Remake: Vatertage

Turkyem Spor hatte irgendein wichtiges Fußballspiel gewon­nen. Ein ohrenbetäubendes Hupkonzert zog sich über den Kreuzberger Straßenbelag, und der Raki floß selbst bei schwitzenden Döner-Kebap-Brutzlern an diesem Feiertag gra­tis über die fettigen Tresen. Der Sieg über eine wahr­scheinlich deutsche Kickerelf erregte den türkischen Volkstolz so sehr, als habe man gerade das Fladenbrot zum teutonischen Leckerbissen ernannt und die Deutschen zum Islam bekehrt. Ich schlenderte die Straßen Richtung Landwehrkanal entlang und überlegte, was dieser Tag außer Kickereuphorie noch zu bieten hätte, als plötzlich ein birkenzweigbegrenzter Zweispänner mit Karacho um die Ecke bog und mir im nächsten Augenblick ein volles Büchsenbierfaß vor die Füße kullerte. Auf dem Leiterwagen saßen dichtgedrängt ungefähr acht Männer mit Bierbäuchen, die in bester Laune den Verlust ihrer alkoholischen Reserve beklagten und dem Kutscher sofort die Vollbremsung anordneten.

-Na, Mädel, haste ja nochmal Jlück jehabt, dat det keener von uns war, wa“, rülpste ein rotgesichtiger Glatzkopf und fiel in das gröhlende Gelächter seiner Kumpels mit ein. Ich versuchte ein freundliches Gesicht zu machen, klaubte die 5-Liter-Blechdose aus dem Rinnstein und reichte das Ding dem sichtlich alkoholisierten Haufen in die Höhe. Sofort streckten sich sechzehn hilfsbereite Hände dem Fass entge­gen, und eine besonders angeschlagene Schnapsdrossel lehnte sich dabei soweit aus dem Wagen, daß ihn fast das gleiche Schicksal ereilt hätte, wie vorher das volle Faß. Zwei seiner Saufgenossen zogen ihn am Hosenzipfel wieder in den Wagen zurück wo er schwankend zum Stehen kam und sich sein T-Shirt über der Bauchschwarte zurechtzupfte. Erst jetzt fiel mir auf, daß die ganze Mannschaft über die gleichen T-Shirts mit der gleichen Aufschrift verfügte, und mir wurde klar, daß die Herren ganz und gar nicht den Sieg von Tur­kyem Spor feierten. „Vatertag“ prangte die Aufschrift über den acht Bäuchen, die jetzt im Wagen hin- und herschwankten und mit dreckiger Lache noch dreckigere Witze rissen. Einmal ohne Frau und Kind am hellichten Tag über den Durst trinken zu dürfen, das also war der Grund dieser ungehemmten Bierseligkeit. Ich schickte ein ernüchtertes „Viel Spaß noch“ zu der feuchtfröhlichen Sippschaft hinauf und machte mich davon. Hinter meinem Rücken setzte prompt ein fürchterliches Pfeifkonzert und Gegröhle ein. Ich stellte mir vor, wie jeder einzelne Fettsack wenig später über einer Kloschüssel hing, und das versetzte mich für die nächsten Stunden in eine euphorische Stimmung.

Als ich am Anleger der Kanaldampfer vorbeispazierte, machte sich gerade ein Boot nach Grünau startklar. Die Sonne lachte vom Himmel und von weitem sah ich etliche Väter über die Kottbusser Brücke torkeln. Ich überlegte nicht lange und kaufte mir ein Ticket für einen der Plastiksitze am Bug. Das Schiff war nicht sonderlich voll. Ich machte mich in der ersten Reihe, direkt neben dem bunten Wimpel der Reederei und der Schiffshupe auf zwei Stühlen breit und freute mich auf drei Stunden Kanalbummel, als die Schiffs­hupe mit ohrenbetäubendem Lärm zur Abfahrt blies. Danach setzte ich mich vorsichtshalber doch einige Reihen weiter nach hinten, um beim nächsten Hupen nicht entgültig über Bord geblasen zu werden. Außer mir saßen noch eine sicht­lich vom Alkohol aufgeschwemmte Mutter mit ihrer von Cola und Pommes Frites gefetteten Tochter, sowie ein permanent knutschendes Liebespärchen unter freiem Himmel. Die restlichen Passagiere hatten sich in den Dampferbauch verkrochen und hielten sich entweder an der Schiffsbar oder an einem der Häkeldecken-Tischchen auf. Dort genossen sie durch den Dunst ihrer Glimmstengel den Blick auf die Fa­brikaufbauten an den Ufern des Kanals und übten sich in Stillschweigen. Nach ihren Gesichtern zu urteilen schien der Film, den sie gerade sahen, nicht besonders aufregend zu sein. Leider konnte man das Programm nicht wechseln, und der blasse Schiffsjunge am Tresen mußte stattdessen immer öfter springen, um die Order nach Molle, Korn und Cognac entgegenzunehmen. Passierten entgegenkommende Schiffe unseren betagten Kahn, zeigten die Bordgäste spärliche Gefühlregungen. Sie winkten zaghaft, und ein angegrauter älterer Herr lüftete jedesmal seinen Hut. Ansonsten passierte nichts, und schon nach einer Stunde kam ich mir vor wie auf einer Galeere, von lauter denaturierten Gestalten umzingelt. Ich schloß gerade die Augen, um mich ein wenig den wärmen­den Sonnenstrahlen hinzugeben, als plötzlich ein Schrei mein Trommelfell zerrüttete.

