Tat Nacht

Anne knallte die Einkaufstasche auf den Küchenstuhl. Auf dem Weg nach Hause war sie wieder einmal um die Autos, die ihr falsch parkend den Weg versperrten, Slalom gelaufen. Auf dem Gehweg! Sie fluchte leise vor sich hin, während sie Tee kochte. Sie setzte sich mit der dampfenden Tasse an den Küchentisch und klappte ihr Notebook auf. Sie las die E-Mails, die Kira und Idan geschickt hatten und sie beruhigte sich langsam. Kira war ein Jahr in Australien und arbeitete auf einem Meeresforschungsschiff am Great Barrier Reef, Idan bat sie mal wieder um Geld, weil er vor Monatsende pleite war. Er studierte Kunst, aber das war eher nebensächlich, so schien es ihr jedenfalls. Anne seufzte und veranlasste eine Online-Überweisung. Geld war momentan das geringste Problem. Sie arbeitete bis zum Umfallen als Texterin in einer Werbeagentur und hatte keine Zeit welches auszugeben. Sie nahm einen Schluck Tee, der inzwischen abgekühlt war und starrte an die Wand über dem Küchentisch, die voll von Fotos ihrer Kinder war.
Dann fasste sie einen Entschluss. Morgen in der Mittagspause würde sie Sprühfarbe kaufen, Sekundenkleber und ein Taschenmesser. Es musste etwas passieren! Sie ließ sich ein Bad ein und stöpselte ihr Smartphone in die Box im Badezimmer. Sie hörte Musik, die sie über die Kinder kannte. Sie schickten ihr regelmäßig ihre Playlists und manchmal fragte sie sich, welche Musik sie früher gehört hatte. Anne hatte es vergessen. Ihre CD-Sammlung verstaubte im Regal, sie hörte jetzt nur noch online, hatte ein Cloud, wie man das eben heutzutage so machte. Manchmal hatte sie das Gefühl, die Musik spüle ihr Gehirn weich, was sie selber hören mochte, wusste sie nicht mehr. Wahrscheinlich war es nicht wichtig genug.
Sie versank im heißen Wasser und spürte, wie die Entspannung näher kam. Warum sie sich so aufregte, alle Welt schien so gechillt, Autos blinkten nicht mehr, wenn sie die Richtung wechselten, warum auch, jeder achtete doch jetzt aufeinander. Dachten die Autofahrer und neuerdings auch immer öfter Kampfradler, die rücksichtslos über die Gehwege rasten. Sie aber sprang ständig zur Seite und versuchte auszuweichen. Fußgänger lebten so gefährlich wie noch nie. Und darüber sollte man sich nicht aufregen? Aber das war die neue Masche, alle taten friedlich, waren es aber nicht. Nahmen sich Rechte, die ihnen nicht zustanden. Neulich etwa im Schwimmbad, da hatte eine Frau sie so knapp überholt, dass sie Anne getreten hatte. Sie war einfach weitergeschwommen, ohne sich zu entschuldigen! Anne hatte die Frau angesprochen, aber die hatte nur gemeint, ob sie heute einen schlechten Tag gehabt hätte und sie sollte sich nicht so aufregen. Dabei war Anne ganz ruhig geblieben und hatte nur eine Entschuldigung gewollt. So wurden Opfer plötzlich zu Tätern gemacht, auf der Straße, im Schwimmbad, überall. Anne ballte die Fäuste. Dann tauchte sie unter.
Am nächsten Morgen stand sie früher auf als sonst, ging ins Schwimmbad und zog eine halbe Stunde lang Bahnen. Die Wut, die sich gestern in ihr angestaut hatte, war nicht verschwunden. Sie ging zur Arbeit und starrte auf die Monitore (drei), die ihren Schreibtisch wie Festungsmauern abriegelten. Eine Pharmafirma brauchte neues Werbematerial, daran saß sie seit ein paar Tagen. Für Pillen texten war nicht so ihre Sache, aber Betty, die sonst solche Fälle übernahm, war länger krank. Sie schob Textbausteine hin und her, aber sie merkte, dass dabei nichts herauskam. Sie nahm ihren Anorak und ging hinaus in die kalte Novemberluft. Ein eisiger Wind jagte die letzten Blätter über den Gehweg und sie zog die Kapuze tief ins Gesicht. Dafür würde sie heute Abend noch später als sonst nach Hause kommen, der Entwurf musste morgen beim Kunden sein. Sie hatte in der Agentur alle Freiheiten, aber das war nur scheinbar so. Im Endeffekt machte sie Überstunden wie in jedem anderen Laden auch, die Arbeit musste erledigt werden, das war es, worauf es ankam. Anne steuerte einen Baumarkt an und kaufte ein, was für ihr Vorhaben nötig war. Sie wählte silberne Sprühfarbe, auf dem Rückweg überlegte sie, was sie damit schreiben sollte. Oder doch nur Linien ziehen? In einer kleinen Seitenstraße zog sie die Dose aus ihrem Rucksack und sprühte blitzschnell eine Wellenlinie auf ein Auto, das den Zugang zu einer Kita blockierte. Ihr Herz klopfte. Eilig ging sie zurück ins Büro.

