Du oder Sie?

Noch nie war die Unsicherheit darüber, wann wer geduzt oder gesiezt wird, so groß wie heute. Alter, Herkunft, Beruf und soziale Nähe oder Distanz entscheiden über den Gebrauch der Anrede

Als im Juli 2006  die BILD-Zeitung mit der Überschrift „Wollen wir uns alle duzen?“ aufmachte, ging ein wohlwollendes Raunen durch die Republik. Dem neuen Wir-Gefühl im Sinne von Gemeinsam-Fußball-Gucken und Fahnenstolz sollte auch in der Sprache endlich Rechnung getragen werden. Denn: Sind wir Deutschen nicht alle irgendwie eine große Familie? Und Verwandte duzen sich schließlich.
Wenn das so einfach wäre. Im Gegensatz zum heutigen Gebrauch des Sie oder Du herrschten früher phantastisch klare Verhältnisse. Kinder mussten Erwachsene grundsätzlich siezen, außer Verwandte. Erwachsene wiederum duzten sich untereinander nur, wenn es sich um Verwandte oder enge Freunde handelte. Auch Sportler im Verein oder Kumpel im Arbeitermilieu waren per Du. Das Siezen galt als Zeichen der Hierarchie und war Fremden vorbehalten. Und wer als fremd galt, war klar definiert.
Und heute? Kinder dürfen manche Erwachsene duzen, etwa einige Lehrer in der Schule, längst jedoch nicht alle. Manager duzen sich auf Chefetagen oder auch nicht, die Sekretärin wird vom Vorgesetzten gesiezt oder geduzt. Bauarbeiter wiederum duzen sich untereinander, kommt der Architekt auf die Baustelle wird dieser gesiezt, manchmal aber auch mit Du angesprochen. Auch regionale Unterschiede gibt es in Hülle und Fülle. Wer wen wann duzt oder siezt lässt sich nicht mehr eindeutig in einem Regelwerk darstellen.
Der Berliner Psycholinguist Rainer Dietrich sieht in der verwirrenden Vielfalt dennoch eine klare Struktur: „Die generelle soziolinguistische Regelung des Du/Sie-Gebrauchs ist eher einfach: Soziale Nähe: Du, soziale Distanz: Sie.“ Die Schwierigkeit liege, so Dietrich, eher in der Handhabung dessen, was die soziale Nähe oder Distanz bestimmt. „Hier scheinen neben den gesellschaftlich einheitlichen Parametern viele individuelle zu bestehen.“
Wie nah oder fern stehen uns also die Personen mit denen wir kommunizieren? Dass lässt sich nicht immer so einfach beantworten. Ein Beispiel: Der 30jährige Peter L. tritt einen Job als Graphiker in einer Werbeagentur an. Dort duzen sich alle, selbst sein Chef tritt ihm mit einem „Hallo Peter“ entgegen und klopft ihm auf die Schulter. Peter L. passt sich dem herrschenden Sprachgebrauch an, der ihm auch von diversen Praktika in anderen Agenturen vertraut ist, und duzt die fremden Kollegen samt Chef ebenfalls. Was aber, wenn einem neuen Mitarbeiter das Duzen schwer fällt, weil es eine Nähe darstellt, die er gar nicht will oder spürt? „Wenn einer lieber Siezen will, soll er es tun“, rät die Münchner Rhetoriktrainerin und Sprachforscherin Imme Schönfeld. Zwar würde man vielleicht zunächst als Außenseiter wahrgenommen, doch „dies ist immer noch besser als sich zu verbiegen“.
Ein Trick, auf unbekanntem Terrain die jeweils passend Anrede zu finden, ist der Perspektivenwechsel. „Versuchen Sie sich in den anderen hineinzuversetzen. Welche Stimmung hat der andere, welche Haltung?“, so Schönfeld. Sensibilität und Wahrnehmung der Umgebung sowie der aktuellen Situation seien wichtig, um passend das Du oder Sie zu wählen. Hat man einmal daneben gegriffen, empfiehlt es sich nach zu verhandeln. Man kann etwa dem bislang Gesiezten im Gespräch das Du anbieten. „Wichtig ist immer bei der Kommunikation das Ziel vor Augen zu haben“, so die 28jährige. Was will ich mit dem Gespräch erreichen?
Wer schon als Kind viel mit anderen Menschen kommuniziert, hat auch später die besseren Karten, wenn es darum geht, flexibel auf Gesprächssituationen zu reagieren. Spüren, was angemessen und richtig ist, das erlernen Kinder kraft ihrer Erziehung. Der Linguist Werner Besch, der ein Buch zum Thema Anrede („Duzen, Siezen, Titulieren – zur Anrede im Deutschen heute und gestern“) geschrieben hat, sieht darin gar den Schlüssel zur Welt:“ Mit Sprache gut umzugehen, ist besser als ein dickes Bankkonto“. Dabei geht es ihm natürlich nicht nur um die richtige Anrede, sondern auch um einen großen Wortschatz. Jedoch gilt: Die Anrede ist oftmals die Tür zu einem erfolgreichen Gespräch. Auf Situationen rhetorisch richtig reagieren, auf Augenhöhe diskutieren oder einfach nur smalltalken – das Gespür für die richtige (An)rede muss erlernt werden. „Das geht durchaus auch im späteren Leben“, weiß Rhetoriktraininerin Imme Schönfeld. Alles eine Frage der Übung, allein der Wille dazu müsse vorhanden sein.
