Die Entscheidung

Seit Monaten dümpelte die Auftragslage auf einem historischen Tiefstand. Ich arbeitete als freischaffende Texterin, Autorin und Journalistin, und normalerweise hatte das Geld immer gerade so gereicht, um die Familie durchzufüttern. Aber seit einiger Zeit war der Wurm drin. Ich fühlte mich wie ein fahrtüchtiges Schiff im Trockendock. Ich wollte arbeiten, aber es ging nicht. Kaum jemand, der etwas von mir wollte, ab und zu eine Reportage für eine Lokalzeitung, ansonsten Stillstand. Nur das Geld auf meinem Konto schmolz dahin wie Butter in der Sonne. Jeden Tag starrte ich auf den Monitor und hoffte auf ein Wunder. Ich ging joggen, spazieren und meditierte, um eine zündende Idee für das Ende dieses Zustands zu gewinnen. Aber es tat sich nichts, mir fiel einfach nichts ein, was sich textlich hätte zu Geld machen lassen können.
Eine Freiberuflerin ohne eigene Ideen ist Mist, und deshalb begann ich mich zu bewerben. Und es fing gut an: Als ein bekannter Online-Händler Publizisten suchte, um die Spracherkennung seiner Software zu verbessern, hatte ich es gleich in den engeren Kreis der Bewerber geschafft. Doch beim finalen Einstellungsgespräch muss dann irgendwas schief gegangen sein, die Absage traf mich wie ein Dolchstoß von hinten. Ich hatte sie nicht erwartet, ja, ich hatte mich sogar wie ein Siegertyp gefühlt, überlegen und natürlich überqualifiziert. Vielleicht war genau das mein Fehler gewesen. Ich hätte nicht so angeben dürfen mit meinen Führungsqualitäten, und wie ich mit dem Versagen anderer im Teamprozess umgehen würde („Immer für alles erst mal bedanken, aber dann volle Kanne einschenken“). Müde und ein wenig gebremst in meinem sonstigen Überschwang schickte ich in der nächsten Zeit weitere Bewerbungen los. Ich schoss sie wie Raketen in den Orbit, säte Samen und tunte ständig meinen Lebenslauf im Hinblick auf die Jobanbieter. Am meisten waren fleißige Bienen für die Unternehmenskommunikation gesucht, Coypwriter oder Content-Manager etwa. Auch als Online-Redakteur hatte man gute Karten, Arbeit zu finden. Am Tag schaffte ich manchmal bis zu fünf Bewerbungen und meistens hatte ich die Stellen nach fünf Minuten wieder vergessen. Da die suchenden Startups und Global Player im Digitalen Mediengeschäft häufig nicht mal eine Bestätigung schickten, dafür, dass sie die Bewerbung erhalten hatten, und ich auch danach häufig nichts von ihnen hörte, hätte ich mir die Arbeit auch gleich sparen können. Doch seltsamerweise machte mir das Bewerben Spaß, ich feilte stundenlang an Motivationsschreiben, schnippelte meinen Lebenslauf zurecht, wog jedes Wort in der Bewerbungs-E-Mail ab – und wurde dabei wahrscheinlich immer besser.

Eines Tages war es soweit. Nach einem Wochenende voller Selbstzweifel („aus dir wird nie mehr was, mach´s wie alle und geh hartzen, höchstens als Kassiererin geht noch was“) saß ich eines Montagmorgens vor meinem Rechner und wurschtelte mich gerade durch die Recherche über Bioputzmittel für die Lokalzeitung, als das Telefon klingelte. Ich zuckte erschrocken zusammen, denn den Ton des Telefons hatte ich schon fast vergessen. Es meldete sich die Personalangestellte eines größeren Unternehmens, die mich zum Bewerbungsgespräch einlud. Ich hatte gerade aufgelegt, als es wieder klingelte. Am Telefon war diesmal der Geschäftsführer eines Berufsverbands, bei dem ich mich um eine Redakteursstelle (Verbandsmonatszeitschrift) beworben hatte. Auch er lud mich zum Bewerbungsgespräch ein. Um es kurz zu machen: Innerhalb von zwei Tagen wurde ich zu vier verschiedenen Job-Interviews geladen. Außerdem kamen noch drei Anfragen von Startups herein, die mich als Texterin engagieren wollten. Als am dritten Tag auch noch ein Schuldirektor anrief, der mich als Deutschlehrerin haben wollte (Ja, auch das hatte ich in Erwägung gezogen und mich beworben) war ich völlig aus dem Häuschen. Ich sah im Geiste die Raketen, die ich losgeschossen hatte, am Himmel explodieren. Die Saat war aufgegangen und überall platzten Knospen auf. Es keimte! Doch was sollte ich tun? „Lass sie entscheiden, wer dich haben will“, war meine erste Reaktion. Was blieb mir auch anderes übrig? Es musste Geld fließen, und zwar schnell. Alles andere war im Grund egal. Doch nach einigen schlaflosen Nächten fertigte ich eine Hitliste an. Welchen Job wollte ich wirklich am liebsten machen? Weiter als Autorin arbeiten für Startups, die sich mit Steuern oder Luxusimmobilien beschäftigten, Texterin in einer Kreuzfahrtreederei sein, eine Verbandszeitschrift für Gynäkologen bereichern oder Jugendlichen Deutschunterricht geben? Ich entschied mich sehr schnell, und mit einem Mal fragte ich mich, warum ich nicht längst darauf gekommen war: Ich wollte am liebsten Lehrerin sein. Weg von der Arbeit am Bildschirm, raus in die reale Welt! Genau das hatte mir seit einiger Zeit gefehlt und vielleicht war es deshalb nicht weitergegangen mit mir und den Aufträgen. Voller Elan ging ich zu dem Bewerbungsgespräch, der Anfahrtsweg zur Schule (über 60 Minuten) störte mich kein bisschen (immerhin kam ich so mal in einen ganz anderen Teil der Stadt). Und egal, ob es wirklich mit der Stelle klappen würde – ich hatte endlich einen Plan.

P.S. Es hat geklappt!

Ein Gedanke zu “Die Entscheidung

  1. Liebe „Ex-Kollegin“, liebe Leidgenossin, liebe Christine: Danke für deine ehrliche Beschreibung des Daseins als Autorin, Lektorin und Jobsuchende. Das hätte ich wortwörtlich abschreiben können für mich. Noch macht mir aber das Bewerben keinen Spaß, leider bezweifle ich sehr, dass ich jemals EINE Einladung bekomme, leider wollte ich noch nie Lehrerin werden und habe auch nix nix studiert, was sich eignen würde für den Job … Ich gratuliere dir von ganzem Herzen – und vergiss dennoch nicht, weiter Geschichten zu schreiben. Alles Liebe, Verena

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