Hangover

Ich bin hier hängen geblieben. Meine Kinder werden größer, und bald sind sie so alt, dass sie hierher ziehen könnten. Wären sie in der Provinz groß geworden, so wie ich. Jeden Morgen schaue ich über die Dächer der Stadt und denke, wie lange noch und warum auch nicht: Hier bleiben. Achtmal bin ich umgezogen in dieser Stadt, jedes Mal ein Neuanfang, ein anderer Bezirk, andere Läden, neue Menschen. Viele Alternativen gibt es nicht mehr, ich kenne fast alles. Hier in Mitte gefällt es mir am besten, und bei dem Gedanken an Umzug denke ich an Wegzug. Denn wo sollte ich noch hin in dieser Stadt?

Den ganzen Tag schreibe ich über sie, die ganze Nacht träume ich von anderen Orten. Jeden Morgen wache ich auf und steige im Geiste aus einem anderen Zug, Bus oder Flugzeug. Ich reise die ganze Nacht, liege an Stränden in der Sonne, wohne in Pensionen in den Bergen, nie bei Freunden. Ich warte an Bushaltestellen, trinken Kaffee in spanischen Bodegas, fächele mir mit den Tickets Kühle zu in der gleißenden Sonne des Tages. Und dann werde ich wach. Draußen regnet es (oft), der Himmel ist noch grau, die Amseln singen im Winter nicht. Ich hole Luft auf dem Balkon, atme tief aus und ein. Es riecht nach Kohle oder Zigaretten, manchmal geht ein frischer Wind. Dann schließe ich die Augen und stelle mir vor, ich sei am Meer. Bis der Wecker klingelt, das zweite Mal, denn ich habe ihn vergessen auszustellen. Ich stelle ihn ab, küsse meinen Mann, wecke die Kinder und koche Kaffee. Im Radio spielen die Killers, während ich Brote schmiere, Cornflakes auf den Tisch stelle und bete, dass der Tag gut zu Ende gehen möge. Ich bete viel und gerne. Am liebsten mitten in der Nacht, wenn ich wach werde, weil ich gerade auf den Bus nach Palermo warten muss und nichts zu tun ist. Ich bedanke mich für den vergangenen Tag und erbitte Segen für den folgenden und Gesundheit für meine Familie. Selten fällt mir ein, etwas für mich zu wünschen. Es ist einfach nicht in meinem Kopf!

Sind die Kinder in der Schule setze ich mich an meinen Computer und arbeite – schreibe, texte, surfe.  Habe ich Ziele? Bin ich hier nur hängen geblieben? Was habe ich gewählt? So wie es aussieht werde ich nie eine Antwort finden.

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