Im Strom

Der Tag, als ich bemerkte, dass ich nicht dazugehörte, fing damit an, dass ich morgens zur Post musste. Um diese Uhrzeit war ich selten unterwegs, schon gar nicht mit dem Fahrrad, aber der Baulärm auf unserem Dach, das repariert wurde, hatte mich aus der Wohnung getrieben. Ich fuhr also aus der Einfahrt und brauchte eine Weile, um  eine Lücke zu finden im Dickicht der vorübereilenden Fußgänger, Fahrrad- und Autofahrer. Gemütlich trat ich in die Pedale, aber nachdem ich mehrmals sehr knapp überholt worden und mir ein ordentlicher Schreck in die Glieder gefahren war, legte ich an Tempo zu. Und so befand ich mich auf einmal inmitten der Massen, die jeden Morgen an unserem Haus vorüberhetzten, ohne dass ich bislang großartig davon Notiz genommen hatte. Natürlich waren alle auf dem Weg zur Arbeit, und mir wurde schlagartig bewusst, dass ich es nicht war. Ich hatte Zeit, dafür aber auch wenig Geld. Ich stand auf, wann es mir gefiel und schrieb manchmal noch abends, wenn bei den Nachbarn der Tatort oder Maybritt Illner die Fenster erleuchteten. Ich war meine Sklavin und Chefin zugleich und fragte mich jeden Morgen wieder, was der Tag wohl bringen würde. Ich hatte keinen minutiösen Plan, meistens jedenfalls. Und ich hoffte auf den Ruhm, der sich vielleicht irgendwann einstellen würde. Der Preis für die Unwägbarkeit, der ich gefolgt war wie eine Ameise auf dem Weg durch unsere Küche auf der Suche nach etwas Essbarem. Es war ein Abenteuer, aber an diesem Morgen begriff ich, dass es mehr war. Ich war anders. Die Bauarbeiter auf dem Dach hatten um halb acht den Presslufthammer angeschmissen, um eine undichte Betondecke wegzustemmen, sie arbeiteten für ihr Brot unter ohrenbetäubendem Lärm. Ich flog dagegen wie ein Schmetterling aus der Wohnung, Arbeit war mir fremd. Denn was war das schon, was ich tat? Es war die Leidenschaft meiner Phantasie, die Liebe zum Leben, welche mich jeden Tag herausforderte. Mehr nicht, aber auch nicht weniger. Unter der Masse der Pendler von einem Ort zum anderen war ich ein Störenfried, ich war im Weg, und das spürte ich deutlich (wobei hier allmorgendlich wohl jeder jeden hasste, weil er im Weg war und einen hinderte, noch schneller zur Arbeit zu kommen). Die meisten sahen die Welt nine to five, wie es neudeutsch heißt (sie rannten in einem Hamsterrad und wurden dafür gefüttert). Und sie mussten sich beeilen.

Als ich vor vielen Jahren in die Stadt gezogen war, gab es noch mehr, die so lebten wie ich. Die sich durchmogelten mit kleinen Jobs und größmöglicher Freiheit. Das hatte sich im Laufe der Zeit geändert, das Leben in der Stadt war zu teuer geworden, um der Arbeit wenig Beachtung zu schenken. Viele hatten  Angst, dass sie es sich bald nicht mehr leisten könnten, hier zu sein. Und taten ihr Bestes, dass es nicht soweit kam: Sie kniffen die Arschbacken zusammen, wenn es Probleme gab, und machten Überstunden. Ich dachte daran, dass auch ich immer öfter nachts wach lag, mir Sorgen machte und überlegte, wie wir weiter über die Runden kommen würden. Vielleicht war diese Angst ansteckend? Eine Art geistiger Virus? Es war schon so weit gekommen, dass ich manchmal mit einem dieser 9 to 5-Jobs liebäugelte, weil es mir – jedenfalls nachts um vier – einfacher erschien, als tagtäglich die Lebensgrundlage neu auszuloten.

Doch an diesem Morgen war mir klar, dass das alles keinen Sinn machte. Zum Beispiel wegen der Kinder. Sie hatten es schwerer als früher, denn voll berufstätige Eltern waren in der Regel dauergestresst. Nicht wenige überholten mich beim Radfahren, deren Kindersitz leer, das Kind also schon in der Kita war. Einem strengen Zeitplan gemäß, der mit Aufstehen um 6 Uhr begann wurden sie fertig gemacht für den Tag, und wehe, es kam etwas dazwischen, eine Krankheit oder ähnliches. Alles hatte zu funktionieren und Krankheit wurde als Fehler im System betrachtet. Der Nachwuchs voller Viren? Nicht selten übersah man das lieber, als zuhause zu bleiben. Weshalb in den Kitas kranke Kinder an der Tagesordnung waren.

Das alles ging mir durch den Kopf, als ich mit dem Fahrrad zur Post fuhr, die Sonne lachte vom wolkenlosen Himmel herab und auf den ersten Blick schien alles heiter. Doch sah man in die angestrengten Gesichter der Radler im Strom der Werktätigen, war klar, dass es das nicht war.

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