Am Abend war sie zu müde, um noch mal vor die Tür zu gehen. Sie schaute sich auf ihrem Rechner einen Film an und machte danach das Licht aus. Sie träumte, dass sie in einer Werbeagentur arbeitete und sie wachte auf, als ihr eine Headline eingefallen war. Sie nahm ihr Tablet vom Nachtisch und tippte eine E-Mail an sich selbst mit dem Text. Danach lag sie lange wach. Es war erst halb drei, als sich schließlich aufstand und sich einen Tee kochte. Sie ärgerte sich, dass es wieder einmal die Arbeit gewesen war, die sie mitten in der Nacht geweckt hatte. Sie rief Kira an, bei ihr war es jetzt Vormittag und sie war gerade in einem Hafen. Sie plauderten eine Weile, bis Kira plötzlich rief: „Mama, bei dir ist es mitten in der Nacht. Warum schläfst du nicht?“
Anne log, sie hätte extra den Wecker für dieses Telefonat gestellt, und dass es ihr nichts ausmachen würde, mitten in der Nacht wach zu sein.
Kira glaubte nicht, was sie sagte und befahl ihr, sich jetzt sofort wieder ins Bett zu legen.
„Ja, ja,“ sagte Anne, und dann redeten sie noch eine Weile weiter. So war es meistens, fast hätte man es als Ritual beschreiben können, wenn Anne um diese Zeit anrief. Erst freute sich Kira, dann machte sie sich Sorgen, weshalb die Mutter nicht schlief, dann war das Thema abgehakt.
Als sie sich voneinander verabschiedeten, war es drei, und Anne war müde genug, um wieder ins Bett zu gehen. Sie schlief sofort ein und träumte nicht mehr von der Arbeit.

Die Woche war hart, und sie schaffte es an keinem Abend, ihr Vorhaben umzusetzen. Am Samstag war sie abends auf einer Party eingeladen und kam erst mitten in der Nacht nach Hause. Sie hatte die Dose mitgenommen, doch es waren einfach zu viele Menschen unterwegs, um nicht entdeckt zu werden. Seit Berlin weltweit als Partystadt bekannt war, liefen nachts manchmal mehr Menschen herum als am Tag.

Am Sonntagabend war es endlich soweit. Während der Tatort im Fernsehen lief, war kaum jemand auf der Straße und Anne hatte freie Bahn. Schon an der ersten Kreuzung auf ihrem Weg parkte ein SUV Range Rover so frech, dass kein Fußgänger gefahrlos über die Straße gehen konnte. Sie nahm die Farbdose aus ihrer Tasche und sprühte lauter Punkte auf die Fahrerseite. Sie kam sich albern vor und ging schnell weiter. War es vielleicht doch Neid, der sie antrieb? Dass sie sich keinen solch großen Wagen leisten konnte? Sie mochte keine Autos und hatte ihr eigenes vor vielen Jahren abgeschafft. Aber vor allem mochte sie nicht den Egoismus, der viele Autobesitzer eigen war. Aber hatten den nicht auch andere und fehlte er ihr vielleicht? Sie musste zumindest erklären, war ihre Tat eigentlich sollte. Zettel drucken mit einer Message, etwas in der Art. Sie ging einmal um den Block und bog wieder in ihre Hauseinfahrt ein. Sie fühlte sich elend und hatte ein schlechtes Gewissen.

