Schön? Schön!

Wie es ist, in der eigenen Haut zu stecken

 

Janne hatte eine anstrengende Kindheit. „Jeden Morgen zehn Kilometer mit dem Fahrrad zur Schule und wieder zurück“, erinnert sie sich. Dazu kam noch Ballettunterricht und Schwimmtraining. „Das hat mich geprägt“. Seit sie denken kann, fühlt sich die heute 47jährige Holländerin am wohlsten, wenn sie richtig ausgepowert ist. Neulich zum Beispiel, hatte die Künstlerin, die in Berlin lebt, vorübergehend einen Putzjob annehmen müssen. „Da war alles straffer“, strahlt sie und „zwei, drei Kilo leichter“. Straff, sportlich, so mag sich Janne am liebsten. Den Idealmaßen jagt sie allerdings schon lange nicht mehr hinterher. „Ich kann meinen Körper nicht ändern“, hat sie mit Mitte zwanzig eingesehen. „Po und Bauch sind nicht so himmelhoch bei mir, aber mein Dekollete und mein Gesicht finde ich sehr schön“. Immerhin. Der tägliche Blick in den Spiegel ist ein Blick auf alte Bekannte, hier ein Pickel, dort eine Falte, was soll´s. Das war natürlich nicht immer so. „Mit 18 habe ich eine Tanzausbildung angefangen, da misst man sich sehr mit anderen Mädchen“. Ständig auf der Waage, die ganze Unsicherheit der Pubertät und eine Mutter, die ständig auf der Hut war: „Na haste wieder zugenommen?“, lautete einer ihrer häufigen Kommentare. Die Mutter las Frauenmagazine und Artikel über Faltencremes, Diäten und Idealmaße. „Sobald ich von zu Hause weg war, dachte ich, was soll der Scheiß?“. Eine Diät hat Janne seither nicht mehr gemacht. Und Tanzen tut sich nur noch zum Spaß.

Alina

Älter werden, reifer werden, nicht für jeden ist das so einfach. Alina etwa hat ein Buch darüber geschrieben, wie es ist, endlich seine dicken Oberschenkel loszuwerden. Fettabsaugen, Spritzen, Schmerzen, dass alles für ein neues Leben. „Ich habe noch nie so ein tolles Körpergefühl gehabt wie jetzt“, so die 40jährige Marketingberaterin. Unter den dicken Beinen habe sie gelitten, dass es kaum noch zum Aushalten war. „Kein Hosenanzug hat gepasst, Diäten halfen auch nicht“. Überall sei sie dünner geworden, nur an den Beinen nicht. Also entschloss sie sich vor vier Jahren zu einer Schönheitsoperation. Angefangen hatte alles mit Anfang 20. Bis dahin war ihr der Folklore-Flatterlook der 80er Jahre Mode bei der Kleiderauswahl sehr entgegen gekommen. „Den Schlabberlook habe ich genossen“. Und auch der Hochleistungssport, den sie bis zum 22. Lebensjahr ausgeübt hat, war ein Trost. „Die Leistung hat mich die dominiert und bestätigt“, so Koy. Doch dann geriet sie in die Münchner Businesswelt. Die Kostüme, die sie trug, waren eng und kurz. Plötzlich war sie umzingelt von gertenschlanken Frauen mit langen Beinen. „Da war ich stark unter Druck“, erinnert sie sich. Wie auf einem Präsentierteller fühlte sie sich, wenn sie Kunden mit ihren Gattinnen auf Messen umher führte. Schließlich verkaufe man im Marketing auch durch seine gutes Aussehen.

Ob sie sich so eine Operation noch einmal vorstellen könne? „Die Hemmschwelle ist natürlich gesunken“, so Koy. Falten wegspritzen vielleicht, aber Fett absaugen? Die Kosten und die Schmerzen hat sie noch gut in Erinnerung. Und noch etwas gibt es zu bedenken: „Bis ich fühlte, dass diese neuen Beine mir gehören, das hat lange gedauert“.

