Die Wohnung


 

Sie war von Anfang an eine Nummer zu groß, zu mondän, zu neu, zu einfach alles. Die Wohnung in dem 90er-Jahre-Bau hatte ein Bad mit Marmorfliesen, die ich hässlich fand. Der Teppich war aschgrau in allen Zimmern, sogar im Flur, und in der Küche dominierte eine weiße Einbauküche, auf grauen Fliesen – leer hatte die Wohnung eher wie ein Büro ausgesehen. Und sie war eigentlich zu teuer.
Dennoch zogen wir ein.
Die Lage neben der schönsten Schwimmhalle der Stadt unweit der Museumsinsel hatte uns überzeugt, und da sie sich in der obersten Etage befand, konnten wir weit über die Stadt schauen. Ich wusste, dass man hier mit Kindern verhältnismäßig sicher lebte, wenn man das von einer Innenstadtlage überhaupt sagen kann. Und es war ein Neubau mit funktionierenden Wasserleitungen und guter Isolation. Das war in der alten Wohnung nicht selbstverständlich gewesen.
Schon bald nach dem Einzug hatte ich Angst, die Miete könnte zu teuer sein, und die Angst war keineswegs unberechtigt. Sie befiel mich von Anfang an mit schönster Regelmäßigkeit und ich sah im Laufe der Jahre in der Wohnung bisweilen eine arrogante Diva, der wir eigentlich zu schnöde waren. Zu wenig Geld hatten, keine angemessene Einrichtung, zu unpassend im Bezug auf unseren Lebensstil. „Freischaffende Künstler und Autoren – pah!“, hörte ich es manchmal aus den Wänden zischen. Vollbeschäftigte Doppelverdiener mit Autos in der Tiefgarage hätten sicherlich besser gepasst. Aber nun waren wir da. Und das ließ sich so schnell auch nicht mehr ändern.
Anfangs hatten wir noch nicht mal Billy-Bücherregale, sondern irgendeine selbstgebastelte Konstruktion. Im Laufe der Jahre strengten wir uns jedoch an, einige der Wohnung ebenbürtige Möbel zu kaufen, ein gutes Sofa etwa, das wir mit Stoffen abdeckten, um es zu schonen. Und es kamen echte Regale ins Haus, besagtes Billy(g)modell zwar, aber es machte doch etwas mehr her, als die Vorgängerversion. Auch ein Wohnzimmertisch kam ins Haus und ein neues Bett. Vorher hatten wir Eltern auf dem Boden geschlafen, was mir bis heute eigentlich das Liebste ist, aber wo das Bett schon mal da war, schliefen wir natürlich darin.
Im Haus lebten außer uns noch weitere 23 Mietparteien und es dauerte eine Weile, bis ich sie alle kennengelernt hatte. Im Prinzip gelang das aber nie, denn ständig zogen Leute ein und aus, und kaum hatte man die Neuen kennengelernt, waren die Alten schon wieder ausgezogen. Ein harter Kern von zehn Mietern blieb stoisch wohnen im Haus. Alle hatten geregelte Jobs, Handwerker, Restaurantbesitzer, Reinigungsunternehmer etc. Es war eine gemischte Truppe, auch Rentner waren dabei. Wir waren die einzigen Freiberufler, und wahrscheinlich fragten sich viele hinter vorgehaltener Hand, von was wir eigentlich lebten. Das fragten wir uns schließlich auch ständig. Mehrmals hatte uns eine gute Idee vor dem Bankrott gerettet, und das war im Prinzip unser einziger Schatz. Wir hatten Ideen und manchmal warfen sie Geld ab. Einmal gründeten wir einen Verlag, und gleich die ersten zwei Bücher entpuppten sich als Bestseller. Leider die vier weiteren überhaupt nicht, weshalb die Sache mit dem Verlag bald wieder den Bach runterging. Ich jobbte daher einige Zeit in einem anderen Verlag und schaffte es auf diese Weise unseren Schuldenberg ein Stück weit abzutragen. Dann kam die nächste rettende Idee und wir machten mit einem Biografie-Dienst einige Zeit ganz gute Geschäfte, sodass die Miete für die Wohnung locker aufzubringen war. Aber auch diese Ära ging irgendwann zu Ende und wir standen wieder da wie der Ochs vorm Berg. „Könnt Ihr nicht mal was durchhalten?“ schnaufte die Wohnung vorwurfsvoll, wenn ich abends im Bett lag und nicht einschlafen konnte vor lauter Geldsorgen. Ich schluchzte und zog mir die Decke über den Kopf.