Am nächsten Morgen ging sie früher als sonst ins Büro und verfasste einen kleinen Text, in dem sie ihr Anliegen erklärte. Dass sie für die Rechte von Fußgängern kämpfe und dass doch jeder Autofahrer prinzipiell auch ein Fußgänger sei, sie also sich auch für diese einsetze. Sie löschte den Text wieder und schrieb einfach in Schriftgröße 20 »Park dein Blech woanders«. In diesem Augenblick kam Micha, ihr Chef, herein. Sie erschrak und lief rot an.
„Für die Backmischung?“ fragte er.
„Na ja,“ erwiderte sie und starrte auf den Bildschirm.
„Heb das auf, das ist gut,“ sagte Micha. „Woran bist du gerade?“
Anne fiel der Kunde ein aus der Autoindustrie. „Scheibenwischer“, sagte sie.
„Gut, gut,“ sagte Micha und zeigt den Daumen nach oben. Dann war er endlich weg.
Anne atmete auf und druckte den Satz zwanzigmal auf Folienpapier.
Am Abend machte sie wieder ihre Runde und diesmal fühlte sie sich besser. Jeder Falschparker bekam einen Aufkleber auf die Windschutzscheibe gepappt, die Sprühdose ließ sie diesmal stecken. Nur bei einem Wagen, der dreist mitten auf dem Gehweg stand, träufelte sie etwas Sekundenkleber ins Schloss. Später fiel ihr ein, dass heute alle Wagen Automatiktüren hatten und dass Verkleben der Schlösser wenig Sinn machte. Zuhause schaute sie sich im Internet noch einen Film an, über den sie schon viel gelesen hatte. Er hieß »Night moves« und handelte von drei Umweltaktivisten, die einen Staudamm sprengen und dabei einen Angler töten. Sie war beeindruckt von dem Mut der jungen Leute, aber die Konsequenzen ihres Handelns waren krass. Was würde sie bewirken? Weniger Falschparker vielleicht, aber reichte das? Anne ging ins Bett mit dem Gefühl, dass die Aktion dumm und albern gewesen war. Das, was sie machte, war einfach zu brav.
Am nächsten Morgen rief der Chef sie in sein Büro.
Er erzählte etwas von Guerillamarketing und dass er ihre Textarbeit gut fände, aber bitte nicht auf seinem Auto!
Anne wäre am liebsten im Boden versunken. Der Porsche auf dem Gehweg!
Micha nahm es gelassen, aber er wollte auf keinen Fall, dass sie noch mal mit Aufklebern aus seiner Agentur auf die Straße ging.
Anne versprach es und hoffte, dass er sein Türschloss niemals benutzen musste.
Den Rest des Tages war sie zu zerstreut, um einen klaren Gedanken zu fassen. Mittags ging sie mit ein paar Kollegen essen, danach schob sie einen Arzttermin vor und mache sich auf den Weg nach Hause. Sie kochte sich eine Kanne Tee und legte sich ins Bett. So ging es nicht weiter, war ihr plötzlich klar. Nicht die Autos waren es gewesen, die sie störten. Es war das Leben, das sie führte. Sollte doch jeder parken wo er wollte. Ihr war es nur einfach zu eng geworden. Sie versuchte zu schlafen, aber sie war zu aufgewühlt. Sie nahm ihr Notebook vom Nachttisch und checkte ihre E-Mails. Dann googelte sie nach Flügen, dann nach neuen Jobs. Wohin sollte sie gehen?
Sie beschloss noch einen Spaziergang zu machen und lief durch die dunklen Straßen, in denen sich der Berufsverkehr voran quälte. Jeder hatte es eilig und stand gleichzeitig im Stau. Sie spürte, wie sich ihr Widerwillen gegen diese Art zu leben von Jahr zu Jahr steigerte. Sie brauchte eine Veränderung, aber brauchten die nicht alle? Wer wollte so leben, wie er lebte? Anne schaute in die müden Gesichter hinter den Windschutzscheiben.
Plötzlich bekam sie einen Schlag.
Als sie erwachte, war alles dunkel, sie hörte ein Piepen und versuchte ihren Kopf dem Geräusch zuzudrehen, aber es gelang ihr nicht. Sie schlief wieder ein, ein Flüstern weckte sie, und als sie die Augen öffnete, stand Idan vor ihr. Er hatte Tränen in den Augen und sah blass aus. Anne versuchte etwas zu sagen, aber sie schaffte es nicht.
„Du hattest einen Unfall,“ sagte Idan und streichelte ihre Hand.
Nach drei Wochen ging es Anne besser, Idan besuchte sie jeden Tag, und sie konnte wieder etwas sprechen. Ein Fahrradfahrer hatte sie umgefahren und war danach verschwunden. Sie hatte dabei einen Schädelbruch erlitten. Die Genesung würde dauern, aber wenn sie Glück hatte, würden keine Langzeitfolgen zurückbleiben.
Kurz vor Weihnachten ging Idan mit ihr über den Flur. „Was wolltest du eigentlich mit der Sprühfarbe in der Tasche?“, fragte Idan. Anne blieb stehen und starrte ins Leere.
„Ich weiß es nicht mehr,“ sagte sie langsam.
An Heiligabend war Idan bei ihr in der Klinik, als plötzlich die Tür aufging und Kira in der Tür stand. Anne freute sich sehr. Kira hatte einen kleinen Plastiktannenbaum mit elektrischen Kerzen im Arm. Sie erzählte von ihrer Arbeit, dem lange Flug, es sprudelte aus ihr heraus wie aus einem Wasserfall. Anne bekam davon Kopfschmerzen. Nach einer halben Stunde gab sie den beiden Geld für ein Essen im Restaurant. Sie wollte nur noch ihre Ruhe.
Im nächsten Jahr würde sie endlich umziehen.

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