Aus der Mottenkiste: Was will die Schabe im Schrank?

Insekten können so bezaubernd sein, doch wehe, eines der Tiere verirrt sich ins Haus. Dann werden Ameisen, Mücken, Kellerasseln und Co gnadenlos gejagt. Vorausgesetzt sie lassen sich fangen. Warum müssen sich die Küchenschaben ausgerechnet in der Rückwand des Kühlschranks am wohlsten fühlen? Die Eier der Kleidermotte sind auch nicht leicht zu erkennen. Meistens bemerkt man ihre Anwesenheit erst, wenn der teure Wollpullover innerhalb von einer Woche zerlöchert ist. Und wer kann schon erahnen, dass die Suppenwürfel im Schrank von einer Bande Brotkäfern vernichtet wurden? Schätzungsweise eine Trillion Insekten leben auf Erden. Mit rund 2,5 Milliarden Tonnen Gewicht bringen sie ein Vielfaches mehr auf die Waage als die gesamte Biomasse aller Menschen. Ein einziger Hektar Boden kann bis zu 50 Milliarden Tierchen Nahrung unter anderem in Form von mehreren Billionen Bakterien und Mikroben bieten. Doch das trifft nicht immer den Geschmack der weitaus größten Tiergruppe unseres Planeten. Eine ganze Menge Insektenarten folgt dem Menschen lieber ins Haus und sichtet die dort vorhandenen Speisevorräte.

Am besten, man stellt sich einmal nachts den Wecker und macht einen Rundgang durch die Wohnung. Geht im Bad das Licht an, huschen die dort balzenden Silberfischchen schnell wieder unter die Waschmaschine. Wie die meisten Insekten im Haus sind sie über Rohrleitungssysteme oder Blumentöpfe mit feuchter Erde ins Haus gewandert und machen es sich dort bequem, wo es feucht und warm ist. Wer weiß schon, dass das Männchen des Silberfischchens kurz zuvor einen Faden von der Wand zum Boden gesponnen hat, um darunter mit seinem Weibchen zu tanzen? Berührt Frau Silberfischchen mit ihrem Hinterleib diesen Faden führt er es direkt bis zu dem Samenpaket, dass das Männchen neben dem Faden positioniert hat. Die Fortpflanzung kann beginnen, und aus zwei kleinen niedlichen Silberfischchen wird innerhalb von rund sechs Wochen eine stattliche Großfamilie mit hundert Mitgliedern. Das wäre glatt romantisch, wenn es nicht ausgerechnet im eigenen Badezimmer passieren müsste.

Dass sich die 10 Millimeter großen silberfarbenen Tierchen gerne in Bädern aufhalten, ist ihrer Vorliebe für feuchtwarme Räume zuzuschreiben. Bei Kälte und Trockenheit vergeht ihnen schnell die Lust an Liebesspielen. Warum sollten sie die Nacht im Freien verbringen, wenn es hinter Gemäuern eine Zentralheizung gibt und Menschen oft und gerne baden und hinterher nicht lüften? Da haben nicht nur Schimmelpilze ihre Freude. Wer das liederliche Leben der silberfarbenen Winzlinge nicht länger dulden will, muss in seinem Badezimmer einfach eine Weile die Heizung abdrehen. Ausserdem hilft es, mit dem Fön regelmässig feuchte Ritzen auszutrocknen.

In der Küche tummeln sich die meisten ungebetenen Gäste. Brotkäfer zum Beispiel fressen alles, was ihnen unter die Fühler kommt, selbst vor Chilipfeffer machen sie nicht halt. Den Befall kann man an stecknadelkopfgroßen Löchern in den Nahrungsmitteln erkennen. Brotkäferweibchen legen ungefähr 100 Eier, aus denen sich im Laufe von zwei bis drei Monaten geschlechtsreife Tiere entwickeln. Die weißen Maden bzw. Larven verpuppen sich in einem ovalen aus Nahrungsteilchen gesponnenen Kokon. Zwar werden die erwachsenen Käfer nur ein bis zwei Monate alt, doch der Nachwuchs folgt auf dem Fuß.

Mehlmilben sieht man weder tags noch nachts auf Anhieb. Gut getarnt fressen sie sich im weißen Chitinpanzer klammheimlich durch Mehl- und Müslivorräte. Allenfalls ein rötlicher Staubfilm zeugt von der Gier der winzigen Parasiten. Dabei setzen sie sogar Hefe ausser Kraft: Ein mit befallenem Mehl gemixter Teig bleibt schlapp und platt am Boden. Richtig schlimm wird es aber erst, wenn die Krabbler auch noch Krankheiten verbreiten. So schafft die Mehlmilbe etwa nicht nur den Hefeteig, sondern verursacht unter Umständen Asthmaanfälle, Allergien und Darmkrankheiten, vorausgesetzt das verseuchte Mehl wurde zu Kuchen oder Brot verarbeitet und gegessen. Das wiederum dürfte so gut nicht geschmeckt haben, denn Milben hinterlassen muffiges, bitteres Mehl.