Es war ein einziger Kampf und schuld war vor allem die Wohnung. Wäre sie nicht so teuer gewesen, hätten wir weniger arbeiten müssen, bzw. wäre uns das Fehlen der Arbeit gar nicht so aufgefallen. Aber wir schafften es einfach nicht wieder hinaus. Die Wohnung war unser Zuhause geworden und jedes Mal, wenn wir darüber nachdachten, endlich eine günstigere Bleibe zu suchen, befiel uns eine unerklärliche Lähmung. Und irgendwann war es zu spät: Die Mieten waren in der ganzen Stadt derartig gestiegen, dass die Suche nach einer günstigeren Wohnung in einer vernünftigen Lage mehr als aussichtslos war. Wir steckten fest, und als mir das klar wurde, begann ich die Wohnung zu hassen.„Ich werde schon mit dir fertig“, schrie ich eines Morgens die Marmorkacheln im Badezimmer an und noch am selben Tag begann ich im Internet bei der Übernachtungsplattform Airbnb ein Konto einzurichten. Sobald eines der Kinder auf Klassenfahrt war oder bei Verwandten, würden wir ihre Zimmer vermieten. Vielleicht sogar auch das Wohnzimmer oder das Schlafzimmer. Wir rechneten aus, dass wir die Hälfte der Miete, wenn es gut lief, über das Ferienzimmergeschäft, würden aufbringen können. Das ließ mich wieder ruhiger schlafen und die Aussicht auf nette Leute aus aller Welt in unserer Wohnung schien mir durchaus willkommen, um unsere desolate Lage mit positiver Vibration aufzupeppen.
Wir räumten auf, machten nette Fotos und preisten „the nice view over the centre oft the city“ an. Dann ging es los. Kaum hatten wir unseren Account freigeschaltet, rannten uns die ersten Gäste die Bude (pardon!) ein. Ein junges Pärchen aus Kiel machte zu Pfingsten den Anfang. Als sie klingelten, waren wir gerade mit dem Aufräumen des zu vermietenden Schlafzimmers fertig geworden. Wir tranken gemeinsam Kaffee und fanden uns sympathisch. Zu allem Überfluss waren sie kaum da und benutzen unsere Küche nur zum Frühstücken. Dennoch musste ich mich ständig daran erinnern, das Schlafzimmer nicht zu betreten, denn das war ja jetzt unser Fremdenzimmer. Ich stand mehrmals vor der verschlossenen Tür und war drauf und dran zu schauen, wie es drinnen aussah, aber ich machte dann doch lieber kehrt. Nach drei Tagen waren die beiden wieder weg und alles sah sauber und ordentlich aus wie zuvor. Komisch war es allerdings, wieder im eigenen Bett zu schlafen, das Fremde benutzt hatten. Aber was soll´s, im Hotel passierte einem das schließlich auch ständig.
Als nächstes kamen zwei junge Frauen aus New York, eine von ihnen hatte sich auf dem Flug nach Berlin erkältet und hütete mehrere Tage das Bett. Als sie wieder weg waren, hatten es sich leider ihre Viren bei uns gemütlich gemacht und wir litten hintereinander über mehrere Wochen hinweg an der Grippe, was uns vermietungstechnisch erst mal zurückwarf, denn im kranken Zustand braucht man seine Ruhe und keine Fremden auf dem Klo. Die Höhe der Miete begann daraufhin wieder bedrohlich anzuwachsen, und wir überlegten, zur Abwechslung die komplette Wohnung anzubieten und uns einige Tage zur Erholung in das Landhaus eines Freundes einzuladen. Wir räumten alle wichtigen Dokumente in den Schrank im Wohnzimmer, entrümpelten so weit es ging die Zimmer und stellten neue Fotos ein. Das kostete uns mehrere Tage Arbeit, und ich hatte das Gefühl einen Umzug zu bewerkstelligen. Der Einsatz lohnte sich allerdings, denn auf diese Weise hatten wir endlich den Großputz veranstaltet, der schon seit Jahren geplant gewesen war.
