Die Super Short Story Nr. 20

 

Pfarrer Krause hatte gerade die letzten Gemeindemitglieder an der Kirchentür verabschiedet, als ihn jemand am Ärmel seines Talars zupfte. Er drehte sich um und sah ein etwa zehnjähriges Mädchen, das ihn aus kohlschwarzen Augen anstarrte. Es hatte eine viel zu dünne Jacke an und Leinenturnschuhe, die der Jahreszeit, es war Winter, nicht angemessen waren. „Bist du allein hier?“ fragte er und schaute sich suchend um. Im Gottesdienst hatte er das Kind nicht bemerkt. Weit und breit war kein Erwachsener mehr zu sehen. Das Mädchen schien ihn nicht zu verstehen, jedenfalls antwortete es nicht auf seine Frage. Auch als er sie nach ihrem Namen fragte, kam keine Reaktion. Krause überlegte was er tun sollte. Er schloss die Kirche ab und sagte dem Kind, dass es nach Hause gehen solle. Aber das Mädchen wich keinen Schritt von seiner Seite. Das beste wäre, sie der Polizei zu übergeben, überlegte er. Oder sollte er mit ihr nach Hause gehen? Vielleicht würde seine Frau mehr aus ihr herausbekommen. Langsam ging er voraus, das Mädchen trottete hinter ihm her. Wie der Hund, der ihm einmal zugelaufen war, dachte Krause. Der hatte sich auch nicht abwimmeln lassen, bis Krause Steine nach ihm geworfen hatte. Das tat ihm heute noch leid. Er drehte sich nach dem Kind um und nahm es an die Hand.

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