Germanist Besch, der sich intensiv mit der Geschichte des Duzen und Siezens beschäftigt hat, sieht in dem heutigen Anrede-Individualismus auch ein Symbol für die Gesellschaft. „Wir befinden uns in einem Umbruch“. Die Anrede werde immer differenzierter, genauso wie die Biographien der Menschen.
Alles ist möglich, und auch wieder nicht. Das Institut für Deutsche Sprache in Mannheim etwa hat herausgefunden, dass das allgegenwärtige Duzen in einer Firma nicht heißt, dass dort andere oder keine Hierarchien herrschen. Das Gespür dafür, wer wie viel zu sagen hat drückt sich eben nicht nur über Sprache aus, sondern vor allem über die Position in der Firma und periphere Dinge wie die Höhe des Gehalts, Betriebszugehörigkeit etc. Auch an Schulen oder Universitäten, an denen Dozenten und Lehrer ihren Schülern und Studenten das Du anbieten, wird nicht zwangsläufig auf Augenhöhe agiert. Wer die Macht hat, wird allen Beteiligten schließlich täglich vor Augen geführt. Weshalb Studenten und auch Schüler ihr Lehrpersonal heute mitunter gar nicht duzen wollen. Die Oldenburger Abiturientin Wiebke Richter * etwa berichtet wie ihnen ein Lehrer partout das Du aufdrängen wollte. Doch da keiner den Lehrer richtig gut leiden konnte, siezten ihn die Schüler konsequent. „Der hat sich darüber richtig geärgert“, freut sich die 20jährige noch heute.
Erstaunlich, wie sich innerhalb von vierzig Jahren die Verhältnisse derart umkehren konnten. Noch in den 1960er Jahren wäre es in Deutschland undenkbar gewesen, Lehrer zu duzen. Selbst unter Studenten an den Unis war das Sie üblich. Erst mit der linken 68er Generation kam der Wechsel. Studenten begannen sich Ende der 1960er Jahre an den Universitäten immer öfter untereinander zu duzen, allerdings war dies gleichzeitig Zeichen einer politisch linken Einstellung. Das Du als politisches Statement, das besagte, dass man hierarchiekritisch war und zwischen Manager und Hausmeister keinen Unterschied gelten lassen wollte.
Parteimitglieder von SPD, Grünen oder Linken duzen sich untereinander bis heute, allerdings weniger wegen der Hierarchiekritik, sondern um wie im Sportverein, ein Wir-Gefühl zu erzeugen. In konservativen Kreisen wird seit einiger Zeit ebenfalls häufiger das Du gebraucht, etwa unter Politikern der CDU. Hierbei wird das Du vor allem genutzt, um sich jünger zu geben und einem Generationswechsel innerhalb der Partei Ausdruck zu verleihen. Mit dem Du wird heute in der Öffentlichkeit weniger eine politische Einstellung als vielmehr ein junges, dynamisches Image assoziiert. Werbung, die sich an Konsumenten unter 30 richtet, ist zum Beispiel immer in der Du-Form gehalten („Hol dir die Frische…“).
Auch Einflüsse fremder Kulturen haben den Gebrauch von Du und Sie beeinflusst. Seit der schwedische Möbelkonzern Ikea die Deutschen flächendeckend mit Lampen und Regalen versorgt, wissen wir, dass die Schweden sich untereinander ausschließlich duzen. Dies tut Ikea seinerseits gleichfalls mit seinen deutschen Angestellten: Bei Ikea sind alle per Du, ob sie wollen oder nicht.
