Streetfood auf Achse

Berlin ist die Hauptstadt des schlichten Essengehens. Immer öfter balanciert man eine kunstvoll zurecht gemachte Teigtasche in der einen, ein Getränk aus regionalem Anbau (aber mit exotischer Note) in der anderen und schaut sich suchend um. Kein Tisch frei, vielleicht noch ein Zehntel einer Bierbank, das muss reichen, um das erkämpfte Genussgut zu goutieren. Die Rede ist hier nicht vom Ausgang in die nächste Imbissbude, sondern vom Treiben auf den Streetfoodmärkten, die in Berlin wie Pilze aus dem Boden wachsen. Aktuell zieht ein Markt mit Trucks und Buden – Streetfood auf Achse genannt – die Hungrigen in die Kulturbrauerei (Prenzlauer Berg). Deren weiträumiger Hof beglückt seit jeher im Dezember Tausende, die bei skandinavischem Elchgulasch, Kettenkarussel, Glühwein und Brandenburger Wildschweinburger Weihnachtsstimmung suchen. Seit diesem Jahr geht es nun immer wieder sonntags noch etwas internationaler zu. Da werden brasilianische Tapiocas verkauft, eine Art Maniok-Crepe mit verschiedenen Füllungen oder koreanische Burger oder – hohoho – Berliner Buletten (die hier Berlin Beef Balls heißen). Man steht Schlange, wechselt, wenn man endlich dran ist, ein paar Worte mit den Pionieren der Imbissbranche und hält dann endlich etwas mehr oder weniger Sättigendes in der Hand. Manchmal trifft der erstandene Fladen nicht ganz auf Zustimmung bei den mitteleuropäischen Geschmacksnerven (Maniok). Dann kaut man ein bisschen darauf herum und versenkt das mit viel Liebe Gegarte im Werte von 5 Euro in der Tonne. Auf zum nächsten Versuch! Vielleicht doch lieber ein Biss in etwas Bekannteres? Also Burger. Mal Veggie, mal Wild, auch asiatisch – bei der näheren Umschau wird deutlich, dass die Burgerbuden mit Abstand den größten Anteil am Markt ausmachen. Hier kann man sich international geben, aber auch so leicht nichts verkehrt machen. Und dann die Italiener! Die Piadanas von PicNic mit Schinkenspezialitäten und Salat sind himmlisch. Dazu einen starken Kaffee und das Getümmel ringsum erscheint im neuen Licht. Auch am Crepestand duftet es verführerisch und das Dampfschwein mit Sauerkraut erinnert an Omas Küche. Wirklich exotisch ist das natürlich nicht, auch wenn sich die Imbissbudenbesitzer Mühe geben international Geistreiches für Gerichtenamen und Firmenmarke zu kreieren. „Vegan on Grill“ etwa hat den Verkaufswagen als Piratenschiff gestaltet, der „Gorilla Barebecue Foodtruck“ ist ein cooler LKW US-amerikanischer Bauart.

Wichtig ist allen Anbietern, dass sie nachhaltig wirtschaften mit Fleisch von einst glücklichen Rindern etwa oder fair bezahltem Personal. Dass meistens die Besitzer selber hinterm Verkaufstresen stehen und dafür sorgen, dass der Laden läuft, zeugt vom Pioniergeist. Will sagen: Hier hat sich jemand selbstständig gemacht und steht bei jedem Wetter für sein Produkt ein. Ja, auch bei Regen ist was los. Selbst erlebt, die Berliner aus aller Welt sind eben nicht zimperlich und essen auch bei 8 Grad Außentemperatur und Niesel die Wildbratwurst im Freien. Zum Glück darf man mit dem Essen vom Wagen auch ins benachbarte Restaurant Frannz einkehren. Dort wärmen sich empfindlichere Naturen ein wenig auf, während für die Kids ein Trickfilm an die Wand geworfen wird. So bleibt man dort gern eine Weile sitzen und schielt irgendwann auf die Speisekarte. So ein Wiener Schnitzel wäre doch jetzt auch was Feines.

erschienen in der Presse (Wien)  in der Ausgabe 18./19. APRIL 2015

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