6. Teil Die Irrfahrt

Eilig ging ich im Zickzack durch die Gassen, um vermeintliche Verfolger abzuschütteln und nach kurzer Zeit gelangte ich zu einem kleinen Fischerhafen, der wohl eine touristische Sehenswürdigkeit war, denn überall bummelten Besuchergruppen umher und fotografierten die pittoresken Holzboote. Ich kämpfte mich durch die Menschenmenge zum Kai und atmete tief ein, um die Meeresbrise einzufangen. Wie sollte ich je wieder zum Hotel zurück finden? Ich hatte noch nicht einmal ein Handy dabei, um dort anzurufen. Ich setzte mich auf einen Poller zum Vertäuen der Boote und studierte den in meiner Tasche mitgeführten Hotelprospekt. Auf dessen Rückseite fand ich einen Stadtplan worauf auch der kleine Hafen eingezeichnet war und erleichtert stelle ich fest, dass das Hotel ganz nah war und der Weg dorthin einfach nachzuvollziehen. Ich steckte die Broschüre wieder ein und setzte meinen Weg fort entlang des Kais. Je weiter ich ging, desto weniger Menschen hielten sich im Hafen auf und auf dem Wellenbrecher, der sich entlang der Küste erstreckte, war ich schließlich bis auf einige Angler allein. Ich kletterte auf einer der groben Betonblöcke, die wie von Riesenhand ins Meer geschmissen scheinbar unkoordiniert übereinandergestapelt worden waren, um die Küste zu schützen, und schaute auf den Hafen und die Stadt mit den Bergen dahinter. Was für ein schöner Ort dachte ich zum ersten Mal, seid ich angekommen war. Ich lehnte mich zurück und schaute in den von Wolken verhangenen Himmel. Sehr zu meinem Vorteil, denn so stach die Sonne nicht ganz so gnadenlos herab. Ich gähnte und bald war ich in einen leichten Schlaf gesunken. Ich träumte von Lohengrin, der meinen Verleger getroffen hatte und beide versuchten mich zu fangen. Ich aber schwebte auf einer Wolke über ihnen, ohne dass sie mich sahen und beobachtete amüsiert ihr possierliches Treiben. Bis ich niesen musste, da erkannten sie wo ich war und versuchten mit Leitern zu mir hoch zu steigen. Ich pustete verzweifelt, um die Wolke zum Weiterzug zu bewegen, was aber nicht gelang.
Zitternd wachte ich auf, was wohl aber eher daran lag, dass es merklich abgekühlte hatte. Ein stürmischer Wind riss an meinen Haaren, Gischt spritzte auf und ich bemerkte, dass die Fischer alle verschwunden waren. Ich richtete mich gerade auf, als ein Brecher über den Betonklotz donnerte und mich von oben bis unten durchnässte. Ich wollte meine Tasche greifen, aber da, wo ich mich erinnerte sie abgelegt zu haben, lag sie nicht mehr. Ich fluchte und suchte die Umgebung ab, aber sie blieb verschwunden. Ob einer der Angler sie genommen hatte? Was war überhaupt darin gewesen? Schon rollte die nächste große Woge heran und im Eilschritt versuchte ich an Land zu kommen. Ich hatte gerade die Fischerboote am Kai erreicht, als es kräftig blitzte und im selben Augenblick ein grollender Donner losbrach. Der Himmel öffnete seine Pforten und schickte gießkannenartig Regen. Ich suchte Schutz unter dem Vordach des Hafenmeisterbüros und verwünschte den Tag als ich entschieden hatte, diese Reise anzutreten. Zitternd und frierend, ohne einen Cent in der Tasche, kam ich mir vor wie ein lausiger Straßenköter. Ich wartete verzweifelt auf den Zeitpunkt, da das Unwetter endlich abklingen würde, aber, wie um mich zu ärgern, donnerte es in aller Ruhe weiter.
