtet. Ich hatte sogar schon Ausbildungseinrichtungen gegoogelt und durchgerechnet ob ich mir das würde leisten können. Als Jägerin in Brandenburg, immer draußen in der Natur.

Plötzlich knackten laut Äste und ich erschrak. Ich drehte mich zu allen Seiten, damit rechnend, irgendwo ein Wildschwein zu entdecken, aber es war nichts zu sehen. Mein Herz klopfte bis zum Hals. Vielleicht lauerte mir jemand auf? Ich ging einen Gang schneller und umfasste das Pfefferspray in meiner Hosentasche. Es war immer dasselbe. Kaum hatte ich die Zivilisation verlassen, fühlte ich mich ausgeliefert. Herumstreunende Hunde, testosterongesteuerte Bauern, Bachen, die ihre Frischlinge verteidigen wollten – eine Tour über Land barg für mich mehr Gefahren als der Autoverkehr in der Stadt. Natürlich war das allein meiner Phantasie geschuldet. Mein derzeit einziger Feind war wohl eher das schwindende Wasser in meiner Flasche oder vielmehr die Sonne, die gnadenlos vom Himmel brannte und die mich dürsten ließ. Dieser zerstörerische Feuerball, dieses mächtige Licht, dass Leid und Leben so nah zusammenbrachte. Ich keuchte und ging wieder langsamer. Warum kam dieses blöde Dorf nicht endlich in Sicht? Ich schaute auf mein Handy, aber es war kein Balken zu sehen, null Empfang. Ich trank einen vorletzten Schluck und aß einen Müsliriegel, der zwischen den Zähnen klebte. Aber er gab neue Kraft, bildete ich mir ein und ich ging wieder forscher voran. Ich dachte darüber nach, wie es meinem Großvater ergangen war, der als Kind bei jedem Wetter durch den Wald zehn Kilometer zu Fuß zur Schule gegangen war. Und der vom Lehrer Schläge bekommen hatte, wenn er zu spät gekommen war, eine Uhr hatte er nicht besessen. Im Ersten Weltkrieg hatte er als junger Mann ein Bein verloren und während der Nazizeit war er als Pfarrer mehrmals im KZ gewesen, weil er sich kritisch geäußert hatte. Und ich jammerte, weil mir bei einer Wanderung aus reinstem Vergnügen das Wasser ausgegangen war. Ich starrte eine Weile gedankenverloren auf den Weg und setzte einen Fuß vor den anderen, es war wie eine Meditation. Ein Uhrwerk, das mich gehen ließ. Ohne Ziel, einfach so.

Als ich nach einer Weile wieder aufsah, stand er plötzlich da. Eine schlanke Gestalt, abwartend, etwa 50 Meter vor mir auf dem Weg. Ein Wolf! Ich erstarrte. Hatte er vorhin im Gebüsch gelauert, vielleicht gab es noch mehr, eine ganze Meute gar? Ich zitterte und holte das Pfefferspray aus meiner Hosentasche. Was tun? Einfach weiterlaufen und hoffen, dass er abhaute? Krach machen und wütend werden? Oder einfach davonlaufen? Ich entschied mich für Letzteres. Nicht weit vom Weg entfernt stand ein Jägerhochstand und dorthin rannte ich über das geschorene Feld. Ich blickte mich mehrmals um, aber der Wolf war nicht zu sehen. Hastig kletterte ich die Leiter hoch und ließ mich atemlos auf dem Boden nieder. Zum Glück war der Hochstand überdacht. Was für ein Glück, dass er überhaupt hier stand, so nah! Der Schatten tat gut, ich schaute vorsichtig über die Holzabsperrung, aber noch immer war nirgendwo ein Wolf zu sehen. Ich wühlte mein Handy aus der Tasche, tatsächlich gab es hier Empfang. Ich wählte die 110. Nach kurzer Zeit meldete sich jemand. Ich versuchte zu beschreiben wo ich mich befand und die Polizistin am anderen Ende der Leitung versprach eine Streife zu schicken, die mich abholte. Ich legte das Handy auf den Boden und schaute weiter über Land. Mein Handy gab Laut, ein Zeichen, dass der Akku bald leer sein würde. Ich fluchte und wischte mir die Tränen aus den Augenwinkeln. „ Scheiße!“ schrie ich. Erschöpft sank ich auf den Boden des Hochstands. Doch dann rappelte ich mich schnell wieder auf und hielt Ausschau. Vielleicht waren die Polizisten bald da und ich musste sie auf mich aufmerksam machen. Ich fühlte mich einem Mal sehr erschöpft. Endlich hörte ich ein Motorengeräusch. Doch es war nur ein Mann auf einem Moped, der den Weg entlangfuhr und der mich nicht hörte, obwohl ich wie der Teufel schrie und winkte. Wer weiß, vielleicht war es besser so. Keine Ahnung, was ein Mann bei dieser Hitze mit einem Moped hier zu suchen hatte. Aber was hatte ich schließlich hier zu suchen? Es gab für niemanden einen Grund hier zu sein.