Die Wohnung wirkte aufgeräumt ziemlich groß, wie wir erstaunt bemerkten, und sie sah sehr einladend aus auf den Bildern im Internet. „Wollen wir da mal Urlaub machen?“ fragte unser Sohn, als wir das neue Angebot hochluden. Wir kicherten, aber so ganz weit hergeholt war das nicht. Mittlerweile kam mir unser Leben in der Wohnung wie ein Dauer-Feriendomizil vor, für das wir täglich 40 Euro zahlten. „Unsere Ferienwohnung fürs jeden Tag“, sagte ich und bekam einen Hustenanfall. „Wir sollten noch eine Hängematte für den Balkon anschaffen, dann sieht es noch mehr nach Urlaub aus,“ führte ich weiter aus, nachdem der Anfall vorüber war. Mein Mann zupfte nervös an seinem Bart und starrte auf die Airbnb-Idylle im Rechner. Man sah, dass er das alles nicht lustig fand. Aber so war nun mal unser Leben geworden. Absurd.
Noch am selben Abend kamen die ersten Anfragen und wir brachten für ein verlängertes Wochenende eine Familie aus den Niederlanden bei uns unter, die bereit war, 100 Euro pro Nacht zu zahlen. Die Schlüsselübergabe erfolgte über unsere Nachbarn, und als wir von unserem Landausflug zurückkamen, sah die Wohnung unverändert aus, vielleicht sogar einen Tick sauberer. Das machte uns Mut, und wir beschlossen nun öfters Bekannte und Verwandte zu besuchen, die auf dem Land ansässig waren. Doch schon beim zweiten Mal ging die Sache schief. Kurz bevor eine sechsköpfige Kegeltruppe unsere Wohnung für mehrere Tage übernehmen sollte, sagten unsere Gastgeber aus Krankheitsgründen ab. So standen wir auf einmal ohne Dach über dem Kopf da. Hektisch wühlten wir uns durch die Angebote auf mehreren Vermietungsplattformen, um die Kegeldamen umzubuchen, doch wir fanden nichts vergleichbar Gruppentaugliches. „Dann müssen wir eben selber umdisponieren“, sagte mein Mann und rief mehrere befreundete Familien an, bei denen wir eventuell Unterschlupf finden konnten. Aber so einfach war die Sache nicht, entweder scheiterte es am Platz (mittlerweile wohnten viele so beengt, dass sich mehrere Kinder ein Zimmer teilen mussten) oder anderer zu erwartender Besuch wurde vorgeschoben. Schließlich fanden wir durch Zufall (Kontaktbörse Fahrstuhl sei dank) ein Quartier in unserem Haus, Nachbarn wollten gerade für ein paar Tage verreisen und so konnten wir in ihrer zwar kleinen, aber für uns brauchbaren Wohnung Unterschlupf finden. Zu viert teilten wir uns zwei Zimmer, während in unserer Vierraum-Wohnung der Kegelclub Einzug hielt. Immerhin konnten wir diesmal die Schlüsselübergabe selbst vornehmen und signalisierten mit der Bemerkung, wir wären jederzeit im Haus erreichbar, eine gewisse Kontrolle über die Lage. Die Kegeldamen waren schon leicht angeschickert und kicherten in einem fort. Mir gefiel die Vorstellung plötzlich gar nicht mehr, wildfremde Personen in unseren Betten schlafen zu lassen und am liebsten hätte ich die Vermietung sofort rückgängig gemacht. Aber das war nicht mehr möglich, und die Keglerinnen breiteten sich munter in unserer Wohnung aus. Am Abend quetschen wir uns auf die kleine Couch in der fremden Wohnung und schauten Chips knabbernd Dschungelbuch auf einem Luxus-Riesenfernseher, das war ein kleiner Trost.
Als die Benutzer unserer Wohnung am nächsten Morgen ausgeflogen waren (wir hatten sie im Teppenflur kichern hören), gab ich gegenüber meiner Familie vor, etwas Wichtiges holen zu müssen und schaute nach dem Rechten. Der Anblick war verheerend, überall lagen gebrauchte Kleidungsstücke über den Stühlen, in der Spüle stapelte sich dreckiges Geschirr (warum benutzen sie nicht die Spülmaschine???) und jemand hatte auf unserem Klavier ein halbvolles Sektglas abgestellt. Wütend nahm ich es und brachte es in die Küche. Was, wenn es umgefallen und der Inhalt im Instrument gelandet wäre? Ich beschloss, eine Liste zu schreiben mit allen Dingen die verboten waren. Doch dann überlegte ich es mir anders. Durfte ich überhaupt die Wohnung betreten, wenn sie vermietet war? Außerdem war es peinlich, den Hausmeister zu spielen. Mürrisch schloss ich die Wohnungstür wieder ab und kehrte in unsere Gastbehausung zurück. Die Wohnung schien mir nun noch unnahbarer, und ich selbst hatte dazu beigetragen.
