Gerettet

Es war ein langweiliger Mittwochabend gewesen. Die Glotze hatte mal wieder nichts anderes als flimmernde Grütze auf dem Bildschirm serviert, und mir war elend zumute gewesen. Nicht, weil ich zu tief in die Rotweinflasche aus Napa Valley California versunken war, sondern weil ich an diesem Abend noch keine einzige Zeile zustande gebracht hatte, und das ist immerhin eine Leistung, wenn man so ca. fünf Stunden vor einem Scheiß leeren Computerbildschirm verbracht hat, ohne endgültig durchzudrehen. Ich erwischte mich daher immer öfter, dass ich von dieser entsetzlichen Leere meines Hirns in die Pseudofülle des Fernsehprogramms abdriftete. Irgendeine Seifenoper aus Miami hatte es sogar geschafft, dass ich in ein lachverdächtiges Glucksen ausgebrochen war. Ohne die geringsten Skrupel hatte ich die Mundwinkel zu einem Grinsen verzogen, und das nur weil irgend so ein Schwachkopf  einen lächerlich uralten, hirnrissigen Witz dem Speichel der dummdreisten Hauptdarstellerin untergeschoben hatte. Auf frischer Tat ertappt, war ich wütend die drei Meter vom Schreibtisch zur Flimmerkiste gestürzt, um ihr den Saft abzudrehen. Danach herrschte Grabesruhe in meiner 35 Quadratmeter-Zelle. Eine Weile stand ich irritiert im Zimmer und versuchte wenigstens ein Geräusch von den Nachbarn oder der Straße auf dem Trommelfell zu spüren. Aber es war nichts zu machen. Die Stille war unerträglich. Fast hätte ich den Fernseher wieder aufleben lassen, doch das wäre einer Niederlage gleichgekommen. Ich warf einen wütenden Blick auf den blassen Computer-Monitor.“Leck mich, ich geh spazieren“, schrie ich.

Als die Tür hinter mir ins Schloss fiel, atmete ich tief durch. Draußen warteten eine Menge Straßenlaternen und stinkende Autos auf mich. Besoffene Gestalten schleppten sich über das holprige Pflaster, an den Ecken fingen die meisten mal eben an zu kotzen und stützten sich an dreckigen Mauern ab. Die Kneipen waren voller hohler Kohlköpfe, die sich wichtiger nahmen als die Krähen die Wintersaat. Rauch hielt ihre glasigen Augen gesenkt und verdeckte die dunklen Ringe, die sich wie tiefe Ackerfurchen durch ihre schlaffen Gesichter zogen. Nicht, dass ich ein Menschenhasser gewesen wäre, aber, als ich die Treppen zur Straße hinunterging, wurde mir mal wieder klar, was das Leben ausmachte. Und das ich es liebte. Diese triste Welt hatte den Liebreiz eines besinnungslosen Wüstlings in der Gosse. Sie stank zum Himmel, aber dennoch konnte man nicht ungeachtet daran vorübergehen.

Ich überlegte ob ich einsam war (Ja, das war ich und würde es auch immer sein). Ich stieß die Haustür auf. Der Straßenverkehr umbrandete sofort meine Ohren. Ich nahm einen tiefen Zug der abgasgeschwängerten Luft und schloß einen Augenblick die Augen. Ich ließ den Geschmack wirken, und plötzlich fühlte ich wie mir Flügel wuchsen. Die Nacht war sternenklar, und ich flog ihr entgegen. Ich sah in tausende fremder Gesichter, Lichter blitzten millionenfach über den Himmel. Das war es was mich am Leben hielt. Das ließ sich so herrlich in Worte fassen. Der Abend war gerettet.

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