Madeira-Watching

9 Uhr, wir verlassen den Hafen, die Dünung geht sanft heute, kein Grund seekrank zu werden. Schaut man zurück, sieht Madeira aus wie ein riesiger Felsen, mit Pocken besiedelt. Zu viele Häuser, zu voll. Da wo wir hinfahren ist niemand, Islas Deserthas, die Wüsteninseln. Das ist verführerisch, leider gibt es kein Trinkwasser dort und ganz menschenleer sind die Inseln, drei insgesamt, auch nicht. Es wohnen Naturpark-Ranger dort.

So dieseln wir dem Unbekannten entgegen. Das Meer glitzert und funkelt unter dem wolkenlosen Himmel, wir schaukeln Stunde um Stunde sanft dahin, so kommen die Felsen näher. Das Auf und ab macht müde und verlockend wippen die Matratzen auf dem Trapez des Katamarans auf und ab. Aber wenn man dort schliefe, vielleicht verpasste man Delfine oder gar Wale. Also muss die Passage im Stehen genossen werden, immer die Augen auf dem Wasser, ob ein Seetier sich zeigen möge. Die Crew ist lässig, sie fahren häufig hin und her, verkaufen Bier und hören Radio. Wie auf dem Dampfer nach Helgoland. Und da man schon mal beim Vergleichen ist – die Welt der Nordhalbkugel ist doch in großen Teilen ein einziger Freizeitpark. Und dies ist hier gerade eine Rund Katamaran-Fahren für 80 Euro, dauert neun Stunden mit Pause auf einer einsamen Insel, die es nicht mehr ist, weil nicht nur Naturpark-Ranger darauf herumlaufen, sondern bald auch wir, die elf Touristen vom Katamaran. Damit wir uns nicht langweilen auf der öden Insel wird Stand-Up-Paddeln angeboten, dann eine kleine Runde zu Fuß über die Küstenebene und dann ein Lunch an Bord, bevor es wieder zurückgeht.

Aber soweit sind wir noch nicht. Das Meer ist weit und es braucht noch eine Weile, bis wir der mittleren der drei Inseln auf die Pelle rücken. Sanftes Rollen auf und ab, da kommt man zur Ruhe, zumal ohne Handyempfang. Gedanken im Leerlauf, jetzt bloß nicht über die übergewichtigen Mitreisenden lästern oder von einem anständigen Döner träumen.

Nach drei Stunden auf See kommen zwei Häuser in Sicht am Fuße der Felsen. Wie ungehobelte Blockschokolade ragen die Inseln aus dem Wasser. Hässlich und unnahbar. Dann kommt endlich die Ausschiffung, vom Katamaran aufs Beiboot mit steifen Beinen vom vielen Sitzen, dann durch die wilden Wellen zu Fuß an Land. Wie einst Kolumbus und Kumpanen, nur, dass wir wissen, was uns erwartet. Keine gefährlichen Tiere, außer ein paar Taranteln. Wir schauen auf die winzige Ebene, auf der sich die Häuser unter den riesigen Felswänden ducken, der Weg hinauf zum Hochplateau ist steil und für Tagesausflügler nicht vorgesehen. Dafür sind wir drei Stunden übers Meer gefahren? Wie es so schön heißt, gilt in diesem Fall mehr als sonst: Der Weg ist das Ziel. Nach der Runde mit Erläuterungen zur Flora und Fauna weiß man nicht recht, was es hier zu fotografieren gäbe. Die Ranger haben nichts dagegen, wenn man ein Foto von ihnen macht. Manuel José Jesus war gerade auf der Nachbarinsel, sein Job derzeit besteht vor allem aus Kaninchen und Ratten killen, denn die stören die Biodiversität auf den menschenleeren Inseln. Auch den Ziegen auf dieser Insel soll es irgendwann an den Kragen gehen, denn die hat es früher hier auch nicht gegeben. Sie stammen noch aus der Zeit, als einige Bauern versuchten Landwirtschaft zu betreiben. Aber nur mit Regenwasser? Irgendwann zogen sie um nach Madeira. Die Ziegen ließen sie da.

Vor dem Rückweg noch ein letztes Bad im glasklaren Wasser. Kaum zum glauben, dass die Ranger jährlich ein bis zwei Tonnen Plastikmüll aus den Höhlen holen, wo die vom Aussterben bedrohten Mönchsrobben leben. Wenn die Robben bei Flut in den Wellen toben, gehen die Ranger rein und räumen auf, damit der Müll nicht die Rückzugsorte der Tiere versperrt.

Am Nachmittag geht es wieder zurück. Schaut man aus der Entfernung zu den Felsen hin, so sieht man – Helgoland. Oder einen Ort voller Verheißungen, fast menschenleer, ein Sehnsuchtsort für Einsiedler. Was wäre, wenn man sich einfach davon geschlichen hätte, und das Boot wäre ohne einen gestartet? Hätte man den Weg nach oben auf die Hochebene gefunden, hätte man dort endlich seine Ruhe gehabt? Vor dem Lärm, vor dem ewigen Miteinander. Ein Sehnsuchtstraum für Einsiedler. Sind Naturpark-Ranger Einsiedler-Typen? Dafür sind sie zu viele. Mindestens vier, da ist man auf einer einsamen Insel weniger allein als in einer Singlewohnung in Berlin-Marzahn. Man ist aufeinander angewiesen, kann nicht weg. Da liebe ich mir mein Schunkelschiffchen und das Hotelzimmer für mich allein heute Abend. Gibt es sie noch, die völlig menschenleeren Orte? Einen Ort? Auf dem Mond, sicherlich.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s