Literarisches Berlin

 

 

„Er saß in der großen Stadt Berlin/ an einem kleinen Tisch/ Die Stadt war groß, auch ohne ihn./ Er war nicht nötig, wie es schien./ Und rund um ihn war Plüsch.“ (Erich Kästner)

 Berühmte Schriftsteller sind in der Regel tot. Kein Wunder also, dass der Reiseführer „Literarisches Berlin“ in seinem Kartenwerk einen Detailplan des Dortheenstädtischen Friedhofs liefert, dem Künstler- und Literatenacker schlechthin. Hier liegen begraben unter anderem Heiner Müller, Anna Seghers, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Johannes R. Becher, Heinrich Mann und Arnold Zweig, sowie viele andere Dichter und Denker. Wer etwas erfahren möchte über die 100 berühmtesten Schreiber der Stadt, Tote als auch Lebende, ist mit diesem Buch nicht nur als Tourist gut bedient. So werden in erster Linie Lebensgeschichten erzählt. Dass etwa Joachim Ringelnatz einst Marineleutnant war und mit bürgerlichem Namen Hans Böttcher hieß und nur 51 Jahre alt wurde. Oder dass Mascha Kaléko ihrer ehemaligen Wohnung in der Charlottenburger Bleibtreustraße 35 diese Zeilen widmete: „Hier war mein Glück zu Hause. Und meine Not/ Hier kam mein Kind zur Welt. Und musste fort./ Hier besuchten mich meine Freunde/ und die Gestapo.“ Erich Kästner wiederum musste mit ansehen, wie auf dem Bebelplatz neben der Staatsoper am 10. Mai 1933 seine Bücher von den Nazis verbrannt wurden.

Mitunter quer durch die Stadt muss, wer die Lebenswege der Schriftsteller gewissenhaft verfolgen will. So studierte Heinrich Heine zwar an der Humboldt-Universität Jura, trieb sich aber lieber Weinkellern herum, etwa dem Lutter & Wegner in der Nähe des Gendarmenmarkts. Im Park am Weinbergsweg in Berlin-Mitte wiederum steht ein Heine-Denkmal und Zitate des deutschen Lyrikers sind Bestandteil des Bücherverbrennungsdenkmals auf dem Bebelplatz. Viele der beschriebenen Wohn- und Wirkungsstätten sind während der Kriege zerstört worden, und so ersetzen häufig Gedenktafeln der Schriftsteller Lebenswelten. Inwieweit eine Reise auf den Spuren von Goethe oder Bettina von Arnim da wirklich noch interessant ist, muss jeder selber entscheiden. In jedem Fall zu empfehlen ist ein Besuch des Dorotheenstädtischen Friedhofs. Da liegen nicht nur prominente Tote, sondern da sitzen an sonnigen Tagen auch ein paar Damen im Rentenalter. Die können Geschichten erzählen, dass es eine Wucht ist. Über den Osten im Allgemeinen und das Leben im Besonderen.

„Literarisches Berlin“, Autor: Michael Bienert,  Jena Verlag Berlin, 12,80 Euro

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