Als die Kegeldamen zwei Tage später endlich abgereist waren, hatten wir wieder alle Hände voll zu tun. Wir mussten die Wohnung unserer Nachbarn aufräumen und besenrein hinterlassen und in unserer Wohnung alles wieder so herrichten wie wir es gewohnt waren. Wochenlang hing noch ein übler Geruch – eine Mischung aus Parfüm und Menthol-Zigaretten – in der Luft. Die Weiber hatten das Rauchverbot ignoriert und versucht mit 4711 zu vertuschen. Zum Glück war Sommer und wir konnten bei offenem Fenster schlafen. Ab und zu vermieteten wir unser Schlafzimmer weiterhin an Touristen, doch die ganze Wohnung gaben wir fortan nicht mehr auf.
Einen neuerlichen Zwischenfall gab es mit zwei Fußballfans, denen ich leichtfertig zugesagt hatte und die nach dem DFB-Pokalspiel mitten in der Nacht völlig alkoholisiert zur Tür hereingestolpert waren und die Küche in eine Schlachtfeld verwandelt hatten, weil sie versucht hatten, mit mehreren Promille Alkohol im Blut Spiegeleier zu braten.

So ging der Sommer dahin, wir lernten nette und weniger nette Menschen kennen und bald waren wir Gastgeberprofis. Wir waren freundlich, aber nicht zu freundlich. Wir hatten dank Youtube effiziente Putz- und Aufräumtechniken verinnerlicht und wir hatten uns daran gewöhnt, dass zu allen Tageszeiten fremde Menschen Zähne putzend durch die Wohnung marschierten. In unserem Schlafzimmer schliefen wir Eltern nur noch selten, denn das Auf- und Abbauen der persönlichen Besitztümer, je nachdem, ob sich Gäste ankündigten oder gegangen waren, war uns bald zu anstrengend geworden. So wurde das Wohnzimmer unser ständiger Schlafplatz und bekam einiges an Bedeutungsgewinn, denn vorher war uns nie ganz klar gewesen, weshalb wir ein 30 Quadratmeter großes Wohnzimmer brauchten, so doch die Küche schon Wohnzimmer genug war. Zum Arbeiten allerdings kamen wir an Tagen mit beengten Verhältnissen eher wenig, was mich immer wieder nachts stundenlang abwägen ließ, ob nun die ständigen Gäste und die damit verbundene Enge und Unruhe Schuld an unserer Ideenlosigkeit und dem damit verbundenen Geldmangel waren, oder ob wir ohne Gäste vielleicht noch desolater dran gewesen wären. Ich entschied mich in der Regel für Letzteres, denn was hätte das sonst auch gebracht?

Als ich im Spätsommer eine Idee für ein neues Buchprojekt bekam, mietete ich mittels des mit unserer Wohnung verdienten Geldes eine günstige Ein-Raum-Wohnung in der Nähe an, um dort zu arbeiten. Luftlinie waren es nur 500 Meter von unserer Wohnung zu dieser, doch dazwischen lagen Welten. In die kleine Hinterhofbutze eines typischen Berliner Altbaus im Wedding war die Gentrifizierung noch nicht vorgedrungen, weshalb es in der Küche kein warmes Wasser gab und ein Allesbrenner-Ofen für Wärme sorgte. Da die Heizperiode noch in einiger Ferne lag, störte mich das nicht weiter und ich genoss die einfache Lage fernab des Mitte-Schickimickis. Ich verbrachte so viel Zeit wie möglich hier und einige Male schlief ich sogar auf einer Matratze auf dem Boden, weil es abends spät geworden war. So ging der Sommer endgültig vorüber. Mein Mann kümmerte sich um das Vermietungsgeschäft und den Haushalt, während ich versuchte einen Bestseller zu schreiben. Selbst die Kinder hatten Verständnis und drückten die Daumen, denn seit Harry Potter wussten sie, was möglich war, wenn ein Buch in den Verkaufs-Charts ganz nach oben kletterte. Meine Tochter malte sich aus, was sie alles kaufen konnte, wenn wir endlich reich sein würden und sah ihr eigenes Pferd zum Greifen nah. Der Sohn träumte von einem Studium in Harvard, was angesichts seiner sehr guten Schulleistungen gar nicht so illusorisch war. Ich selbst hatte keinen Zweifel, dass es ein gutes Buch werden würde, aber je länger ich daran saß, desto mehr spürte ich den Druck, der auf mir lastete, etwas derartig finanziell Verwertbares zu produzieren. Um mich abzulenken, jobbte ich in einem Altersheim in der Nähe und kümmerte mich um die Essensausgabe. Das verzögerte zwar meinen Zeitplan, brachte im Ergebnis aber kurzfristig Geld, das trotz der ständigen Vermietungen immer wieder fehlte, weil natürlich die Einraumwohnung Einiges davon wegfraß.

