Die Jäger

Als Rio sie auf der Straße sah, wusste er, die isses. Er folgte ihr unauffällig in den Supermarkt, zur Post, und als sie in einen Hauseingang schwenkte, schoss er vor. „Kann ich helfen?“, fragte er und lächelte. „Hmm, und wat soll dit kosten?“ fragte sie und kramte in ihrer Handtasche nach dem Schlüssel. Natürlich nüschte,“ protestierte Rio. Helga musterte ihn. „Na, weil Weihnachten is,“ sagte sie und ihr Mund verzog sich kurz zu einem Lächeln. Sie schloss die Tür auf. Rio nahm die schweren Einkaufstaschen, die sie auf dem Boden abgestellt hatte und tänzelte die Treppe nach oben. „Welche Etage?“ … Die Jäger weiterlesen

Die Wohnung

  Sie war von Anfang an eine Nummer zu groß, zu mondän, zu neu, zu einfach alles. Die Wohnung in dem 90er-Jahre-Bau hatte ein Bad mit Marmorfliesen, die ich hässlich fand. Der Teppich war aschgrau in allen Zimmern, sogar im Flur, und in der Küche dominierte eine weiße Einbauküche, auf grauen Fliesen – leer hatte die Wohnung eher wie ein Büro ausgesehen. Und sie war eigentlich zu teuer. Dennoch zogen wir ein. Die Lage neben der schönsten Schwimmhalle der Stadt unweit der Museumsinsel hatte uns überzeugt, und da sie sich in der obersten Etage befand, konnten wir weit über die … Die Wohnung weiterlesen

En Passant

Öffentliche Verkehrsmittel sind Spitze, wenn man mal in anderer Leute Leben schauen will. Da tun sich Abgründe auf und man sitzt seelenruhig daneben. So laut wie dieser junge Mann, vielleicht Student oder Start-Up-Gründer oder beides, im ICE drei Reihen vor mir telefoniert, muss seine „Ma“, mit der er spricht, sehr weit weg sein. Also vielleicht in Arizona. Während sie dort auf einer hölzernen Veranda im Schaukelstuhl sitzt und irgendwo in der Nähe eine Schlange klappert in der heißen Sonnenglut, starrt ihr Sohn zwischen Bielefeld und Hannover missmutig auf sein Notebook. „Das ist immer wieder dieselbe Leier, ich kann es nicht … En Passant weiterlesen

Tat Nacht

Anne knallte die Einkaufstasche auf den Küchenstuhl. Auf dem Weg nach Hause war sie wieder einmal um die Autos, die ihr falsch parkend den Weg versperrten, Slalom gelaufen. Auf dem Gehweg! Sie fluchte leise vor sich hin, während sie Tee kochte. Sie setzte sich mit der dampfenden Tasse an den Küchentisch und klappte ihr Notebook auf. Sie las die E-Mails, die Kira und Idan geschickt hatten und sie beruhigte sich langsam. Kira war ein Jahr in Australien und arbeitete auf einem Meeresforschungsschiff am Great Barrier Reef, Idan bat sie mal wieder um Geld, weil er vor Monatsende pleite war. Er … Tat Nacht weiterlesen

Offene Türen

Alles fing damit an, dass mich ein Paketbote eines Nachmittags an der Haustür fragte, ob ich wüsste wo Leon Koren wohne. Ich hatte den Namen noch nie gehört und gemeinsam studierten wir die Klingeltafel unseres Hauses. Tatsächlich fand ich schließlich unter den 24 Schildern den Namen Koren, und der Paketbote klingelte. Da sich niemand meldete, erklärte ich mich bereit, das Paket entgegenzunehmen. Am folgenden Nachmittag lernte ich Herrn Koren kennen, als er die Post abholte. Ich hatte ihn schon ein, zwei Mal im Hausflur gesehen, jetzt wusste ich auch, wie er hieß. Mehr aber auch nicht, und wahrscheinlich hätte ich … Offene Türen weiterlesen

Nahkampf

Ich will einen Tiger kaufen. Gestern habe ich einen bei unserem Bäcker gesehen. Dort kriegt man manchmal auch Tennisschläger oder Bratpfannen. Seit letzter Woche auch Tiger, knapp zwei Meter lang und aus weichem Plüsch. Einer davon sitzt bei unserem Bäcker im Schaufenster zwischen den Dekobrötchen aus Plastik. Den will ich. „Tach,“ sage ich und trete vor den Tresen, in dem gerade eine Horde Wespen klebrige Backmischungen vernascht. Dieser Bäcker hat weit und breit den schlechtesten Kuchen, weshalb außer allerlei Getier nur selten jemand davon isst. Das Personal tut sein übriges, um arglose Kunden zu verscheuchen. „Tach“, murmelt die blondierte Verkäuferin … Nahkampf weiterlesen

6. Teil Die Irrfahrt

Eilig ging ich im Zickzack durch die Gassen, um vermeintliche Verfolger abzuschütteln und nach kurzer Zeit gelangte ich zu einem kleinen Fischerhafen, der wohl eine touristische Sehenswürdigkeit war, denn überall bummelten Besuchergruppen umher und fotografierten die pittoresken Holzboote. Ich kämpfte mich durch die Menschenmenge zum Kai und atmete tief ein, um die Meeresbrise einzufangen. Wie sollte ich je wieder zum Hotel zurück finden? Ich hatte noch nicht einmal ein Handy dabei, um dort anzurufen. Ich setzte mich auf einen Poller zum Vertäuen der Boote und studierte den in meiner Tasche mitgeführten Hotelprospekt. Auf dessen Rückseite fand ich einen Stadtplan worauf … 6. Teil Die Irrfahrt weiterlesen

5. Teil Die Irrfahrt

„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“, fragte eine tiefe Stimme und erschrocken ob der plötzlichen Störung meines Gedankenruhe sah ich hoch. Ein eleganter Mann mit Stock und Panamahut stand vor mir und verbeugte sich leicht. Sicherlich ein Tourist dachte ich und nickte. Er setzte sich mir gegenüber und bestellte schnell und in fließendem Portugiesisch etwas zu essen. Ich musterte ihn unauffällig und wunderte mich über den teuren Anzug mit Weste und Einstecktuch, den feinen Hut und die Nickelbrille. Thomas Mann oder Hermann Hesse in mittleren Jahren, dachte ich und musste lächeln. Als der Kellner kam und den Kaffee brachte, verlangte … 5. Teil Die Irrfahrt weiterlesen

4. Teil Die Irrfahrt

Im Morgengrauen weckte mich erneut Hundegebell. Ich hob den Kopf, um aus dem Fenster zu schauen. Jede Bewegung schmerzte, und ich hielt stöhnend Ausschau, aber draußen war nichts zu sehen außer der graue Sandstrand und das graue Meer, die Sonne hielt sich hinter den Wolken versteckt. Ich setzte mich auf und rieb mir den Nacken, mein Hals war steif, den rechten Arm konnte ich kaum heben, aber der linke war in Ordnung. Ich sehnte mich nach einem Kaffee. Wie spät es jetzt wohl sein mochte? Ob der Verleger schon bei der Polizei angerufen hatte und nach mir suchen ließ? Mein … 4. Teil Die Irrfahrt weiterlesen