5. Teil Die Irrfahrt

„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“, fragte eine tiefe Stimme und erschrocken ob der plötzlichen Störung meines Gedankenruhe sah ich hoch. Ein eleganter Mann mit Stock und Panamahut stand vor mir und verbeugte sich leicht. Sicherlich ein Tourist dachte ich und nickte. Er setzte sich mir gegenüber und bestellte schnell und in fließendem Portugiesisch etwas zu essen. Ich musterte ihn unauffällig und wunderte mich über den teuren Anzug mit Weste und Einstecktuch, den feinen Hut und die Nickelbrille. Thomas Mann oder Hermann Hesse in mittleren Jahren, dachte ich und musste lächeln. Als der Kellner kam und den Kaffee brachte, verlangte ich nach der Rechnung.
„Ich habe schon viel von ihnen gelesen,“ richtete der Mann plötzlich wieder seine Worte an mich und zog ein Buch hervor, das ich geschrieben hatte. Er stellte sich als Ferdinand Lohengrin, Leiter der deutschen Schule, vor, die sich ganz in der Nähe befand. Ob ich die Ehre erweisen würde, vor seinen Schülern eine Lesung zu halten, fragte er weiter. In der Zeitung hatte er von meinem Besuch der Insel gelesen, und es könnte doch nur als Glücksfall betrachtet werden, dass er mich zufällig hier in seiner Mittagspause getroffen hätte. Ich war unschlüssig und gab vor, das Ganze mit meinem Verleger besprechen zu müssen, zumal mein Flug zurück ja bereits für morgen gebucht war.
„Man sucht sie bereits“, sagte Lohengrin und zwinkerte verschwörerisch. Ich sah ihn entgeistert an und er berichtete, dass im Radio eine Vermisstenmeldung gekommen wäre. Ich schaute mich um, ob noch mehr Leute im Bilde waren, wer ich war. Aber die Einheimischen rundum würdigten uns keines Blickes. Ich überlegte, ob ich das nächste Polizeirevier aufsuchen sollte, aber dazu hatte ich überhaupt keine Lust. Der Kellner brachte das Essen und meine Rechnung.
„Am besten jetzt gleich“, entfuhr es mir und ich staunte über meinen Wagemut. Lohengrin wiegte seinen Kopf einen Augenblick hin und her, dann haute er mit der Faust auf den Tisch und rief „Abgemacht!“
Ohne sein Essen angerührt zu haben, warf er einen Schein auf den Tisch, raunte „ Sie sind natürlich eingeladen“, hakte mich unter und so verließen wir eilig das Lokal. Völlig überrascht von der willensstarken Attitüde des Schuldirektors stolperte ich neben ihm her über das unebene Pflaster. Ich spürte sogar eine Art Genugtuung darüber, dass zur Abwechslung mal jemand anderes darüber entschied wo es lang ging. Ein wenig atemlos fragte ich ihn über sein Leben aus und erfuhr auf den wenigen Metern, die uns noch von der Schule trennten, dass er seit über 30 Jahren auf der Insel lebte. Er war als Referendar für Latein und Altgriechisch gekommen und hatte im Laufe der Zeit Stufe um Stufe erklommen, bis er Studiendirektor geworden war. Die Insel war ihm ans Herz gewachsen, doch das war auch das Einzige, was jemals sein Herz erobert hatte. Er zog es vor allein zu leben, nur ab und an gestört von Verwandten, die den einmaligen Glücksfall, einen Onkel auf einer Ferieninsel zueigen zu haben, regelmäßig ausnutzten.
Die Schule war in einem Altbau untergebracht, der das Aussehen einer Kaserne hatte. Wir liefen schnellen Schrittes durch die linoleumbekleideten Gänge, nur unterbrochen vom ruckartigen Aufreißen der Klassenzimmertüren und dem Rufen. „Sehr wichtige Veranstaltung in 15 Minuten in der Aula!“ Einige Lehrer liefen hinter uns her und wollten wissen, was los sei, aber Lohengrin zeigte nur auf mich, die ich wie seine Geisel neben ihm her torkelte. „Ein Sechser im Lotto, eine künftige Nobelpreisträgerin“, rief er immer wieder aus und trommelte so Schüler und Belegschaft zusammen. Mir gefiel der Zirkus, den der Schulleiter veranstaltete überhaupt nicht, auf der anderen Seite war ich auch amüsiert über diesen exaltierten Menschen, der die Gunst der Stunde nutzte, jedenfalls schien er es so zu sehen. Ich verlangte nach einer Toilette und Lohengrin führte mich zum Sanitärbereich des Lehrpersonals. Dort, eingeschlossen in einer WC-Kabine und dem Plätschern des Pipis lauschend, kam ich zur Besinnung. Was wollte der Mann von mir? War er etwa verrückt? Im Geiste sah ich die Menschenmenge in die Aula strömen. Ich hatte ja noch nicht einmal ein Buch von mir dabei, aus welchem sollte ich überhaupt vorlesen? Das, was Lohengrin im Lokal hervorgezogen hatte, gefiel mir nicht mehr sonderlich, und je mehr ich darüber nachdachte, kam mir die ganze Angelegenheit reichlich absurd vor. Ich wusch mir die Hände, richtete Rock und Bluse zurecht und kämmte mir die Haare aus dem Gesicht. Im Spiegel bemerkte ich, dass ein Fenster in meinem Rücken halb offen stand. Sofort stürzte ich hin und sah nach draußen. Die Toilette befand sich etwas erhöht in der Belétage, darunter gedieh der Schulgarten. Ich setzte mich auf das Fensterbrett und schwang meine Beine nach draußen. Mit einem Hopser landete ich zwischen Zuchinis und Tomaten. Ich war froh, dass ich keine hochhackigen Schuhe angezogen hatte und geschmeidig wie eine Katze schlich ich vom Schulgelände.

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