Als der Winter kam, verlor ich den Job im Heim, und da ich auch mit dem Schreiben Probleme hatte, lag es nahe, auch die Wohnung im Wedding für eines Weile als Ferienunterkunft anzubieten. Wir schleppten ein paar Küchenutensilien rüber, kauften bei Ebay-Kleinanzeigen günstig ein Bett und Stühle und funktionierten meinen Schreib- zum Esstisch um. Mein Mann knipste einige Fotos und kurz nachdem wir das Apartment ins Netz gestellt hatten, fragten schon die ersten Gäste an. Doch die Sache hatte einen Haken – wer konnte heutzutage noch mit einem Ofen umgehen? Das mussten wir selbst in die Hand nehmen und daher kamen wir täglich vorbei, um Kohlen nachzulegen. Das war anstrengend, aber so konnte auch niemand sagen, dass wir die Wohnung dem Mietermarkt entzogen, schließlich waren wir ja täglich dort zugegen. Wenn die Gäste nett waren, ließ ich mich sogar manchmal in der Küche nieder und schrieb ein paar Zeilen an meinem Buch weiter. Ansonsten arbeitete ich mittlerweile in unserer Stadtteilbibliothek daran. Dort war es warm und ruhig, und wenn man nicht zu spät am Vormittag auftauchte, gab es noch einen Arbeitsplatz mit Fensterblick auf eine hübsche Brandmauer. So verging die Zeit, und wäre mein Mann nicht krank geworden, hätten wir gewiss eine Weile ganz gut so weiterleben können. Doch es kam anders, die Lungenentzündung traf uns nicht ganz unvorbereitet, denn er hatte schon wochenlang heftig gehustet und um Weihnachten waren wir sogar einmal alle vier am Bellen gewesen und der Hausarzt hatte eine Bronchitis attestiert. Aber bei ihm hörte die Sache einfach nicht wieder auf, und als die Diagnose kam, mussten wir sofort das Vermietungsgeschäft zu Hause stoppen. Die Nachfrage bei der Weddingwohnung dümpelte zu diesem Zeitpunkt mehr schlecht als recht vor sich hin, denn mit Ofenheizung wollten doch weit weniger Besucher der Stadt wohnen, als wir erwartet hatten. Gut, die Fenster waren nicht besonders dicht und einige Gäste hatten sich diesbezüglich mit schlechten Bewertungen („terribble, cold“) auf der Airbnb-Internetplattform verewigt. Aber was waren das auch für Weicheier, und warum mussten sie überhaupt im Winter verreisen, wenn sie nicht bereit waren, das hiesige Klima zu akzeptieren? (Immer im T-Shirt rumlaufen ist doch Sch….)

Jedenfalls musste schnell etwas passieren, denn die Miete kletterte gefühlt wieder himmelhoch nach oben, jetzt auch noch für zwei Wohnungen. Ich vermietete daher als Erstes die Wohnung im Wedding an ein Studentenpärchen unter, um die Kosten von der Backe zu haben. Dann fing ich wieder im Altenheim zu jobben an, dieses Mal als Pflegehelferin. Das verdiente Geld reichte natürlich von vorne bis hinten nicht und so überlegte ich, unseren Verlag zu reaktivieren und via Crowdfunding einem coolen Sachbuch auf die Welt zu verhelfen. Nur zu welchem Thema? In meiner Not griff ich zur ersten Idee, die mir durch den Kopf schoss, und versuchte es mit einem Bildband über das Trampen. Darüber hatte ich schon früher einmal nachgedacht, dass es doch einer quasi untergegangenen Bewegungsform gut zu Gesicht stehen würde, mit einem Buch der Nachwelt in Erinnerung zu bleiben. Ich schrieb das ganze Blabla, was die Leute von der Crowdfunding-Plattform hören wollten und lud das Projekt so schnell es ging hoch. Dann telefonierte ich alle ab, mit denen ich nach dem Abi quer durch Europa getrampt war (die meisten hatten gut bezahlte Jobs und langweilten sich). Ich fragte nach Fotos und Erinnerungen, und barg einen Schatz aus krudesten Geschichten. Mit einigen traf ich mich in Kneipen und feuchtfröhlich gedachten wir der gemeinsamen Zeiten, vor allem aber hoffte ich darauf, dass die Kumpel von einst Geld geben würden für das neuen Buch, sollte heißen, mir mein Honorar als Autorin vorschossen. Während ich meinem Mann in den Wochen seiner Bettlägerigkeit Tee brachte und ihn mit heißen Wickeln aufpäppelte, telefonierte ich mit Pontius und Pilatus, um die Sache voranzutreiben. Und siehe da – es klappte! Kurz bevor uns der Vermieter wegen Mietschulden vor die Tür setzen konnte, traf der Geldregen ein. Ich arbeitete wie ein Pferd, und als es meinem Mann wieder besser ging, kamen auch die Airnbnb-Gäste wieder.
