Offene Türen

Alles fing damit an, dass mich ein Paketbote eines Nachmittags an der Haustür fragte, ob ich wüsste wo Leon Koren wohne. Ich hatte den Namen noch nie gehört und gemeinsam studierten wir die Klingeltafel unseres Hauses. Tatsächlich fand ich schließlich unter den 24 Schildern den Namen Koren, und der Paketbote klingelte. Da sich niemand meldete, erklärte ich mich bereit, das Paket entgegenzunehmen. Am folgenden Nachmittag lernte ich Herrn Koren kennen, als er die Post abholte. Ich hatte ihn schon ein, zwei Mal im Hausflur gesehen, jetzt wusste ich auch, wie er hieß. Mehr aber auch nicht, und wahrscheinlich hätte ich es schnell wieder vergessen, wenn ich nicht auf die Idee mit den offenen Türen gekommen wäre. Zufällig fing in ein paar Tagen die Adventszeit an, und da im Haus genau 24 Mietparteien wohnten, von denen etliche dabei waren, deren Namen ich nicht kannte und die ich mit keinem Gesicht verbinden konnte, fertigte ich ein kleines Plakat mit allen 24 Namen und schlug vor, die Adventstage zu Tagen der offenen Türen zu machen. Wer Lust hätte, mitzumachen, sollte seinen Namen und einen Tag nennen, an dem man zu einer gewissen Zeit zu Besuch kommen könnte, um bei Tee und Keksen zusammenzusitzen. Ich machte den Anfang und trug den 1. Dezembernachmittag ein. Die Wohnungstür ließ ich offen, Pfeile im Fahrstuhl wiesen auf den Treffpunkt im 6. Stock hin. Tatsächlich kamen ein paar Nachbarn, die ich allesamt schon kannte und die zu meinem entfernteren Freundeskreis zählten. Von den unbekannten Mietern ließ sich allerdings niemand blicken. Die Idee fanden meine Gäste allesamt gut, vielleicht hätte es mehr Vorlauf geben müssen, mutmaßten einige, manche machten die Zeitnot vieler vor Weihnachten für den schleppenden Anlauf des Projekts verantwortlich. In den folgenden Tagen beteiligten sich noch vier andere Nachbarn, die schon seit vielen Jahren im Haus wohnten, an den offenen Türen und so kam eine eingefleischte Glühweintrinkgemeinschaft zustande, die sich reihum traf. Wir hatten viel Spaß und das ist ja manchmal ansteckend, vielleicht auch, weil die Türen immer offen standen, kam eines Nachmittags auch besagter Herr Koren vorbei und nach dem dritten Glühwein lud er die Gesellschaft am kommenden Samstagnachmittag zu sich ein. Das war ein Fortschritt, ein Fremder in unserem Haus war zu einem Bekannten geworden, immerhin einer. Das machte mir Mut. Immer wenn ich jemanden im Hausflur traf, den ich nur vom Sehen kannte, sprach ich ihn oder sie an und machte Werbung für die offenen Türen. Manchmal kamen Ausreden, meistens aber wohlwollende Zustimmung. Einige ließen sich überreden, mitzumachen. So lernte ich nach und nach neue Nachbarn kennen, die Günthers aus dem dritten Stock etwa, eine deutschrussische Familie aus Sibirien, die im letzten Jahr eingezogen war. Sie luden uns zu Pelmeni und Punsch ein, und auf der Weltkarte, die an ihrer Küchenwand hing, zeigten sie uns, wo der Ort war, aus dem sie stammten. Sehr weit im Osten war das, von Moskau aus musste man noch 1 1/2 Tage mit dem Zug fahren. Mutter und Sohn konnten sich gut verständigen, die Großeltern mütterlicherseits hatten noch Deutsch geredet zuhause. Der Vater hingegen verstand kaum ein Wort und saß stumm da, aber zum Glück stammten noch andere Nachbarn bei uns im Haus aus Russland. Mit diesen machte ich die Günthers iin der Adventszeit bekannt. Die französische Familie im vierten wiederum verstand sich prächtig mit den New Yorkern im dritten, denn beide interessierten sich sehr für Hockey. So entstand nach und nach ein kleines Netzwerk, und als Weihnachten vor der Tür stand, hatten sich immerhin zehn Mietparteien an den offenen Türen beteiligt und häufig sah man jetzt Nachbarn im Hausflur miteinander reden, die sonst höflich grüßend aneinander vorbeigelaufen waren.

In diesem Jahr  stehen die Offenen Türen wieder auf dem Programm, diesmal mit mehr Vorlauf und schönerem Plakat. Fünf Nachbarn haben sich schon eingetragen. Und ein Sommerfest ist auch schon geplant. Dann ist die Tür offen zum Hofgarten.

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