Nicht normal: Seeadler

Wohnt man in Berlin-Mitte, sehnt man sich manchmal nach Normalität, oder jedenfalls das, was man dafür hält. Hier ist ja eher Freizeitpark mit Handfiltered Coffee, Hochseilgarten, Beachvolleyball, lebensmüden Fixie-Rad-Radlern (die ohne Bremsen) und  einer geballten Ladung Gedenkstätten- und Museumstourismus. Also, normal stellt man sich hier so vor, dass man seiner Arbeit nachgeht, Haus und Garten instand hält und ansonsten in den Himmel schaut oder in die Röhre glotzt. So wie ein Seeadler: Ein bisschen totes Tier fressen, Horst putzen, im Winter die Jungschar versorgen und ansonsten schauen, dass keiner unangemeldet ins Revier fliegt. Das hört sich hübsch normal an, ist aber eher in Brandenburg oder Meck-Pomm zu finden. Also los: Morgens um 4 klingelt der Wecker, Zeit zum Bahnhof zu radeln, um an einer Tour zur Seeadler-Beobachtung an der Feldberger Seenplatte teilzunehmen. Ranger Fred verspricht auf seiner Homepage ein echtes Naturerlebnis, und ich bin ganz aufgeregt ob so viel Normalität – Fressen und gefressen werden. Nach über zwei Stunden mit Bahn und Bus bin ich da, das letzte Stück habe ich im Schulbus (total normal mit Zahnspangen und winkenden Müttern und Opas an der Haltestelle!) zurückgelegt. Während die Kids brav in den Sitzreihen flüstern, fliegt ein riesiger Greifvogel über uns hinweg, vielleicht ein Adler auf dem Weg zur Arbeit (toten Dachs fressen?). Ich radle von der Bushaltestelle das letzte Stück bis zum See Breiter Luzin, um dort einen wunderbaren Sonnenaufgang zu erleben. Im Hotel am See bekomme ich  Kaffee auf der idyllischen Seeterrasse und blättere in ein paar Fotobüchern über Seeadler, tolle Aufnahmen von Fisch verspeisenden Tieren auf dem zugefrorenen See und Flügen zum Horst. Dann tritt Fred auf mit Bootshund Benni, ein weiterer Teilnehmer ist ein Hobbyfotograf mit Monsterobjektiv. Fred macht einen auf Trapper mit speckigem Lederhut und Adlerfeder am Hutband. Er schleppt einen Eimer voll Aale und Schleien an und stellt ihn ans Heck des Elektoboots. Dann geht es raus auf den See. Ich erfahre, dass der Altvogel, der erst neulich von einem jungen Konkurrenten vertrieben wurde Aalfred hieß, weil er den Fisch so gerne aß. Das Seeadler-Weibchen, was jetzt mit dem Jüngeren zusammenlebt hat Fred Aaline genannt. Oha. Und schon beginnt der Ranger mit Fischen zu werfen, um die Seeadler anzulocken. Damit sie nicht sofort untergehen, hat er ihnen zuvor  Luft in den toten Körper gespritzt. „Naaaaa koooooommmmmm“, schreit er so laut, dass es über den See schallt. Aber statt der Adler kommen nur ein paar Möwen und schnappen sich die fetten Happen, die auf den Wellen schaukeln. Fred knurrt und wird nervös. Zeit, fragen zu stellen: Ich erfahre, dass Seeadler 25 bis 30 Jahre alt werden, dass es im Feldberger Seenplatten-Naturpark acht Pärchen gibt und dass die Tiere in erster Linie Aasfresser sind. Im Gegensatz zu ihren Kollegen Fischadler oder Milan bleiben sie im Winter vor Ort, denn die Gegend gibt ganzjährig genügend zu fressen her. Besonders, wenn Fred mit dem Boot rausfährt. Fotografen, die Seeadler aus der Nähe knipsen möchten, gibt es zuhauf, weshalb der Tourenanbieter über mangelnde Nachfrage nicht klagen kann und die Raubvögel sich auf ihn als Futterlieferant verlassen können. Normal ist das natürlich nicht und auf einmal wird mir klar, dass auch hier der Freizeitpark-Tourismus längst alles im Griff hat. Fred hat aus den Vögeln Zootiere gemacht, um Geld zu verdienen, er schmeißt in den nächsten zwei Stunden immer wieder luftgepolstere Fische in die Luft, um seine Showstars anzulocken. Doch die mächtigen Tiere lassen sich nicht blicken. Vielleicht, weil Fred für einen anderen Fotografen einen toten Dachs am Ansitz vor dem Adlerhorst deponiert hat? Sicherlich sitzen die Tiere jetzt  vollgefressen auf ihrem Horst und halten ein Nickerchen, was den Fotografen im Baum versteckt in Ekstase versetzt. Fred flucht (vielleicht auch nur vordergründig, weil er ja weiß, dass die Tiere satt sind), wenigstens ein Rotmilan nähert sich noch kurz vor dem Ende der Tour und holt sich einen Fisch. Der Fotograf schießt scharfe Fotos, ich schaue fasziniert dem Segler zu, wie er elegant den Kadaver von der Wasseroberfläche holt.
Am Ende hat der Spaß 30 Euro gekostet, und ich ärgere mich über meine Naivität. Denn das weiß ja eigentlich jedes Kind: Auch in der Natur ist schon lange nichts mehr normal.

2 Gedanken zu “Nicht normal: Seeadler

  1. Hey Christine, du die Normalität Suchende … Großartiger Bericht. Ich war live dabei und habe mir 30 Euro gespart, natürlich den schönen Sonnenaufgang dafür verpasst, andererseits aber länger geschlafen, immerhin bis halbsieben! Auf bald – und gerne auf eine andere Tour, der Normalität auf der Spur!

    1. So früh steh ich jetzt immer auf, habe nicht erwähnt die Bierlache im Regionalzug und die Google-Maps Radtour (in 200 m bitte rechts abbiegen) durch die einsamen Wälder der Uckermark …. Davon später mehr beim nächsten Treffen!

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