Alle Jahre wieder

 

 

Prolog: 30 Jahre Klassentreffen, Teller mit Häppchen ziehen vorbei wie an der Sushibar, ich esse alles auf. Lausche den Gesängen über Hausbaupläne, neue Autos und die Kinder. Und die, die keine haben, machen sich jetzt auch keine Gedanken mehr. Sind eh alle wieder kinderlos hier, die Gören erwachsen. Oder schwierig, also eher kein Thema.

 

Wir hatten uns angestrengt und wir sahen gut aus. Fast niemand, der nicht vorher beim Friseur gewesen war, und die Kleidung verdeckte bei den meisten die Speckröllchen mehr oder weniger galant. Draußen prasselte ein Lagerfeuer und wärmte die Raucher, die so wie früher schnell eine eingeschworene Gemeinde gebildet hatten. Wir Nichtraucher sahen neidisch auf die alte Vertrautheit, die zwischen uns nicht so recht aufkommen wollte und hielten uns am Bier fest. Manche tranken auch Tee oder Saft. Das Büfett war noch nicht eröffnet und jeder, der neu zur Tür des Bootshauses hereinkam wurde freudig begrüßt, auch wenn man sich eigentlich nichts weiter mehr zu sagen hatte. Aber was hätte man sonst tun sollen? Es war ein Vakuum da, und nichts hätte es füllen können. Ich hatte viele Mitschüler 30 Jahre
lang nicht gesehen und ich erkannte sie daher auch nicht alle gleich wieder. Die Männer hatten schüttere Haare, eine Glatze oder waren grau geworden. Die Frauen hatten die Flucht nach vorn angetreten und waren allesamt blondiert oder wenigstens brünett gefärbt. Wir schrammten alle nah an der 50 entlang oder waren schon drüber, das war kein Grund zum Heulen, aber es machte auch keinen Spaß, bei den anderen die Falten zu sehen, denn es waren irgendwie auch die eigenen.

Lange hatte ich nicht mehr so viele Menschen meines Alters um mich gehabt und ich wusste nicht, wie lange ich es aushalten würde. Draußen begann es zu schneien und die Raucher rückten noch näher zusammen. Ich fragte mich, ob sie während ihrer Raucherpausen auch dazu gehörten, oder ob das Nichtrauchen etwas bewirkte in der Gruppe. Ständig gaben sie sich gegenseitig Feuer! Ich trat nach draußen und wickelte mir den Schal fest um die Kapuze, damit sie der scharfe Ostwind nicht vom Kopf fegen konnte. Jemand bot mir eine Zigarette an, aber ich schüttelte den Kopf. Oder sollte ich vielleicht doch? Gerne wäre ich schwach geworden, um das alte Gefühl wieder heraufzubeschwören, den bitteren Geschmack, die betäubende Wirkung. Ich hatte vor zehn Jahren aufgehört mit dem Rauchen, aber da ich erst nach dem Abitur damit angefangen hatte, war ich als Nichtraucher in die Analen meiner Schule eingegangen. „Leistungskurs Mathematik und Deutsch, Nichtraucherin, häufig zu spät, Tagträumerin“, hatte sich das Schulgespenst gemerkt. Ich hatte es manchmal auf den Dachboden über den Klassenräumen klappern hören und mir vorgestellt wie es allerhand Listen über die Schüler und Lehrer anlegte, um einen Überblick zu behalten. Denn das war ja das Hauptsächliche, was in der Schule gelehrt wurde. Die Kontrolle über sein Leben zu erhalten, in dem man es überblicken und einordnen lernte. Bei mir hatte das nicht so gut funktioniert wie bei den anderen, und bis heute hatte ich nicht so richtig verstanden wo mein Platz war auf diesem Planeten. Ich war viel umgezogen, hatte dies und das gearbeitet, war Mutter geworden und hatte in einem Meer aus Beziehungen gebadet, bis ich den Richtigen getroffen hatte. So war die Zeit verplätschert und ich wusste wieder einmal nicht was das neue Jahr bringen würde.