Auch Lebensmittelmotten sind in der Küche eine echte Plage. Ihre Raupen fressen kreisrunde Löcher in Getreide-, Reis- und Maiskörner. Die Raupen der bleigrau gefärbten Mehlmotte (Ephestia kuehniella) ernähren sich ebenfalls von Mehlprodukten. Sie verschmutzen und verspinnen darüber hinaus die Lebensmittel im starkem Umfang. Ein einziges Weibchen der Mehlmotte kann bis zu viermal pro Jahr jeweils 200 Eier legen. Befallene Lebensmittel schmecken ebenfalls bitter und können für Mensch und Tier gesundheitsschädliche Auswirkungen haben.

 

Artgenossin Kleidermotte ist zwar nicht für die Gesundheit gefährlich, dafür jedoch für den Geldbeutel. Ist ein Kleiderschrank erstmal befallen, weisen Pullover und T-Shirts aus Naturstoffen Löcher auf. Auch Teppichkäferlarven lieben übrigens Socken oder Wollunterhosen. Synthetik-Ware wird dagegen nicht angerührt, da beide Insektenarten kein Plastik mögen. Allenfalls Mischgewebe sind den Lästlingen einen Biß wert, um den enthaltenen Naturstoff herauszufressen.

Die Larven sowohl der Kleidermotte als auch des Teppichkäfers schlüpfen rund zwei Wochen nach der Eiablage und fressen sich sofort durch Textilien, Pelze und Teppiche. Findet man in den befallenen Kleidern keinerlei Gespinste oder Puppenhäute, kann man davon ausgehen, dass es sich beim Befall um Teppichkäfer handelt. Sie hinterlassen ausser den Löchern in Textilien keinerlei Spuren.

Da beide Larvenarten gerne ungestört futtern, befallen sie vor allem Kleidungsstücke, die längere Zeit im Schrank verbleiben. Ausserdem lieben Kleidermotten und Teppichkäfer Schweiß- und Schmutzpartikel und beißen bevorzugt in getragene Wäsche. Deshalb sollte man alle Kleider regelmässig auslüften und waschen.

Sind Pullover und Hosen bereits von Motten heimgesucht, helfen Klebefallen ohne Gift. Sexuallockstoffe locken paarungswillige Männchen an, die durch die Öffnungen der Mottenbox auf das Klebebrett fliegen und dort fixiert werden. Dadurch wird eine Fortpflanzung verhindert und der Mottenbestand ständig dezimiert. Bereits abgelegte Eier bekommt man durch intensives Waschen wieder aus den Fasern.

Ein Alptraum für viele Köche ist das massenhafte Auftreten von Schaben. Nachtaktiv wie sie sind, nutzen sie jede Gelegenheit, um ein paar Essenreste zu ergattern. Die Deutsche Schabe ist relativ klein und lebt drei bis acht Monate. In dieser Zeit vermehrt sie sich rasant. Das Weibchen trägt seine Eipakete mit rund 30 Eiern drei Wochen mit sich herum, und legt es kurz vor der Brut wahllos irgendwo ab. Häufig werden diese Eipakete über Lebensmittelkartons ins Haus eingeschleppt. So manches Restaurant musste schon aufgrund der Kakerlaken, wie sie im Volksmund heißen, eine Weile seine Pforten schließen. Nicht ohne Grund: Hepatitis, Tuberkulose und Salmonellen sind nur einige der Krankheiten, die Schaben auf den Menschen übertragen können. In den USA zeigen bereits über zehn Prozent allergische Reaktionen gegen diese Insekten.

Gegen alle Plagegeister in der Küche gibt es ein wirksames Mittel, und das heißt Großputz. Dass die befallenen Lebensmittel weggeschmissen werden, versteht sich von selbst, aber auch alle unmittelbar in der Nähe gelagerten Vorräte sollten genau überprüft und gegebenenfalls drei Tage in die Tiefkühltruhe gelegt werden. Bei solchen Temperaturen vergeht selbst den Milben das Eierlegen. Küchenschränke wäscht man mit Essigwasser aus, danach sämtliche Ritzen und Nischen mit dem Fön austrocknen. Einlegpapier in den Schränken lässt der kluge Hausmann in Zukunft lieber weg, denn darunter lagern sich schnell Krümel ein, die einem vielgliedrigen Untermieter unter Umständen über Monate als Vorrat dienen könnten. Lebensmittel sollte man sicherheitshalber in verschließbaren Gefäßen aufbewahren. Bei Dosen oder Gläsern können auch die feinen Mahlwerkzeuge von Schabe und Co. nichts ausrichten.