Als bis zum Nachmittag immer noch niemand gekommen war, verließ mich jeglicher Mut. Ich rollte mich auf dem Boden zusammen und schlief ein. Gegen Abend erwachte ich wieder, mein Handy machte keinen Mucks mehr und mein Magen knurrte. Mein Zunge klebte am Gaumen. Ich nahm den letzten Schluck aus der Flasche und fasste einen Entschluss. Ich würde querfeldein gen Westen gehen, da wo die Sonne jetzt stand und wo ein weiterer Hochstand Sicherheit versprach. Ich zitterte vor Angst, aber hier bleiben und warten war keine Lösung.

„Was willst du? Verdursten?“ sprach ich zu mir selbst. Dort hinter dem Hügel musste ja irgendwo das Dorf sein oder wenigstens sonst etwas. Ich sah mich ein letztes Mal prüfend um, aber weit und breit war kein Wolf zu sehen. Vielleicht hatte es ihn gar nicht gegeben? Hatte ich etwa geträumt oder war er das Resultat meiner Ängste und Einbildung gewesen? Als ich die Leiter vom Hochstand hinabgeklettert war, holte ich das Pfefferspray wieder hervor und umklammerte es fest mit der Hand. Dann marschierte ich los. Die Luft hatte schon etwas abgekühlt und es ging ein leichter Wind. Das machte mich zuversichtlich, zumal ich weit schauen konnte und keine Gefahr zu drohen schien. Ich summte die Melodie von »Das Wandern ist des Müllers Lust«, um mir Mut zu machen und betete, dass ich vor der Dunkelheit in Sicherheit sein würde.

So ging ich über die weiten, abgeernteten Felder. Bei jedem Schritt wirbelte Staub auf. Die Sonne hing wie ein großer schwerer Kürbis am Horizont. Ich fühlte mich wie Lucky Luke ohne Pferd, dafür mit einer pelzigen Zunge, die ständig versuchte, den Schweiß von den Lippen zu lecken. An einem Wasserloch zwischen zwei Feldern hielt ich an und bahnte mir einen Weg durch das Schilf, das hoch drumherum stand. Ich hatte nicht vor, etwas zu trinken, aber ein bisschen Abkühlung würde der Tümpel wohl bringen. Ich hatte gerade den letzten Schilfhalm beiseite getreten, als mir eine riesige Hornisse bedrohlich näher kam. Sofort trat ich den Rückweg an. Und dann war da noch eine und noch eine. Wie der Teufel rannte ich davon und wie durch ein Wunder folgten sie mir nicht. Japsend ließ ich mich nach einigen hundert Metern fallen. Mein Herz klopfte bis zum Hals und ich zitterte. Da sah ich am Horizont einen Traktor. Ich winkte kraftlos, aber es hatte keinen Zweck. Er war viel zu weit weg. Ich fluchte und rappelte mich wieder auf. Irgendwo musste hier doch mal ein Dorf oder wenigstens ein Haus sein, das hier war schließlich nicht Sibirien, sondern Deutschland, das mit am dichtesten besiedelte Land der Erde. Aber diese Ecke hatten die Statisten wahrscheinlich ausgelassen in ihrer Berechnung. Oder schon zu Polen gerechnet. Weit war es ja nicht bis dorthin und drüben, auf der anderen Seite der Oder war es genauso menschenleer. Einmal war ich mit Freunden dort im Auto herumgekurvt, das hatte Spaß gemacht.

Im letzten Licht der Sonne kamen schließlich die Häuser eines Dorfes in Sicht. Mit letzter Kraft legte ich die letzten Kilometer zurück und klopfte an die nächstbeste Tür. Doch es machte keiner auf, auch an der nächsten nicht. In den Fenstern war kein Licht und ich schloss daraus, dass es sich um Ferienhäuser handelte. Tatsächlich war an einem der Häuser ein Schild mit einer Handynummer angebracht. Ich ging zur Straße und las am Ortseingang den Namen des Dorfes: Großkünkendorf. Ich musste auf meiner Karte eine Weile suchen, bis ich den Ort fand, er war meilenweit von der nächsten Bahnstation entfernt. Gerade als ich probierte, ob mein Handy Empfang hätte, sah ich wie das Licht in einem der Häuser anging. Ich ging eilig hin und klingelte.

Ein Hund bellte, aber es machte keiner auf. Ich rief, niemand antwortete. Ich fluchte und donnerte mit den Füßen gegen das Hoftor. Da sah ich den Wasserhahn im Schein der Laterne, die den Eingang zum Hof beleuchtete. Ich drehte ihn auf und trank, das Wasser war herrlich kühl, ich schluckte und schluckte und schließlich erbrach ich mich. Ich sackte in die Knie und zitterte. Mit letzter Kraft sah ich noch das Blaulicht, dann war alles schwarz.

Als ich aufwachte, tat mir alles weh. Ich sah den Tropf und wusste, dass ich in Sicherheit war und schlief gleich wieder ein.

Als ich später wieder erwachte, ging es mir schon besser. Ich streckte und reckte mich, und noch immer taten mir die Knochen weh. Aber ich war auf einem guten Weg. Ich hatte mir nur ein bisschen das Gemüt verbrannt wie ein Kind an der Herdplatte. Ich nahm einen großen Schluck Wasser aus dem Glas, das neben dem Bett stand. Dann rappelte ich mich auf und suchte das Klo.

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