Drinnen strömte alles in den hinteren Raum, offensichtlich war das Büfett eröffnet worden, und einige Raucher warfen eilig ihre Kippen weg, um dem Strom zu folgen. Ich blieb noch ein bisschen am Lagerfeuer stehen und starrte in die Flammen. Wollte mich keiner erkennen, oder war es schwer mit mir ins Gespräch zu kommen? Wo waren die Freunde von damals? Sie hatten doch kommen wollen? Ich beschloss dem Fest noch eine halbe Stunde zu geben, und wenn bis dahin niemand auftauchte, der sich darüber freute mich zu sehen, wollte ich verschwinden. Aber freute ich mich denn überhaupt darauf, einen von den Schulfreunden wiederzusehen? Schulfreund, das Wort hörte sich nach Knastbruderschaft an, eine Zwangsgemeinschaft, nichts, was man sich freiwillig aussuchte.

„Was machst du denn für ein Gesicht?“ rief jemand von der Seite und boxte mich. Es war Anni, sie war also doch noch gekommen! Anni hatte ihren neuen Freund mitgebracht, er hieß Olli und war Raucher (kaum da, schon eine Kippe an). Beide waren aus München angereist. In der Oberstufe hatten Anni und ich uns angefreundet und nach dem Abitur waren wir quer durch Europa getrampt. Unvergessen, wie Anni mit dem „Spanien“-Schild hinter der Kreuzung am Edeka-Supermarkt gestanden hatte. Und tatsächlich waren wir weggekommen. Bis Oldenburg. Zwei Wochen hatten wir gebraucht bis zur iberischen Südspitze. Wir waren die letzten unserer Spezies gewesen, kurz darauf war die Billigfliegerzeitalter angebrochen und Trampen war aus der Mode gekommen. Zu gefährlich und langsam. Wegkommen, sogar das Wort gab es nicht mehr, jedenfalls nicht im Zusammenhang mit Reisen. Daran zeigte sich, Trampen war reif fürs Museum. Und für ein Buch. Vielleicht sollte ich das schreiben, überlegte ich, während Anni vom Weihnachtsfest bei ihrer Mutter berichtete und jammerte, dass es wieder viel zu viel zu essen gegeben hatte. Mit alten Schildern und Geschichten vom fahrenden Volk. Ich pflichtete ihr bei, allerdings war unser Weihnachtsfest wie immer recht schlicht ausgefallen, die Töchter waren Vegetarier und Rico, mein Mann, mochte keinen Käse, das ergab eine Menge Gemüse an Weihnachten. Ja, das mit dem Trampen war eine klasse Idee, geboren auf einem Klassentreffen, ich grinste über meinen eigenen Witz.

„Hast du noch Fotos von unseren Touren nach Spanien?“, fragte ich Anni und scannte unauffällig ihren Freund. Er hatte eine Halbglatze und passte gut zu der Gesellschaft um uns herum. Er lächelte freundlich in die Runde. „Klar“, sagte Anni, „jede Menge“. Ich sah im Geiste schon die Ausstellung vor mir und dazu ein Bildband mit Geschichten und Texten. Das Ganze machte mich auf einmal so nervös, dass ich am liebsten gleich angefangen hätte mit dem Schreiben. Aber ich hielt mich im Zaum, dieses Treffen brachte vielleicht noch viel mehr Erzählstoff und neue Themen ans Oberlicht. So eine Gelegenheit ergab sich so schnell nicht wieder.

„Anni hat mir schon viel von dir erzählt,“ sagte ich und sah Olli an. Er warf seine Kippe ins Feuer und grinste, „ja von dir habe ich auch schon viel gehört – und gelesen“, fügte er hinzu. „Mich hast du ja mehr als einmal in deinen Büchern verewigt“, kicherte Anni. Ich lief rot an, was man im Schein des Feuers glücklicherweise nicht so sah. „Willst du auch mal mitspielen?“ fragte ich Olli und hatte schon einen Plan, wie ich ihn in einer meiner nächsten Kurzgeschichten unterbekommen würde.

