Essen für alle: Wie man es schafft, zwischen Fleischfreunden – und –hassern ohne Krieg das Weihnachtsessen zu überstehen

Nudeln gehen immer. Sie sind vegan, lassen sich mit Fleisch kombinieren und Gemüse. Fazit: Keiner meckert. Das könnte jetzt schon das Ende dieses Artikels sein, aber gehen Nudeln wirklich immer? Gibt es nichts anderes, um beim gemeinsamen Essen den Himmel auf Erden zu erleben? Doch da sind Fronten, Kriegserklärungen, es geht um Leben und Tod, jedenfalls bei uns am Tisch. Da ist zum Einen die Fraktion „Mir alles egal – Hauptsache Fleisch und Gemüse“, das ist mein Mann. Aus Umweltgründen isst er am liebsten Würstchen, „denn was passiert mit dem Rest vom Tier, wenn alle immer nur Steak wollen?“ Dann kommt Tochter Nummer Eins, ebenfalls von der Fleischfraktion, aber bitte etwas Besonderes, nicht so schnöde, am besten ein Steak oder so und bloß nicht so viel Gemüse. Tochter Nummer 2 lebt vegan, sie will auf keinen Fall totes Tier oder Eier vor sich sehen, Gemüse gerne, wenn es Rotkohl, Sauerkraut oder Kürbis ist. Bei Fisch verlässt sie gleich die Wohnung. Genauso mein Mann, wenn er Käse riecht, den ich daher selbst im Winter auf dem Balkon esse. Und Töchterchen Nummer 3 ist im besten Alter, alles doof zu finden, außer Nudeln. Und ich? Mir ist das Essen mittlerweile egal. Vor lauter Meinungen dazu, habe ich selbst keine mehr. Das ist schlecht, und schlecht wird mir auch, wenn es für alle etwas Besonderes geben soll. An Weihnachten zum Beispiel. Aber ich habe Roald Dahl gelesen und sein Humor gefällt mir außerordentlich, besonders die Geschichte mit der Lammkeule. Da mein Magen jedoch keine Mördergrube ist, hintergehe ich meine Mitmenschen einfach ein wenig, um mich zu rächen. Ich serviere ihnen Fleisch, wenn keines da ist zum Beispiel. An einem grauen Vorweihnachtssonntag trainiere ich schon mal für Heiligabend. Ich denke an Kartoffelsalat mit Speck und Fleischbällchen in einer Soße, der man das pürierte Gemüse nicht ansieht. Die nötigen Zutaten besorge ich unter anderem in der vegetarischen Fleischerei in Kreuzberg, die sich allerdings als Imbiss mit Tiefkühlschrank entpuppt. Heimlich parke ich die Päckchen mit den eiskalten Bällchen auf dem Balkon und als die Fleischfraktion außer Haus ist, beginne ich eilig mit den Vorbereitungen. Der vorgeschnittene Speck aus der Papppackung sieht echt aus und mit Zwiebeln angebraten duftet es dem Original ebenbürtig. Die fertigen Fleischbällchen aus Tofu, Palmöl etc. kullern in die heiße Pfanne und werden knusprig braun gebraten. Mit dem pürierten Gemüsepamps (Spitzkohl, Kohlrabi, Rest Tomatensoße) von gestern aufgefüllt ist der Fleischgang schlagartig fertig. Speck und Zwiebeln wandern mit den geschnittenen Kartoffeln in eine große Schüssel, noch zwei Salatgurken nebst Brühe dazu – fertig ist der Erdapfel-Salat. Dieses schlichte Gericht hat genau 20 Minuten gekostet.
Beim Essen selbst geht es friedlich zu, Tochter (vegan) Nummer 2 ist nicht anwesend, weshalb sie nicht über die Fleischbällchen in der Soße monieren muss, und fast alle hauen ordentlich rein. Dass das Fleisch keines ist und das olle Gemüse von gestern reingestampft wurde, bemerkt niemand. Der Betrug ist geglückt.
Was jedoch kochen an den restlichen Feiertagen? Da muss auf jeden Fall ein Braten her, und den gibt es (noch) nicht fleischlos. Wir überlegen beim Jäger in Brodowin wieder Rehrücken zu kaufen oder Hirsch. Tochter Nummer 2 macht sofort von ihrem Vetorecht Gebrauch. Wir einigen uns auf einen Kompromiss: ein Weihnachtstag mit Fleisch, der nächste ohne. Damit der Familienfrieden gewahrt bleibt, fahre ich die Strategie der Partizipation. Überall in der Wohnung liegen Kochbücher herum, die Verlage geschickt haben, weil sie erfahren haben, dass ich über Weihnachtsessen schreibe. Jamie Olivers Weihnachtskochbuch zum Beispiel ist ein guter Ratgeber, um Fleischhasser- und liebhaber an eine Tisch zu vereinen. Tochter 2 etwa favorisiert als fleischlose Alternative seinen Nussbraten mit Kürbis, Quinoa und Kastanien, dazu passt das Honigsauerkraut aus Tim Mälzers (der Fernsehkoch) neuem Wälzer „Die Küche“. Um der ganz Kleinen nicht das Fest zu verderben, werden wir ein paar Tage vorher die Nudelmaschine anwerfen und unsere eigene Pasta machen, dazu bauen wir das Netto-Pesto nach, das sie so liebt. Als Dessert empfiehlt das Geniale Familienkochbuch vom Trias Verlag einen italienischen Käsekuchen mit Himbeersoße, vielleicht tut es aber auch ein normaler Obstsalat mit Vanilleeis. Der Hirschbraten „im zarten Schinkenmantel“ den Oliver beschreibt, wird auf jeden Fall an Weihnachten eine Rolle spielen, der Brodowiner Jäger ist schon informiert, vielleicht gibt es dazu endlich mal wieder selbstgemachte Klöße, die Tochter Nummer 2 kann sie dann mit veganer Bratensoße essen, das Rezept steht ebenfalls beim englischen Starkoch.
Vor lauter Kochbücher schauen und Schreiben bin ich jetzt tatsächlich auf den Geschmack gekommen und werde öfter etwas Neues wagen, wenn sich, der Nudeln überdrüssig, die Fleisch- und vegane Fraktion mal wieder in die Haare kriegt. Das vegetarische Hackfleisch aus der fleischlosen Metzgerei wird für Jamie Olivers Hackbraten sicherlich eine schöne Alternative sein. Dazu Rotkohl mit Veggie-Speck. Und natürlich Nudeln.

Erschienen in der taz am 27.11.16

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