So vergeht den kleinen Monstern das Schlemmen, was aber noch lange nicht heisst, dass sie auch wirklich verschwinden. Küchenschaben etwa setzen auch Tapetenkleister auf die Speisekarte und machen damit dem Tapetenkäfer sein Refugium streitig. Ausserdem fressen sie sich, wenn es sein muss, durch Leder oder Papier, hauptsache es sind Eiweiße und Spurenelemente darin enthalten. So soll es schon vorgekommen sein, dass ein leerstehendes Haus ohne Lebensmittelvorräte einige Generationen dieser Insekten auf das Beste ernährt hat.

Praktisch überall wo ein wenig Staub liegt, gedeihen Hausstaubmilben. Die mit bloßem Auge nicht sichtbaren Tierchen ernähren sich von Hautschuppen, die von Schimmelpilzen vorverdaut wurden. Kein sehr appetitliches Menü, und dementsprechend abstoßend ist auch ihr Kot. Er kann bei empfindlichen Menschen die so genannte Hausstaubmilbenallergie hervorrufen.

Wie die meisten Ungeziefer im Haus, fühlen sich Milben dort wohl, wo es feuchtwarm ist und wenig gelüftet wird. Betten sollte man daher regelmässig mit Frischluft versorgen, und Matratzen bleiben einigermaßen milbenfrei, wenn sie öfters ein paar Streicheleinheiten mit dem Staubsauger bekommen.

Wem der einsame Kampf gegen die Ungeziefer-Armada zu anstrengend wird, kann sich jederzeit Rat und Tat beim Kammerjäger holen. Heutzutage nennt sich die Branche zwar lieber Schädlingsbekämpfer, aber so oder so packt der Profi das Problem effektiver an, als die gemeine Hausfrau. Griffen in früheren Zeiten die meisten Kammerjäger sofort zur chemischen Keule, arbeiten seriöse Kollegen heute, wann immer es geht, mit ökologisch unbedenklichen Mitteln. Ab hundert Euro aufwärts kostet der Einsatz, an dessen Ende der schädlingsfreie Haushalt steht. In Berlin teilen sich rund fünfzig Firmen den Markt auf, die lauen Winter der letzten Jahre haben in vielen Fällen für volle Auftragsbücher gesorgt. Besonders Ameisen, Schaben und Wespen haben sich stark vermehrt. Viele Schädlingsbekämpfer bieten mittlerweile sogar einen Aboservice an. Für eine Jahresgebühr rücken sie je nach Bedarf an, ganz diskret versteht sich. Wer will schließlich, dass seine Nachbarn erfahren, wer da aus und ein geht?

Hausmittel aus dem Internet

Hilfe für den Kampf gegen die kleinen Plagegeister liefert auch das Internet. www.kammerjaeger.de liefert eine Liste aller Schädlingsbekämpfer in Deutschland. Unter http://www.haustier-web.de werden unter anderem Hausmittelchen gegen Fruchtfliegen ausgetauscht. Angenehm annoym kann man sich mit wildfremden Menschen darüber unterhalten, wie man etwa die Taubenzecken im Dachgebälk wieder los wird. Tenor der meisten Webseiten ist die ökologische Beseitigung ohne chemische Gifte. Die helfen ohnehin nicht immer. Allein in den USA sind über 150 verschiedene Insektenarten gegen Pestizide und Insektizide immun. Abgesehen davon sind die teuren Präparate aus dem Kaufhaus meistens nicht effizienter, als die Tricks aus Omas Zeiten. Als Mittel gegen Ameisen kann man zum Beispiel Köder erwerben, oder die intelligenten Tiere werden ganz einfach mit in Zuckerwasser aufgelöster Hefe zur Strecke gebracht, was ungefähr ein Zehntel des Preises ausmacht. Lavendelöl und getrocknete Orangenschalen im Kleiderschrank schrecken Motten genauso viel oder wenig ab wie übelriechende Mottenkugeln, und Fruchtfliegen lassen sich mit Spülmittel versetztem Zuckerwasser locken oder eben mit unappetitlichen Klebebändern aus der Drogerie.

Zuguterletzt bleibt ein Freund und Helfer, den die meisten Hausbewohner leider viel zu oft aus dem Haus jagen. Spinnen sind sozusagen Kammerjäger auf dünnen Beinen. Sie murksen Fliegen, Motten und Co. langfristig ab, und schätzen selbst eine Küchenschabe als Sonntagsbraten. Seltsamerweise ist vielen Zweibeinern schon der Anblick einer großen wie kleinen Spinne so zuwider, dass sie schreiend aus dem Haus laufen. Spinnenphobie nennt das der Psychologe. Da ist es eigentlich ein Wunder, dass sich nicht mehr Leute auch vor ihrem Hund oder ihrer Katze ekeln. Schließlich sind Haustiere die Wirte vieler Flöhe, Zecken und Läuse. Die werden jedoch ohne mit der Wimper zu zucken aus dem Fell gepflückt.

Von Berührungsängsten keine Spur.

 

 

 

 

 

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