Immer schön langsam

Einen Gang runterschalten ist erfolgreich und gesund

 Ein alter Golf rast bei rot über die Ampel, fast wäre eine Frau dabei umgefahren worden. „Loser“, schreit sie ihm hinterher. „Wer so rast, hat versagt“, so die Meinung der 40jährigen Berlinerin. Eine Ansicht, die durchaus wissenschaftlichen Hintergrund hat. Durch falsches Zeitmanagement, gehetzt von Terminen, treffen Menschen häufig die falschen Entscheidungen. Das jedenfalls haben Zeitforscher wie Professor Dr. Lothar Seiwert herausgefunden und darüber unzählige Bücher verfasst. Wer ständig unter Zeitdruck steht, hat sein Leben nicht im Griff, ist ausgeliefert und vor allen Dingen: Er wird häufig von völlig überflüssigen Aufgaben getrieben. Also empfehlen Zeitratgeber wie Seibert: Immer schön aussieben nach Wichtig und Unwichtig, Prioritäten setzen und – ganz wichtig – Ziele formulieren.
Erfolgreiche Menschen haben somit einen wohl strukturierten Terminkalender, stehen morgens früh genug auf, um in Ruhe zur Arbeit zu kommen, fahren eine sicheres Auto, das zwar schnell fährt bei Bedarf, aber in den meisten Fällen schön langsam und souverän durch die Straßen schnurrt.
Wer dies erreichen will, muss früh anfangen. Schon im Kindergarten lernt der Mensch, seine Zeit einzuteilen. Wer morgens zu spät aufsteht und ohne Frühstück ins Klassenzimmer rennt, läuft Gefahr auch später ein Mensch mit Hang zur Hetzerei zu werden. Möglichst lange im Bett bleiben, um dann umso schneller in den Tag starten zu müssen? Da ist das innere Zeit-Balance aus den Fugen. Für Seibert ein klarer Fall von Missmanagement. „Um seine Ziele ohne Umwege zu erreichen gilt es, die Zeit selbst in die Hand zu nehmen, zu agieren statt zu reagieren“, so der Professor.
Wolfgang Plattmeier hat in letzter Zeit mächtig Termindruck, obwohl er fast nichts anderes mehr macht, als über die Langsamkeit zu sprechen. Der 63jährige ist seit über 20 Jahren Bürgermeister von Hersbruck, einer Kleinstadt in der Nähe von Nürnberg. Seit sechs Jahren ist seine Stadt Mitglied im Verband der Slow Cities, einem „Netzwerk der lebenswerten Städte“. Ähnlich wie bei der Slow Food-Bewegung verpflichten sich die Mitglieder ihren Bürgern ein qualitativ hochwertiges Leben zu bieten, Kochkurse mit regionalen Zutaten inklusive. „Wir können unsere Bürger natürlich nicht zwingen, langsamer zu leben, aber darum geht es auch gar nicht“, meint Plattmeier. Nachhaltigkeit im Nutzen von Ressourcen, bewusstes Essen und die Pflege des sozialen Miteinanders stehen bei den Slow Cities, einer Bewegung die aus Italien kommt, im Vordergrund. „Sich Zeit nehmen, etwas zu betrachten“, ist Plattmeier wichtig, etwa die Geschichte der Stadt oder die Kunstwerke, die am Hersbrucker Skulpturenweg auf Betrachter warten. Innehalten, nachdenken – das ist der Kern der Slow City Philosophie. Städte, die sich der Bewegung anschließen möchten, müssen in sieben Bereichen von Umweltpolitik bis Gastfreundschaft gewisse Kriterien erfüllen. Außerdem darf die Kommune nicht mehr als 50.000 Einwohner haben.
Hersbruck hat als erste deutsche Stadt gute Voraussetzungen für die Mitgliedschaft bei Slow Cities mitgebracht: eine malerisch mittelalterliche Bausubstanz, starke karikative Verbände und aufgeschlossene Bewohner, die einem Kneipp-Kindergarten genauso vertrauensvoll gegenüberstehen wie ungesalzenen Straßen im Winter. „Die Kriterien für eine Slow City können viele Städte in Deutschland erfüllen“, ist sich Plattmeier sicher. Allein, das öffentliche Bekenntnis zum bewusst langameren und damit nachhaltigeren Leben fehlt häufig noch. Deshalb rast Plattmeier auch von einem Vortrag zum nächsten.
Auch in anderen Ländern macht sich die Langsamkeit breit. So veranstalten US-amerikanische Städte regelmäßig Slowdown-Tage. Die Kinder bekommen dann keine Hausaufgaben, Eltern kommen früher von der Arbeit und alle Termine werden an einem solchen Tag abgesagt. Wer sich an einem solchen Tag langweilt, sollte froh sein. Denn daraus erwachsen Ideen und Kreativität. Mit Walk to School Tagen alljährlich im Oktober versucht ein wachsender Anhängerschar in den USA das Zu Fuß gehen wieder in Mode zu bringen – als geruhsame und umweltfreundliche Alternative zum elterlichen Bring- und Abholservice mit dem Auto.

Erschienen im epd-Featuredienst

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