Anni fror und wir beschlossen das Büfett zu besichtigen. Hunger hatten wir natürlich alle nicht, aber schließlich hatten wir dafür bezahlt und ein Häppchen zwischen den Bieren konnte ja nicht schaden. Drinnen herrschte mittlerweile ein großes Gewühl und ich entdeckte ein paar weitere Gesichter, die in jungen Jahren zu meinem Freundeskreis gezählt hatten. Luise arbeitete als Tierärztin in Dubai und kümmerte sich dort um die Falken irgendeines Scheichs, Josefine hatte einen Pferdehof in der Nähe von Helmstedt und Jan war irgendein hohes Tier bei Vitakraft, dem Tierfutterhersteller. Alle machten was mit Tieren, das fiel mit erst jetzt auf. Ich aß sie nur gerne, aber das war ja nichts Besonderes.

Ich begrüßte Luise, die sich gerade an einem Teller Salat abarbeitete, und fragte, ob sie Fleisch essen würde. Energisch schüttelte sie den Kopf. „Vegetarier,“ nuschelte sie mit vollem Mund. „Schon seit Jahren“. In Dubai sei es sowieso viel zu heiß, um Fleisch zu essen, erklärte sie mir und dann die Sache mit dem Halal, viel zu kompliziert. Yoga machte sie natürlich auch. Ich fragte, ob sie noch verheiratet sei. „Klar, seit 20 Jahren, ohne ginge gar nicht bei den Arabern.“ Ihr Mann war Pilot und pendelte zwischen Mekka und Dubai, um Pilger hin und her zu fliegen. Die Kinder waren auf angesehen Universitäten in England. Luise fragte, was mein Nachwuchs so machte und ich berichtete wahrheitsgemäß, dass meine Tochter auf dem Weg war Pfarrerin zu werden, den Sohn ließ ich lieber weg, der machte gerade Scherereien mit radikalen Ansichten und Drogenexzessen. Zum Glück kam eine alte Freundin von Luise des Weges und das Gespräch nahm eine Richtung, die mich nicht weiter interessierte.

Ich arbeitete mich weiter zum Büfett vor und hielt nach Anni Ausschau. Sie war bereits bei den Vorspeisen angelangt und ich bat sie, mir einen Teller zu füllen. Hinter uns gab es ein kurzes Getuschel, aber ich tat, als hätte ich nichts gehört und dampfte schnell ab. Anni schob sich weiter vorwärts, sie hatte es scheinbar auf die Hauptgerichte abgesehen, fetter Lachs und Schweinefilet. Ich betrachtete die Antipasti auf meinem Teller, die Oliven hatten eine weite Reise zurückgelegt bis hier an die Nordsee, und sie sahen gequält aus, vertrocknet und alt. Krabben wären mir lieber gewesen, dachte ich und schob eine Olive in den Mund. Ich beschloss, noch ein Bier holen zu gehen und ließ meinen Teller auf einem der Tische zurück. Dann stellte ich mich beim Tresen an. Man hätte ein Programm organisieren sollen, dachte ich. Jeder hätte seinen Lebenslauf als Pantomime darstellen müssen, so was richtig Peinliches, von dem man noch Jahre gesprochen hätte. Im Geiste sah ich mich über eine Bühne kriechen, dann hüpfen bei den Versuchen zu fliegen, schließlich ununterbrochen über einem Rechner hängend am Schreiben. „Bringst du mir ein Bier mit?“ rief Anni von hinten. Ich drehte mich um und hob den Daumen. Das gab mir neuen Schwung, um ein bisschen weiter nach vorn zu drängeln. Die Bedienungen taten ihr Bestes, aber es waren einfach zu viele für das kleine Bootshaus. Mindestens hundert Leute waren gekommen, so viel wie noch nie bei einem Abi-Jahrgangstreffen. Vielleicht lag es daran, dass wir alle langsam sentimental wurden. Melancholisch an die alten Zeiten dachten, die Unbekümmertheit und die Naivität, die uns zu allerlei Wahnsinnstaten bewogen hatten. Etwa, wie ich mich mit Anni einmal in den Pyrenäen bei Gewitter über eine Hochebene gelaufen war. Der Blitz war direkt neben uns in einen Strauch eingeschlagen. Und wir hatten gezittert und geschrien. Eine gefühlte Ewigkeit hatten wir flach im Gras gelegen, pitschnass, bis das Gewitter abgezogen war. Danach hatten wie eine köstliche heiße Suppe in einer Auberge gegessen und alles war wieder gut gewesen. Geblieben war die Erinnerung an ein großartiges Abenteuer. Heute hätte ich sicherlich vorher den Wetterbericht gelesen und wäre gar nicht erst losgelaufen.