Auch hierzulande gibt es immer mal wieder Bestrebungen, das Sie gänzlich auf den Müll zu werfen. Siehe die BILD-Zeitung mit ihrer Schlagzeile „Wollen wir uns alle duzen?“ In der Folge wurde in dem Boulevard-Blatt die Frage gestellt, ob Duzen glücklich mache. Die Antwort einer Diplom-Psychologin, die auf BILD.de interviewt wurde, fiel positiv auf. „Duzen stärkt das Wir-Gefühl, schafft Geborgenheit und Vertrauen. Der Mensch fühlt sich dadurch in der Gemeinschaft aufgehoben und hat das Gefühl der demokratischen Gleichheit“. Die Satirezeitschrift Titanic stellte daraufhin die schönsten Du -Sätze zusammen und veröffentlichte sie im Internet: Du als mein Vorgesetzter kannst mich mal.“ „Du bist entlassen.“, „Da ist die Tür!“, „Du hörst von meinem Anwalt!“ und „Ab morgen sag ich wieder Sie zu dir, du Arschloch!“
Genützt hat es alles nichts – das Sie gibt es nach wie vor, auch wenn es zunehmend seltener wird. Soziale Distanz wird zwar nach wie vor empfunden, doch nicht mehr in dem Maße, wie es noch die Großelterngeneration kennen gelernt hat. Das mit dem Du markierte Wir-Gefühl existiert heute immer nicht nur im Sportverein oder im Partei- und Gewerkschaftermilieu, es kann auch dort auftauchen, wo etwa Eltern ihre Sprösslinge in derselben Klasse sitzen haben. Oder auf Reisen. So stellte der Journalist Philipp Mausshardt neulich in der taz fest, dass sich die Duz-Grenze in den Bergen irgendwo bei 1500 Höhenmetern befinden müsse. „Touristen aus demselben Gasthof, die sich am Frühstücksbüffet noch gesiezt hatten, redeten sich zwei Stunden später ohne vorherige Absprache auf der Alm mit dem Du an“. So weit oben, allein auf weiter Flur, wächst also die Solidarität, die soziale Distanz nimmt ab. Ein Trick, den die Bauern im Süden des Landes gerne nutzen, hat Mausshardt festgestellt, sei das Ihrzen. „So, seid´s Ihr auch mal wieder herroben?“ – „Ja, sind wir“, laute die korrekte Antwort in Majestätsform.
Du, Sie, Ihr – nicht überall auf der Welt gibt es solcherlei Mannigfaltigkeit in der Art der Anrede. Während im skandinavischen Raum das Duzen gebräuchlich ist, herrscht im Englischen das „Ihr“ vor. Ganz im Gegensatz zu der Annahme, you bedeute du, benutzen die Briten durchweg die zweite Person Plural, egal wie fern oder nah ihnen eine Person steht. Allerdings: „Die Angelsachsen assoziieren beim „you“ nicht mehr die alte respektvolle Ihr-Form, sondern auch eher das Du“, so Werner Kallmeyer, Soziolinguist am Institut für Deutsche Sprache in Mannheim. Soziale Nähe wird zudem über Satzbau und Wortwahl geschaffen, etwa, wenn einem im Laden eine Verkäuferin fragt: „What can I do for you, love?“ Das hört jeder gern und man fühlt sich gleich gut aufgehoben.
Internetnutzer, die global chatten und ständig auf Englisch schreiben, würden auch im Deutschen häufiger das Du benutzen, so Kallmeyer.
Polen und Tschechen halten es in der Anrede gerne förmlich, ebenfalls die Japaner. Besonders in Großstädten mit hohem Ausländeranteil, kann man da einige interessante Beobachtungen machen. Während das deutsche Mädchen von einer Mutter abgeholt wird, die sich mit „Hallo, ich bin Gabi“ vorstellt, bellt die polnische Mutter „Hallo, hier Tomaszewska“ in die Gegensprechanlage. „Für Ausländer ist es schwer zu verstehen, wann sich Deutsche Siezen oder Duzen“, so Linguist Werner Besch. Wer seine Eltern in seiner Muttersprache siezte, der tue sich schwer mit dem deutschen Du für ältere Menschen, selbst wenn dies ausdrücklich angeboten würde.
Auch soziale und politische Umbrüche bringen Sprachveränderungen in der Anrede mit sich. Während sich in der DDR viele Menschen untereinander mit Genosse und Du anreden (mussten), verschwand dieser Begriff nach der Wiedervereinigung schnell aus dem Wortschatz der Ottonormalverbraucher. Im Gegensatz zu der geläufigen Annahme, in der DDR hätten sich alle duzen müssen, gab es dort auch Abstufungen, die ähnlich wie in der Bundesrepublik, eher im Zuge eines Generationswechsels verändert wurden. „Die jüngeren Leute finden heute viel früher zum Du als wir früher“, heißt es etwa in einem Aufsatz zur Sprachpflege aus dem Jahr 1988. In den meisten volkseigenen Betrieben war traditionell allerdings das Du üblich.
Sie und Du ist immer Ausdruck einer Beziehungsdefinition. Beziehungen wechseln, die Umstände, die sie beeinflussen ebenfalls. So bleibt uns das Austarieren, wer sich mit wem wie anredet, auf Dauer erhalten. Einheitliche Regeln, die für alle gelten, wird es nicht geben. Und auch Regeln, die wir im Ausland beobachten, sind nicht immer gleich gültig. So begrüßte etwa der ehemalige Bundeskanzler Schröder einmal den damaligen US-Präsidenten mit „Hello Bill, du bist willkommen“. In der Annahme, dies sei der typische kumpelhafte Ton der US-Amerikaner. Das Peinliche daran: Selbst Clintons Frau Hillary sprach in der Öffentlichkeit ihren Mann nur mit Mister President an. Fazit: Auch die Amerikaner legen Wert auf Respekt.

Veröffentlicht in Psychologie Heute

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