-Da vorne is einer im Wasser, iiih!“ Das dicke Mädchen packte ihre dicke Mutter bei der Hand und zeigte mit der anderen linkerhand in die schmutzige Spreetunke. Tatsächlich, der strampelnde und zappelnde Corpus delicti war nicht zu übersehen, und auch unser Kapitän hatte den Unglückswurm schon gesichtet. Er brüllte seinen Schiffsjungen herbei und befahl ihm, den Rettungsring zu holen. Endlich war Leben in der Bude. Die Passagiere erwachten aus ihrem alkoholisierten Halbdämmer, reckten die Hälse und riefen aufgeregt durcheinander. Der Kapitän hatte derweil Kurs auf den Ertrinkenden gehalten und das Schiff schließlich gestoppt, während der Schiffsjunge sichtbar aufgeregt mit dem angestaubten Rettungs-Fossil an der Reeling Stellung bezog. Dann bekam er die Order zum Rettungswurf. Mit einem energischen „Rin da!“ beförderte er das Rund ins Wasser, ganz in der Nähe des Strampelnden. Der schien den Rettungsanker gesehen zu haben und steuerte ungeschickt darauf zu.

-„Ja, ja, gleich biste dran“, schrie eine vollbusige Matrone voller Begeisterung. Auch die anderen Passagiere feuerten den Verunglückten an, als würde er gerade mit Piranhas um die Wette schwimmen. Schließlich packte der Schiffbrüchige tatsächlich den alten Schwimmring, und ließ sich vom Schiffsjungen und zwei kräftigen Teutonen an Bord ziehen. Da lag er nun auf dem Deck, keuchend und quatsch­naß. Ein Mann in den Vierzigern mit Bauch und Stirnglatze. Das Erste, was mir sofort an seinem Körper in die Augen sprang war sein T-Shirt.“Vatertag 91″ stand dort in glän­zender Schrift.

-Hallo, alles in Ordnung?“, fragte der Kapitän und kniete sich neben den Unglücksraben.

-Allet in Ordnung, wa“, keuchte der zurück und schnappte nach Luft.“Ick hab ne Wette verlorn, so war det, und da mußt ick baden gehn“.

-Was für eine Wette“, fragte der Kapitän.

-Na, ick hab jewettet, dat ick in den Rettungsring von det andere Schiff paß. Ick war uff nem Dampfer vor dem hia“. Er holte tief Luft. „Na, und wie ick da mit meene Plautze nich reinpasse, mußt ick halt mitsamt dem Ding über Bord“.

-So, einfach so“. Der Kapitän plusterte sich für eine Standpauke in Stellung.

-War eben so’n Scherz wa“, beschwichtigte der Schwermatrose während seine lustigen Augen die Menge nach Sympatisanten absuchte. „Hab mich doch jut an det Ding festjehalten bis eben“. Ein paar Passagiere lachten.

Ich ging in die Kajüte und setzte mich gedankenverloren an die Theke wo ein Rumflasche herumstand. Das Radio dudelte „Auf dem gelben Wagen“. Ich nahm mir einen Schluck und dachte an all die tausend Väter, die in diesem Moment mit Mannschaftstrikot und bierschwerem Proviant einherschwankten, hilflos in irgendwelchen Teichen herumpaddelten oder Straßenlaternen knutschten. Im Radio wurde durchgegeben, daß am Müggelsee ein Massenschlägerei in vollem Gange war. Mir schoss durch den Kopf, was dieser Tag wirklich war – Himmelfahrt. Aber so was von.

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