Nahkampf

Ich will einen Tiger kaufen. Gestern habe ich einen bei unserem Bäcker gesehen. Dort kriegt man manchmal auch Tennisschläger oder Bratpfannen. Seit letzter Woche auch Tiger, knapp zwei Meter lang und aus weichem Plüsch. Einer davon sitzt bei unserem Bäcker im Schaufenster zwischen den Dekobrötchen aus Plastik. Den will ich.

„Tach,“ sage ich und trete vor den Tresen, in dem gerade eine Horde Wespen klebrige Backmischungen vernascht. Dieser Bäcker hat weit und breit den schlechtesten Kuchen, weshalb außer allerlei Getier nur selten jemand davon isst. Das Personal tut sein übriges, um arglose Kunden zu verscheuchen.
„Tach“, murmelt die blondierte Verkäuferin ohne hoch zu schauen. Sie bedient gerade ein Kreuzworträtsel. Ich bewundere die dicken Klunker aus Falschgold an ihren Ohren. „Bitte schön?“ säuselt die Endvierzigerin plötzlich. „Ich hätte gerne den Tiger“, sage ich. „Wat?“ DieVerkäuferin zieht den kläglichen Rest ihrer ausgezupften Augenbrauen erstaunt nach oben. Im Geiste checkt sie wahrscheinlich die Namen aller Kuchen- und Brotsorten.
„Den da“, sage ich und zeige zum Schaufenster. Die Frau überlegt einen Augenblick und steckt sich ein Eckchen Bienenstich in den Mund.
„Jet nich, det is füa die Auslage“, sagt sie schließlich mit vollem Mund.
„Na, dann einen anderen“, antworte ich. Das Verkaufstier stampft auf geschwollenen Beinen ins Hinterzimmer. Dann ist sie wieder da und knallt ein Tier in Plastikfolie auf den Tresen.
„Sie ham Glück, det war der letzte“, triumphiert sie. Aber Rache ist Bienenstich.
„Das ist kein Tiger sondern ein Löwe“, belehre ich.
„Ach wirklich“, tut sie erstaunt und nimmt das Paket in die Hand. „Ein Tiger hat Streifen“. ergänze ich so sachlich wie Gzimek.
„Sieht aber auch niedlich aus“, schmeichelt sie und streichelt die Plastikfolie. An ihren Nägeln klebt ein giftiges Rosa, sieht aus, als sei es eingeätzt.
„Ich will aber einen Tiger“, beharre ich. Beleidigt schlurft sie wieder ins Hinterzimmer. Ich warte.
„Tiger jibt et nich mehr“, ruft sie schließlich. In ihrer Stimme schwingt Schadenfreude. „Doch“, sage ich leise. Im Schaufenster. Einen Moment überlege ich, ob ich den Tiger einfach packen und schnell verschwinden soll. Aber wo könnte ich dann in Zukunft morgens meine Pappschrippen kaufen und wo den ekelhaften Kuchen, der zwischen den Zähnen klebt? Wohlmöglich würde man mir schnell auf die Spur kommen, weil mich die Verkäuferin schon zu oft in der Gegend gesehen hat. Natürlich tut sie immer so, als sähe sie mich zum ersten Mal.
„Wir können doch den Löwen ins Schaufenster..“
„Wir könn´ schon mal gar nüscht, wenn schon dann icke. Der Tiger bleibt wo er ist, fertich. Is sowieso schon voller Fliegen. Wat wolln´se mit so´n verklebtet Dekozeuch?“
Ich zucke mit den Achseln und laufe rot an, was mir das letzte Mal in der Schule passiert ist, als ich vor versammelter Klasse das Periodensystem aufsagen sollte.
„Versuchenses mal bei Tschibo in der Müllerstraße, sagt die Schnepfe und schaut mich an, als sei ich nicht ganz dicht. Was ist schließlich schon der Unterschied zwischen einem Löwen und einem Tiger und was wollen erwachsene Leute überhaupt damit? Ich gestehe, dass ich ihn einfach auf einen Sessel setzen wollte. Zum Anschauen, eine Art stummes Haustier ohne Nutzen. Aber zu welchem Preis. Ich will das Vieh gar nicht mehr. 15 Minuten meines Lebens habe ich um einen Tiger gekämpft. Jetzt hängen einfach zu schlechte Erinnerungen daran. Ich kaufe eine Schrippe und schaue, dass ich Land gewinne.

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