Achtung Autor!

Neulich rief mich F. an. Er schreibe an einem Buch über Hypochonder. Ob ich welche kennen würde, fragte er. „Dich“ dachte ich und erzählte, dass ich nichts wüsste. Das war natürlich gelogen, denn schließlich schrieb ich ja selber gerade an einem Buch über eingebildete Krankheiten. Mehrere Nachbarn hatte ich schon interviewt, Gespräche in Cafés mitgeschnitten. Jetzt musste das Ganze nur noch in Form gebracht werden und ab an den Verlag.
Fs. Buch kam eher auf den Markt, und das war gut so, denn F. hatte ebenfalls seine Nachbarn ins Visier genommen. Allerdings hatte der Dussel vergessen, die Geschichte so abzuändern, dass Parallelen zu real existierenden Personen verwischt wurden. Am Tag nach der Release-Party standen Fs. Nachbarn vor seiner Wohnungstür und kündigten ihm die Freundschaft auf. Am liebsten hätten sie ihn auch gleich aus dem Haus geworfen, aber das ging ja leider nicht. Die Nachbarin verdammte den Tag, an dem sie dem berüchtigtem Autor ihr Leid geklagt hatte, über ihren Mann, der an Rückenschmerzen litt und zuviel Alkohol trank, was mit Kopfweh belohnt wurde. Nichts Besonderes eigentlich, aber die Nachbarn fühlten sich enttarnt. Sie klagten jedem ihr Leid, der es hören wollte und siehe da, es gab kaum einen, der nicht ähnliche Erfahrungen mit Autoren gemacht hatte. „Die verwursten alles, sobald du den Mund aufmachst“, beschwerte sich eine angehende Juristin, die sich letztens zufällig in der Zeitung wieder gefunden hatte, wo sie in Zusammenhang mit einer Studentendemo, an der sie nie teilgenommen hatte, im O–Ton über die unsäglichen Prüfungsbedingungen schimpfte. Eifrig machte ich mir Notizen. Autoren als Plage, ich witterte die ganz große Story. Statt mich weiter um Hypochonder zu kümmern – das Thema hing mir eh zum Hals raus – machte ich mich auf dem Schulhof meiner Tochter auf die Suche nach weiteren Opfern. Wer denn schon einmal in der Zeitung gestanden hätte, fragte ich die Kinder und siehe da, eine ganze Armada Finger streckte sich in die Höhe. Hinz und Hans waren neulich auf der Titelseite von Chrismon zu sehen gewesen, Lena und Marie durften im letzten Winter in der Tagesschau Auskunft darüber geben, ob sie Angst hätten, alleine zur Schule zu gehen und Klara hatte es auf eine Seite über Kinder mit zwei Zimmern im Tagesspiegel gebracht. „Das hast du doch selber geschrieben“, rief Klara. Tatsächlich, daran hatte ich gar nicht mehr gedacht.

In der folgenden Zeit fand ich noch heraus, wo die Zentren der Autorenplage lagen, es handelte sich vor allem um die Berliner Stadtbezirke Mitte, Prenzlauer Berg und Kreuzberg. Hier wimmelte es nur so von Autoren auf der Suche nach Inspiration und neuem Stoff. Ahnungslose Zuzügler waren unter dieser Spezies besonders begehrte Opfer. Mit einem offenherzigen Blick lud man die Neulinge zu einem Kaffee ein, stellte ein paar verfängliche Fragen und saugte sie hernach aus wie eine Fliege im Spinnennetz. Die ahnungslosen Zuzügler, froh darüber, dass sie in der neuen Stadt, so schnell auf offene Ohren und nette Leute gestoßen waren, plauderten frisch von der Leber alles aus. Etwa, weshalb es mit dem Partner nicht mehr so gut im Bett lief, dass man aber noch mehr Kinder bekommen wolle, so wie alle hier. Das böse Erwachen folgte in der Regel nach einigen Wochen. „Kein Sexleben, aber Kinderwunsch!!“ titelte etwa ein Boulevardmedium, und der ahnungslose Zuzügler sah seine Story, zwar anonymisiert, ansonsten aber eins zu eins in der Zeitung wieder. Zunächst fühlt sich der Neue vielleicht noch geehrt, doch spätestens bei der zweiten oder dritten Headline mit persönlichem Bezug kommt Argwohn auf. Man wird vorsichtig, und beginnt vor einem Gespräch mit Fremden, lieber erst nach dem Beruf desselbigen zu fragen. Doch was nutzt es! Neulich hat mir F. seine neueste Masche verraten. Er hat sich einen Hund angeschafft und geht in den Außenbezirken der Stadt Gassi. Fragt ihn dort jemand nach seinem Beruf, sagt er „Ich bin Unternehmensberater“. So öffnen sich Tür und Tor. Übrigens: Gerade schreibt F. an einem neuen Buch, es heißt „Voll Scheiße: Hundebesitzer packen aus“.

Christine Berger

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