Als ich endlich die Biere in der Hand hatte, war Anni verschwunden. Ich lief vorbei an meinen alten Mitschülern, fragte hier und dort. Aber niemand wusste, wo sie geblieben war. Auch bei den Rauchern war sie nicht. Ich nahm einen Schluck aus meiner Flasche und ging Richtung Strand. Der Mond schien hell und klar, und der Wind hatte nachgelassen. Ich genoss die salzige Seeluft und atmete tief ein. Hier war die ersten zwanzig Jahre meine Heimat gewesen und ein Stück weit war ich dem Ort seither verbunden geblieben. Manchmal stellte ich mir vor, hier wieder herzuziehen. Die Mieten waren günstig und die schlechte Luft und der Lärm in der Großstadt gingen mir zunehmend auf die Nerven. Ich bückte mich und schmiss ein Stück Treibholz ins dunkle Wasser. Hier gab es sicherlich jede Menge zu tun, wenn man Ideen hatte. Vielleicht aber auch nicht und dann hockte man in der Sackgasse.

 

Als ich mich umdrehte, sah ich Blaulicht aufleuchten und Sanitäter sprangen aus einem Rettungswagen. Eilig lief ich zurück, um zu schauen, was passiert war.

Ich sah wie Annis Freund auf einer Bahre aus dem Bootshaus getragen wurde.

„Was ist los?“ fragte ich einen, den ich vage meinem Mathe-Leistungskurs zuordnen konnte, seinen Namen hatte ich vergessen. „Keine Ahnung, plötzlich ist ihm schlecht geworden und auf der Toilette ist er dann kollabiert.“

Anni stieg hinten in den Rettungswagen ein, ein Sanitäter schmiss die Türen zu und dann raste er davon.

Ich fühlte mich unwohl, gerne hätte ich Anni beigestanden und ich stellte die Bierflaschen auf den Boden und holte mein Handy aus der Tasche, um ihr eine Nachricht zu schreiben.

„Wahrscheinlich Herzinfarkt“, meinte jemand dicht neben mir. Ich drehte den Kopf und sah Sammy, den alten Halunken. Der einzige aus unserem Jahrgang, der es in den Knast geschafft hatte.

„Könnte sein,“ sagte ich. „Willst du´n Bier,“ fragte ich und zeigte auf die Flaschen. „Das eine war für Anni.“ Sammy ließ sich nicht lange bitten. Wir stießen an und grinsten. Vorne fehlte ihm ein Zahn, und auch sonst sah er aus wie ein Mensch mit Erfahrung. Falten in Form von Jahresringen auf der Stirn, rote Nase und immer noch diese Hundeaugen, die einem sofort das Herz aufweichten. Sammy erzählte, dass er Opa geworden war. Er zeigte Fotos auf seinem Handy und strahlte. Das Opa-Gen hatte ihn voll erwischt, er konnte einfach über nichts anderes sprechen. Ich versuchte ihn über die Stadt auszufragen, denn er war der Einzige, den ich kannte, der nie weggezogen war, aber bei jedem dritten Satz fing er wieder von seinem Enkel zu erzählen an. Ich gähnte heimlich und schielte nach der Uhrzeit auf Sammys Handy. Es war gerade erst 21 Uhr und doch hatte ich das Bedürfnis zu schlafen. Versammlungen dieser Art waren anstrengend, dachte ich und sagte Sammy, dass ich mal verschwinden müsste. Er grinste wieder über beide Backen und prostete mir zu. Drinnen hatten sie angefangen Jingle Bells zu singen und Lothar aus meinem Musikgrundkurs lief mit einem Elchgeweih durch die Menge.

Über den Hinterausgang verschwand ich.

 

 

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