Im Frühling glich die Wohnung wieder einem Taubenschlag und das bescherte uns eine einigermaßen sichere Existenz. Das Buch über das Trampen kam gut voran, ich wühlte in Archiven und Internetforen nach der Historie und den ersten Urtrampern, sammelte Fotomaterial ein und schließlich fand ich noch einen passenden Ort für eine Ausstellung, die Raststätte am Grunewald. Das Ganze nahm ein solches Arbeitspensum an, dass ich mehrere Leute beschäftigte und daher die Wedding-Wohnung wieder reaktivierte, um ein Büro daraus zu machen. Das Studentenpärchen hatte sich sowieso zerstritten und so hatten sie keine Probleme gemacht und sich getrennte WG-Zimmer gesucht. Ich funktionierte zwei alte Türen, die ich im Hof gefunden hatte, als Schreibtischplatten um, besorgte Böcke und Stühle – fertig war die Einrichtung. Zum Schreiben an meinem Bestseller kam ich nur noch selten, aber ich redete mir ein, dass das dem Buch gut tat. Ein Schnellschuss führte selten zum Erfolg, sicherlich reifte der Stoff, wenn er etwas abhing – Literatur Reserva.
Die Ausstellung im Frühsommer war ein voller Erfolg und infolge der Berichterstattung in den hiesigen Medien kam es zu einer kurzen Revival-Trampwelle. Wie zu alten Zeiten tummelten sich Hipster an den Zufahrten zur Avus und probierten aus, wie es ist, nicht zu wissen mit wem man fährt und wann man ankommt (und ob überhaupt). Ich selbst ließ es mir nicht nehmen, auf der Welle zu schwimmen und einmal quer durch Deutschland zu trampen. Natürlich nicht allein, sondern mit dem Reporter eines linken Wochenblatts, das sich der Solidarität verschrieben hatte mit allem und jedem, also auch den Fahrgemeinschaften. So kam eins zum anderen und bald war meine Tramper-Initiative international bekannt, sogar die New York Times berichtete über die Geschichte und unser Engagement. Als die Einladung kam, Vorträge an der Uni zu halten zum Thema »Mobilität Gestern – heute – morgen« wusste ich, dass es erst mal geschafft war. Die Wohnung ließ sich locker bezahlen von den Erträgen aus dem Buchverkauf und den sonstigen Einkünften. So fuhren wir unsere Rolle als Gastgeber zurück, und als wir das erste Mal seit Monaten ununterbrochen unser Schlafzimmer benutzten, konnte ich es kaum fassen. Das Leben am Rande des Existenzminimums war Geschichte. Wir häuften Gewinne an und zahlten Steuern, die Kinder bekamen wieder Taschengeld und ich legte so schnell es ging den Bestseller nach. Noch war mein Name in aller Munde und so war es einfach einen Verlag zu finden. Ich schwamm auf einer Welle des Glücks und ich genoss es.
Die Wohnung hatte  durch das viele Geld von ihrem Schrecken verloren und plötzlich fiel mir auf, wie mickrig die Zimmer aussahen, die albernen Marmorfliesen im Bad waren im Laufe der Jahre noch hässlicher geworden und der graue Teppich fleckig. Wir überlegten Parkett zu verlegen. Doch wollten wir hier wirklich wohnen bleiben? Von Anfang an war die Wohnung ein Kompromiss gewesen, und jahrelang hatte sie uns geärgert. Jetzt träumte ich von einem kleinen Garten, Holzdielen, großen Zimmern, vielleicht sogar einem Leben auf dem Land.
Wir machten uns auf die Suche.

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