Christophe

Männer wie Christophe sollten es leicht haben über Schönheit zu sprechen. Gut aussehend, im besten Alter, muskulös und dazu noch Familienvater dreier Kinder, ein Job beim Theater. Der französische Akzent passt gut zu seiner dunklen Hautfarbe. Alles prima? „Als Schwarzer bin ich außerhalb des Schönheitsbildes, das in Magazinen und in der Werbung gezeigt wird“, so der 38jährige Kostümbildner. Ihn stört das nicht, aber natürlich fühlt er stets, dass er ein Exot ist. Und er merkt, dass er älter wird. „Ich kann immer noch Sport machen wie früher, aber ich muss mir mehr Zeit nehmen. Der Geist arbeitet mehr mit bei den Bewegungen“. Damit mache er den fehlenden jugendlichen Kräfteüberschuss wieder wett. Wie er herumgetobt ist auf den Schulhof bei Paris! Sportlich und stark war er. Und nachdem sein Stottern nach mehrjähriger Therapie verschwunden war, begann er auch noch zu reden wie ein Wasserfall. Mit 12 hat ihm ein Freund unter der Dusche zum ersten Mal gesagt, dass er gut aussehe. „Damals habe ich meinen Körper zum ersten Mal bewusst wahrgenommen“. Das ist lange her, auch für Christophe ist die kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper Thema geworden. „Jedes Mal, wenn meine Frau schwanger war, wurde ich auch dicker.“ Das hat ihn gestört und er begann aufzupassen, was er isst. Kein Zucker, kein Alkohol, wenig Fleisch, das ist sein Rezept, um zu bleiben wie er sein will. Nicht zu dick, aber auch nicht zu dünn. Und: Christophe hat eine Theorie. „Schönheit kommt von Wohlbefinden“, ist er überzeugt. „Ich fühle mich niemals schön oder hässlich, sondern wohl oder unwohl“. Gegen Unwohlsein hilft ihm Yoga oder Stretching. Dann legt er sich hin und schaut in sich hinein anstatt, wie so viele, im Spiegel nach der Wurzel des Übels zu suchen. Dabei ist Christophe ein visuell arbeitender Mensch, hat für gute Werbung etwas übrig und für hübsche Menschen. Doch was ist schön? „Eine krumme Nase oder abstehende Ohren, das kann sehr schön aussehen“. Ein Zeichen menschlicher Einzigartigkeit in Kombination mit einem wohlgeformten Körper. Christophe hat es gut getroffen, er selber fühlt sich stets abseits der Norm, trotz durchtrainiertem Körper und einem sonnigen Gemüt.

Susanne

Rechtsanwälte können sich im Berufsalltag tarnen mit Anzug, Talar vor Gericht oder einem standesgemäßen Wagen. Auf den Bauch kommt es da nicht so an, und auch ein Doppelkinn oder eine Halbglatze ist kein Kompetenzkriterium. Doch wie geht es einer Frau Rechtsanwältin? Susanne denkt nach. „Ich schaue selten in den Spiegel“, sagt sie schließlich. Überhaupt macht sie sich über ihr Aussehen wenig Gedanken. Abends mal ein bisschen Lippenstift, sonst benutzt sie keine Schminke. Susanne ist schlank, wirkt sportlich, Diäten hat sie nicht nötig, Bewegung schon. Seit sie im Beruf ist fühlt sie sich behäbig. „Durch das viele Rumsitzen habe ich das Gefühl, dass sich mein Körper verändert hat.“ Gerne würde sie wieder Tennis spielen, so wie in ihrer Jugendzeit, als sie täglich auf dem Platz stand und ihren Gegnern die Bälle um die Ohren feuerte. Da hatte sie das Gefühl, sie sei anders als die anderen, weil sie keine Kleider tragen mochte und sich nicht für Jungs interessierte. „Schon als Kind habe ich lieber mit meinem Vater im Hof Fußball gespielt“, so die 34 jährige. Mit elf Jahren bekam sie schnell einen großen Busen, das war ein Schock für sie. „Ich war einfach nicht reif dafür“. Susanne fand, dass ihr Körper nicht mehr zu ihr passte, sie hasste ihn dafür. „Jetzt ist mein Busen etwas, was ich schön finde an mir“. Die Proportionen, die in der Jugend so verrutscht waren, stimmen wieder. Ihre letzte Freundin hat ihr das bestätigt, das war wichtig. „Das hat mir viel Selbstbewusstsein gegeben“, meint Susanne. Ansonsten ist ihr das Bild, das andere sich von ihr machen egal. Sogar ihre Mutter, die lange nicht akzeptieren wollte, dass Susanne sich nicht weiblich kleiden wollte, hat ihren Frieden gefunden. Ihre Tochter habe ihren eigenen Stil, es wäre zwar nicht ihrer, aber immerhin ein Stil, hat sie gesagt. „Sie schenkt mir jetzt Kleider, die mir sogar gefallen“, strahlt Susanne. Welche Mutter schafft das schon?

 

* Alle Namen wurden von der Redaktion geändert

 

Erschienen in der Zeitschrift Das Magazin

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