Gerade, als ich entschieden hatte, trotz des Regens zum Hotel zurück zu laufen sagte jemand hinter mir „Come in“. Ich drehte mich um und sah einen bärtigen Mann mit Schiffermütze, der die Tür zum Hafenmeisterbüro ein Stück weit aufhielt. Drinnen standen zwei dampfende Kaffeetassen auf einem Resopaltisch. Ohne etwas zu erwidern marschierte ich an dem Mann vorbei und nahm am Tisch Platz. Er schloss die Tür und schob mir eine Tasse zu. Dann brachte er ein Handtuch und gab mit Handzeichen zu verstehen, dass ich mir damit die Haare abtrocknen sollte. Ich roch daran und (es roch nur ein wenig muffig) tat, was er wollte. Ich trank den heißen Kaffee und gleich ging es mir besser. Der Mann stellte sich als José Esmeralda vor und fragte, ob ich Urlauberin sei. Ich verneinte und berichtete ihm vom Verlust meiner Tasche. Sofort griff er zum Telefon, wohl um die Polizei zu rufen. Doch ich gab ihm zu verstehen, dass ich mich selbst darum kümmern wollte und vor allem erst mal trockene Kleider zum Anziehen bräuchte. Er fragte, wo ich wohnte, aber mir wollte der Name des Hotels partout nicht einfallen. Ich versuchte zu beschreiben wie es aussah, aber José runzelte nur die Stirn. Er zählte ein paar Hotels auf, aber so wie er sie aussprach, hätte auch das meinige darunter sein können, ohne dass ich es bemerkt hätte. Wieder griff er zum Hörer und wieder schüttelte ich heftig den Kopf. „I will find the way,“ rief ich mehrmals und stand auf. Draußen hatte der Regen nachgelassen und ich öffnete die Tür. Ein kalter Wind ließ mich erzittern. José legte mir eine viel zu große Strickjacke um.
„You bring back, ok.? Ich sah ihn dankbar an und nickte. Dann lief ich los.
Natürlich fand ich das Hotel nicht gleich, stattdessen kam ich an der Deutschen Schule vorbei und voller Angst machte ich kehrt. Dieser Schulleiter hatte mir jetzt gerade noch gefehlt, ich zweigte in eine Nebengasse ab und hoffte auf ein Wunder. Das Wasser in meinen Schuhen quatschte bei jedem Schritt und alle paar Meter musste ich kräftig niesen. Sicherlich wartete der Verleger schon in der Hotellobby auch mich, denn natürlich hatten die Mitarbeiter an der Rezeption Radio gehört und mich bei der Polizei gemeldet. Ich fühlte mich wie ein armer Sünder, und diesmal war das nicht übertrieben. Ich ging kreuz und quer und fast schon hatte ich die Hoffnung aufgegeben jemals anzukommen, als ich das Hotelgebäude vor mir sah. Doch plötzlich griff jemand von hinten meine Schulter und rief: „Ich bin ja so froh, dass ich dich gefunden habe!“ Ich drehte mich zur Seite und sah eine mir völlig fremde Frau von etwa 40 Jahren, der Tränen in den Augen standen. „Was wollen Sie von mir?“ rief ich entrüstet. „Ich kann jetzt kein Autogramm geben. Kennen wir uns?“ Die Frau behauptete meine Tochter zu sein, und dass ich am Flughafen davongelaufen wäre. „Wir wollten hier Urlaub machen, erinnerst du dich nicht?“ Ihr Gesicht sah verzweifelt aus. Ich starrte sie schweigend an und dachte, dass sie verrückt sein müsste. Als wäre das alles nicht genug kam auch noch die Polizei um die Ecke und die Frau winkte das Auto heran. Das Versteckspiel mit meinem Verleger war aus, dachte ich traurig und schüttelte die Hand der Frau von meiner Schulter. Ich war müde und fror erbärmlich, nur deshalb ließ ich mich darauf ein in den Wagen zu steigen. Als wir an dem Hotel vorüberfuhren, sah ich mein Mietauto. Ich rief, dass ich aussteigen wolle, aber der Polizist fuhr einfach weiter.
„Ich muss mich umziehen, verdammt!“, schrie ich und versuchte die Tür zu öffnen, aber sie war abgesperrt. Ich haute mit den Fäusten gegen den Sitz vor mir.
„Bitte lauf nicht wieder weg,“ flehte das Weibsbild neben mir und stopfte ein paar Tabletten in meinen Mund, die ich unerklärlicherweise hinunterschluckte. Sie gab mir Wasser zum Nachspülen und legte eine Decke über meine Knie. Auch dagegen wehrte ich mich aus irgendeinem Grund nicht. Dann wurde es neblig um mich.
Erschöpft schlief ich ein.

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